»Gerechtigkeit und Barmherzigkeit: Wort der Kirchenleitung zum gemeinsamen Weg von Juden und Christen« (2017)

© Evangelische-Lutherische Landeskirche Sachsens, »Gerechtigkeit und Barmherzigkeit: Wort der Kirchenleitung zum gemeinsamen Weg von Juden und Christen«, 23.06.2017 (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten der ELKS)

 

»Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Wort der Kirchenleitung zum gemeinsamen Weg von Juden und Christen« (23.06.2017)


 

Am 18. April 1948 hatte die 16. Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens nach eingehender Debatte eine Erklärung zur Schuld am jüdischen Volk als Kanzelabkündigung für den 10. Sonntag nach Trinitatis verabschiedet.1 Dokumente von 1945– 1985. 2. Aufl. Paderborn 1989, S. 544] Seitdem hat sich die Landeskirche wiederholt mit dem Verhältnis von Juden und Christen beschäftigt.

Anlässlich des 50. Jahrestages der Novemberpogrome von 1938 sowie des 40. Jahrestages der Gründung des Staates Israel verabschiedete die 23. Landessynode auf ihrer Herbsttagung 1988 ein „Wort der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens aus Anlaß des 50. Jahrestages der Pogromnacht vom 9.11.1938“. Im Amtsblatt der Landeskirche wurde dies im Juni 1991 veröffentlicht.2

Am 30. Oktober 1998 veröffentlichte die Landeskirche „Eine Arbeitshilfe zum 60. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938“, die das Wort der Landeskirche zum 50. Jahrestag der Pogromnacht, die Erklärung der 16. Landessynode von 1948 und exegetisch-homiletische Bemerkungen zu Römer 14,7–9 (Predigttexte am 8.11.1998) enthält.3

Am 9. November 2016 gab die 12. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland auf ihrer 3. Tagung „Eine Erklärung zu Christen und Juden als Zeugen der Treue Gottes“ als Kundgebung bekannt.4

Auf diese Texte bezieht sich die Kirchenleitung der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, wenn sie sich mit Blick auf das Gedenken zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 mit folgendem Wort an die Gemeinden richtet:

 

(1) „Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“ (Jer 9,23)

Die rabbinische Bibelauslegung weist darauf hin, dass Barmherzigkeit und Gerechtigkeit die Grundlagen sind, mit denen die Welt geschaffen wurde – so ein Gleichnis der rabbinischen Bibelauslegung zu Gen 2,4b.5 Fürst, Noten und Verbesserungen von demselben und D. O[scar] Straschun, und Varianten von Dr. M. Grünwald. Übers. von August Wünsche. Leipzig 1881, S. 57]

(2) Der Schöpfer ruft uns, Christen und Juden, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in dieser Welt nach Kräften zu fördern: „Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; dass uns auch der HERR Gutes tue und unser Land seine Frucht gebe; dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.“ (Ps 85,10–14)

(3) Von diesem Auftrag her lesen Juden und Christen gemeinsam in der Bibel.

(4) Jesus von Nazareth, den wir Christen als Christus bekennen, zitiert „Höre Israel, der Herr unser Gott ist einer“ (Dtn 6,4 zitiert in Mk 12,28 par). Damit lehrt er uns, an der Seite Israels seinen und unseren himmlischen Vater zu bekennen und zu bezeugen.

Jesus stellt zugleich aus Lev 19,18 das Gebot der Nächstenliebe daneben. Daran sind wir Christen besonders auch gegen Israel schuldig geworden.

(5) Ebenso haben wir die Erwartung enttäuscht, die der Apostel Paulus Eph 2,14 beschrieb: „Denn Christus ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und hat den Zaun abgebrochen, der dazwischen war, indem er durch sein Fleisch die Feindschaft wegnahm.“ Christus beendet die Feindschaft zwischen Israel und uns Heiden. Daraus erkennen wir unsere Pflicht, allen Menschen gerecht und barmherzig zu begegnen.

(6) Wir beklagen, dass jüdisches Leben, wie es in Regionen unserer Landeskirche bestand, zerstört worden ist.
Dankbar erleben wir den Zuzug jüdischer Gemeindeglieder und die große Bereitschaft aus den jüdischen Gemeinden in unserer Nachbarschaft, freundschaftlich mit uns zusammen zu lernen und zu arbeiten.

Denn indem wir voneinander und übereinander lernen werden wir auch in unserem je eigenen Glauben und Leben gestärkt und bereichert.
Der Wunsch nach direkter Begegnung ist dabei schon zahlenmäßig eine große Herausforderung für die jüdischen Gemeinden.

(7) In Röm 9,4 bekräftigt der Apostel Paulus „Israel ist mein erstgeborener Sohn“ (Ex 4,22) und fügt in Röm 11,29 hinzu: „Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen.“ Das bestärkt unser Vertrauen auf die Kindschaft der Juden, in die wir Christen durch den Zusammenhang mit Jesus, dem Christus aus Israel, hineingenommen worden sind. Christliches Zeugnis stellt die bleibende Erwählung Israels nicht infrage.

Alle Bemühungen, Juden zum Religionswechsel zu bewegen, widersprechen deshalb dem Bekenntnis zur Treue Gottes und der Erwählung Israels. Wo die bleibende Erwählung Israels infrage gestellt wird, entsteht die Gefahr, judenfeindlichem Denken Raum zu geben.

(8) So sehen wir uns als Christen mit unseren jüdischen Geschwistern berufen, gemeinsam Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in dem von Gott allen Menschen eröffneten Lebensraum zu üben.

 

Dresden, den 23. Juni 2017

 

 

  1. Hans Hermann Henrix/Rolf Rendtorff (Hg.): Die Kirchen und das Judentum. [Bd. 1:
  2. ABl. 1991, S. B 39f
  3. ABl. 1998, S. B 55–62
  4.  http://mobil.ekd.de/synode2016/beschluesse/s16_05_6_kundgebung_erklaerung_zu_christen_und_juden.html (letzter Zugriff am 3. Juli 2017, 9:00 Uhr)
  5. BerR 12,15, in: Der Midrasch Bereschit Rabba, das ist die haggadische Auslegung der Genesis. Mit einer Einleitung von J[ulius
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