Martin Stöhr – ein persönlicher Nachruf

Mit dem Tode Martin Stöhrs hat das Judentum, haben Jüdinnen und Juden in Deutschland, in Israel sowie weltweit einen aufrichtigen Freund verloren. Ich selbst habe Martin Stöhr vor allem als Direktor der Evangelischen Akademie Arnoldshain, des „Martin Niemöller Haus“ kennengelernt. Es war der israelische Historiker und Biograph Ben Gurions, Tom Segev, der – damals noch nicht sehr bekannt –  nach einer Arnoldshainer Tagung zum Nahostkonflikt einen Artikel unter der hebräischen Überschrift „Rachok, rachok bejaar“ publizierte – zu deutsch: „weit, weit draußen im Walde.“

Gleichwohl: dort, in einem auf den ersten Blick von jeder hauptstädtischen Kultur weit entfernten Ort im Taunus, in der Nähe von Frankfurt am Main, vollzog sich auch die Wiedergeburt des deutschen Judentums. War es doch Martin Stöhr, der einer damals jungen jüdischen Generation, zu der ich mich zählen durfte, in vielen Hinsichten den Weg bereitet hat. Konnte ich doch in Stöhrs Leitungszeit bahnbrechende Seminare zum Wiedererstehens des Judentums im Nachkriegsdeutschland veranstalten und zudem an heftig geführten Debatten zur israelischen Politik gegenüber den Palästinensern sowie – last but not least – zum christlichen, zumal protestantischen Antijudaismus teilnehmen und mitdiskutieren. 

Man tut dem Theologen und Theologiehistoriker Martin Stöhr gewiss kein Unrecht, wenn man ihm dieselbe Aufrichtigkeit, denselben Glaubensmut und – ja – auch dieselbe politische Entschiedenheit wie Martin Luther zuspricht: wenn auch in diametral entgegengesetzter Richtung! Als sich die Evangelische Kirche in Deutschland seit den späten achtziger Jahren zunächst sehr zögerlich mit der fatalen,ja  mörderischen Haltung Luthers gegenüber den Juden auseinanderzusetzen begann, war Martin Stöhr von Anfang an dabei. 

1985 erschien – mit einem Geleitwort des damaligen Präsidenten Johannes Rau – der Sammelband „Die Juden und Martin Luther – Martin Luther und die Juden“, in dem ein Aufsatz von Martin Stöhr aus dem Jahre 1961 wiederabgedruckt wurde. 1961, im Jahr des Baus der Berliner Mauer war Stöhr, 1932 geboren, gerade einmal knapp über dreißig und hatte soeben sein Amt als Studentenpfarrer in Darmstadt angetreten. In Einleitung dieses Aufsatzes, der mit einem Hinweis auf Julius Streicher, der sich in Nürnberg auf Luther berief, beginnt, schrieb der junge Studentenpfarrer:

„Die Erinnerung an diesen Tatbestand geschieht nicht, um auf literarischem Wege den Nürnberger Prozeß fortzusetzen[…] Aber Luther ist ein Vater und ein (für manche: getrennter) Bruder im Volke Gottes auf dieser Erde[…] Deswegen ist es notwendig, mit ihm zu reden, denn einmal hat er seine bösen Äusserungen sehr ernst, man kann sagen: blutig ernst gemeint, und zum andern wurden Menschen, unter ihnen auch Julius Streicher […] zum Schuldigwerden ermuntert…“ 

Martin Stöhr (1961)

Jahrzehnte später, 2013 äusserte sich Martin Stöhr anlässlich des Reformstionstages noch einmal zu diesem Thema und scheute sich nicht, Luther das Programm eines Pogroms zuzuschreiben und das auf dessen unreflektiertes Absolutsetzen der eigenen Meinung zurückzuführen: „Wer seine eigenen Auffassungen von Gott, Mensch und Welt absolut setzt“ so Martin Stöhr in einem 2013 online publizierten Text  „braucht die unverfügbare Absolutheit Gottes nicht, wohl aber Mitmenschen, auf die er Herabsehen kann.“ 

Es war diese ebenso fromme wie aufgeklärte Dezentriertheit, die den Akademiedirektor Martin Stöhr nicht nur 1982 dazu brachte, als erster Leiter einer von den Kirchen getragenen Einrichtung einen Juden, Doron Kiesel, zum Studienleiter in seiner Akademie zu ernennen, sondern auch Diskussionen über Israel und die Palästinenser im Rahmen der Tagungen des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für den Frieden im Nahen Osten (DIAK) so zu moderieren, dass wirklich alle – auch gegensätzlichste Auffassungen – zu Wort kamen. Anders als andere evangelische Israelfreunde verfiel Martin Stöhr dabei nie in den Fehler, Israels Regierungspolitik in fundamentalistischer Weise zu verteidigen.

Trauer um das Ableben dieses Freundes ist das Eine, indes: im Judentum gibt es eine Formel, die Trauer  in Hoffnung überführt: „Zikhrono le Brakha“ – möge sein Andenken zum Segen geraten !

Micha Brumlik

Prof. Dr. Micha Brumlik ist Erziehungswissenschaftler und Publizist. Er ist gegenwärtig »Senior Advisor« am Zentrum jüdische Studien Berlin /Brandenburg und Mitherausgeber von »Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart«; letzte Buchpublikation: Wann, wenn nicht jetzt. Versuch über die Gegenwart des Judentums, Berlin 2015. Geboren 1947 in Davos, Schweiz, lebt heute in Berlin. Nach einem Studium der Pädagogik und Philosophie in Jerusalem und Frankfurt/Main war er wissenschaftlicher Assistent der Pädagogik in Göttingen und Mainz, danach Assistenzprofessor in Hamburg. Von 1981 bis 2000 lehrte er Erziehungswissenschaft an der Universität Heidelberg. Von 2000-2013 Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt »Theorie der Erziehung und Bildung«. Daneben leitete er von Oktober 2000 bis 2005 als Direktor das Fritz Bauer Institut, Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, in Frankfurt am Main. Forschungsschwerpunkte: Pädagogik, Ethik, Theorie und Empirie moralischer Sozialisation, Religionsphilosophie. Weitere Informationen finden sich auch auf michabrumlik.de.

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