Widerspruchstoleranz 2. Ein Methodenhandbuch zu antisemitismuskritischer Bildungsarbeit

Aus dem Vorwort

© KIgA e.V.

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Dieses Handbuch zu antisemitismuskritischer Bildungsarbeit richtet sich an Lehrkräfte und außerschulische Pädagogen/-innen. Es schließt – wie der Titel verrät – an das Theorie-Praxis-Handbuch „Widerspruchstoleranz“ aus dem Jahr 2013 an.

Neu ist die thematische Schwerpunktsetzung: Im Rahmen unseres aktuellen Modellprojektes „Anders Denken. Politische Bildung gegen Antisemitismus“ haben wir modular einsetzbare pädagogische Konzepte zur pädago- gischen Auseinandersetzung mit sekundärem Anti- semitismus, Verschwörungsideologien und israelbezogenem Antisemitismus entwickelt. Neu ist auch die Breite der Zielgruppe: Sie finden in diesem Handbuch pädagogische Materialien für die Arbeit sowohl mit Schülern/-innen der Sekundarstufe I (ab 14 Jahre) als auch mit Schülern/-innen der Sekundarstufe II  (ab 16 Jahre).

Gleichgeblieben ist leider die Relevanz einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit aktuellen Formen des Antisemitismus, die in regelmäßigen Abständen zumeist auf traurige Weise offensichtlich wird: Ein 14-jähriger Junge in Berlin sieht keine andere Möglichkeit, als die Schule zu wechseln, weil er dort antisemitisch beleidigt wird. Stolpersteine werden beschmiert oder gar entwendet. Jüdische Gemeinden und Institutionen erhalten unzählige Hass-Mails. Und immer wieder kommt es zu antisemitisch konnotierten Positionierungen und Deutungen im Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt.

Gleichzeitig müssen wir aber auch feststellen, dass der Diskurs über Antisemitismus häufig am Kern des Problems vorbeigeht. Emotional aufgeladen, reflexhaft und weitgehend in starren und vorhersehbaren Mustern sich vollziehend, bieten die öffentlichen Debatten um Antisemitismus oft wenig fundierte Inhalte und viel gefühlte Wahrheiten. Auch das ist ein Problem. Denn eine sinnvolle Auseinandersetzung mit ressentimentgeleiteten Denk- und Deutungsmustern sollte – zu- mindest im pädagogischen Setting – Menschen dazu anregen, die eigenen Bilder und Meinungen kritisch zu hinterfragen. Und die Bereitschaft dazu wecken, sich mit alternativen Positionierungen zu beschäftigen. Die Vermittlung von relevanten Fakten und von Hintergrundwissen ist dabei wichtig. Vor allem, um Dinge in einen Kontext stellen und damit einordnen zu können. Ebenso relevant aber ist die Stärkung von Individuen auf der affektiven Ebene. Denn Ängste und Unsicherheiten gehören häufig zu den – zumeist unbewussten – Grundlagen rassistischer oder antisemi- tischer Feindseligkeit.

So kann als Erkenntnis gelten, dass die Herausforderung der kritischen Auseinandersetzung mit Antisemitis- mus im Anstoß selbstreflexiver Denk- und Lernprozesse besteht. Dabei sollte die Förderung von Ich-Stärke und Ambiguitätstoleranz sowohl als Bildungsansatz als auch als Bildungsziel gelten. Eine antisemitismuskritische pädagogische Intervention hat die Aufgabe, aktuelle Fragen zu bearbeiten, die Motive ihrer Adressaten/- innen herauszufiltern, individuelle Positionierungen historisch und gesellschaftlich zu kontextualisieren und gegen Funktionalisierungen und Instrumentalisierungen deutlich Stellung zu beziehen. Das Ziel der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus sollte es sein, Menschen zum Aushalten von und zum Umgehen mit Widersprüchen zu befähigen. Und so ein Zurückgreifen auf manichäische Deutungen, vereindeutigende Zuschreibungen und verschwörungstheoretische Ansätze überflüssig zu machen.

 

  • Widerspruchstoleranz 2. Ein Methodenhandbuch zu antisemitismuskritischer Bildungsarbeit. Berlin 2017 (Download)

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Das Modellprojekt „Anders Denken“ erstellt Konzepte und Materialien für die antisemitismuskritische Bildungsarbeit mit Schüler/innen der Sek I und Sek II. Die Bildungskonzepte fokussieren aktuelle Formen des Antisemitismus wie den israelbezogenen und den sekundären Antisemitismus, das Feld der Verschwörungstheorien sowie religiös-fundamentalistische Positionen. Sie zielen ab auf die Befähigung zu Ambiguitätstoleranz und kritischer Urteilskompetenz und sind modular einsetzbar – vom eintägigen Projektschultag bis zur fünftägigen Seminarwoche.

„Anders Denken“ sensibilisiert und qualifiziert pädagogische Fachkräfte und Multiplikator/innen durch Fortbildungen und Methodenschulungen. Die Qualifizierungen beinhalten die Auseinandersetzung mit theoretischen, fachdidaktischen und methodischen Aspekten der antisemitismuskritischen Bildung. Sie dienen der Erweiterung von Handlungskompetenz und geben Anregungen für die eigene praktische Arbeit.

Durch den Aufbau einer Online-Plattform schafft „Anders Denken“ ein Forum zu Hintergründen, Diskursen und pädagogischen Ansätzen der Auseinandersetzung mit aktuellen Formen des Antisemitismus. Das Informationsportal orientiert und unterstützt pädagogische Fachkräfte, Multiplikatoren/innen und zivilgesellschaftliche Akteure in ihrem Engagement gegen Antisemitismus.

 

Quelle: http://www.kiga-berlin.org/index.php?page=ueber-uns&hl=de_DE

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