»Arbeitsbericht über die Tagungen 1991–1995 zum Thema Erwägungen zur theologischen Bedeutung des Landes Israel« (1998)

© Lutherischen Europäischen Kommission Kirche und Judentum (LEKKJ), 04.01.1998 (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten der LEKKJ)

 

»Arbeitsbericht über die Tagungen 1991–1995 zum Thema Erwägungen zur theologischen Bedeutung des Landes Israel« (04.01.1998)


 

[Die Lutherische Europäische Kommission Kirche und Judentum hat sich nach Veröffentlichung ihrer Erklärung von 1990 auf mehreren Sitzungen mit der Frage der theologischen Bedeutung des Landes Israel beschäftigt. Eine von allen beteiligten Delegierten akzeptierte offizielle Stellungnahme wurde nicht veröffentlicht. Der Vorstand sah sich veranlaßt, die stattgefundene Diskussion in einem Vorstandsbericht zu dokumentieren.]

 

I. Veranlassung und Problemlage

Die Lutherische Europäische Kommission Kirche und Judentum hat sich in den vergangenen fünf Jahren mit der theologischen Bedeutung des Landes Israel für den christlichen Glauben beschäftigt. Veranlassung dazu waren zum einen die vielfältigen Reaktionen auf die Driebergener Erklärung der Kommission, zum anderen die Überzeugung, daß die Einsicht in die bleibende Erwählung Israels – Grundlage jeder um Erneuerung bemühten Verhältnisbestimmung von Kirchen zum Judentum – das Land Israel einschließen muß, da das Bundesvolk vom Ort seines Heils und seiner Identität nicht zu trennen ist. Die Erklärung der LEKKJ vom 8. Mai 1990 in Driebergen schloß in Abschnitt 4 mit dem Satz: „Wir bitten darum, das jüdische Volk, sein Heil und seinen Frieden in dieFürbitte einzuschließen, und wissen uns verbunden mit allen, die in dem Staat Israel ihre Heimat, Zuflucht und Hoffnung sehen.“ Zuvor hieß es an anderer Stelle: „Wir glauben, daß Gott in seiner Treue Israel durch die Geschichte geführt und es durch die jüdische Glaubenstradition als Volk bewahrt hat. Wir sehen in der Heimkehr in das Land der Väter ein Zeichen der Bundestreue Gottes.“

Diese Sätze bedurften der weiteren Klärung und haben das Thema der Kommissionsarbeitauf den Tagungen in Zinnowitz (Deutschland) 1991, Dianalund (Dänemark) 1992, Venedig (Italien) 1993, Prag (Tschechische Republik) 1994 und Gran (Norwegen) 1995 bestimmt.

Im Mittelpunkt stand das Nachdenken über die Bedeutung des „Landes“ für das Volk Israel und seinen Staat, für jüdische Frömmigkeit und jüdischen Glauben und vor allem über die Frage, ob aus dem Versuch einer neuen Verhältnisbestimmung zwischen Juden und Christen auch Folgerungen für die Beziehungen der Kirchen und der christlichen Theologie zum Land Israel abzuleiten sind.

Dieses Nachdenken wurde geleitet von der doppelten Zielstellung des christlich-jüdischen Gesprächs:

  • christliches Glaubenszeugnis so zum Ausdruck zu bringen, daß keine ungewollten antijudaistischen oder antisemitischen Aussagen abgeleitet werden können;
  • in der Erneuerung des Verhältnisses zum Judentum auch einen neuen Zugang zur Fülle der uns Christen anvertrauten Heilsgaben zu entdecken.

Die Kommission konnte ihr Nachdenken über das Thema nicht mit einer einmütigen Erklärung abschließen, legt jedoch diesen Arbeitsbericht vor, der die entsendenden Kirchen und Organisationen zum Mitdenken einladen möchte.

Gegen eine „Erklärung“ sprach zunächst die Sorge, daß das mit dem Heimkehr-Motiv verbundene Bekenntnis zur Bundestreue Gottes einer Geschichtstheologie Vorschub leisten könnte, die in anderen Zusammenhängen zu gefährlichen Fehldeutungen führen und daher von vornherein zurückgewiesen werden muß. Dies führe – so wurde eingewendet – zu einer Art politischer Theologie, die weder dem jüdisch-christlichen Dialog noch den lutherischen Kirchen zugute käme. Eine Negierung des Bekenntnisses zur Bundestreue des heimführenden Gottes wiederum kann sich belastend auf das Bemühen um gegenseitiges Verstehen zwischen Juden und Christen auswirken.

Davon ausgehend wurden in der Kommission besonders die Fragen nach der theologisch begründeten Bindung des christlichen Glaubens an das Land Israel, nach der Bedeutung der Person Jesu dafür und nach den mit allen Aussagen – gewollt oder ungewollt – verbundenen politischen Implikationen kontrovers diskutiert.

 

II. Die inhaltliche Arbeit

Im Mittelpunkt der thematischen Arbeit standen auf den Tagungen in Zinnowitz und Dianalund Beiträge christlicher und jüdischer Theologen sowie eines sich bewußt säkular verstehenden jüdischen Historikers: Es waren Oberrabbiner Bent Melchior aus Copenhagen, Rabbiner Michael Melchior aus Oslo, die Professoren Yirmijahu Yovel und Amos Luzzatto von jüdischer sowie Ernst Joachim Waschke, Axel Denecke, Stefan Schreiner und Michael Krupp von christlicher Seite. Ihre Beiträge werden im folgenden zusammengefasst und in Beziehung zu den genannten Fragestellungen gebracht.

In Abschnitt 1 der Erklärung von Driebergen wird die „Einzigartigkeit“ des Verhältnisses von Juden und Christen benannt und begründet in dem „Zeugnis von dem einen Gott und seiner Bundestreue“. Die Erwählung Israels zum Volk Gottes ist „nicht aufgehoben und wird in dem neutestamentlichen Bekenntnis zu Jesus als dem gekommenen Messias erneuert und bestätigt: Israel wird nicht durch die Kirche ersetzt.“

Dieser theologische Grundsatz gebietet, zunächst auf jüdische Stimmen zum Thema zu hören und sie zu Wort kommen zu lassen.

 

1. Jüdische Stimmen zum Thema

Bei unseren gewiß nicht das ganze Spektrum repräsentierenden jüdischen Gesprächspartnern wird fast ausschließlich vom „Land“ als „eretz israel“ und als „Land Gottes“ geredet, vom „Staat Israel“ in seiner gegenwärtigen realen Vorfindlichkeit nur in recht zurückhaltender Weise.

Das theologische Verständnis vom Land Israel wird begründet mit den biblischen Landverheißungsaussagen, entfaltet in seiner sakralen und realen Bedeutung wird es durch die Feststellung, daß nur im Land die Gebote in ihrer Gesamtheit zu erfüllen sind.

„Bestimmte halachische Weisungen sind an eretz israel gebunden und nur da zu erfüllen“ (Rabbiner M. Melchior, Zinnowitz) – so sehr andererseits der Grundsatz gilt, daß Juden nicht an heiligen Plätzen, sondern an heiligen Zeiten interessiert sind! (Oberrabbiner B. Melchior, Dianalund).

Die endgültige Verwirklichung der biblischen Landverheißung durch die Inbesitznahme des Landes ist für das von uns gehörte rabbinische Verständnis keine Frage der aktuellen politischen Entwicklung, sondern eine eschatologische Hoffnung und nach biblischer Überzeugung mit dem Kommen des Messias und seines Friedensreiches (Jes 2; 9; Mi 5 u.a.) in eins zu setzen.

Die theologische – heilsgeschichtliche und eschatologische – Begründung der Beziehung zum Land schließt auch die Frage nach derBegründung des Lebens in der Diaspora ein.

Es gibt einen guten religiösen Grund, in der Diaspora zu leben und bewusst nicht im Land: die längste Zeit seiner Geschichte lebte das Volk Israel in der Diaspora, ohne daß dabei seine religiöse Kraft und Identität verlorengegangen wäre. Doch dabei lebte das Volk ständig in der Relation zum Land als eschatologischer Größe und erfuhr dort die Kraft, in der Fremde zu leben. (B. Melchior, Dianalund)

Jüdische Existenz in der Diaspora begründet zugleich die bleibende Verpflichtung zu Toleranz und Minderheitenschutz in den jeweiligen Gastländern.

Nach den von uns gehörten Aussagen bestimmen geschichtliche und eschatologische Elemente auch säkulare Begründungen des jüdischen Verhältnisses zum Land, weil auf das Land bezogene „Erinnerung und Hoffnung (memory and hope)“ insgesamt konstitutiv sind für jüdische Identität (Y. Yovel).

Jüdische Identität wird durch die Erinnerung an Texte der Bibel und an das Land konstituiert. Es gibt keine jüdische – säkulare oder religiöse – Identität über 3000 Jahre hinweg ohne das Land und ohne die Texte der Bibel. Das Land trägt auch für säkulare Juden das kollektive Gedächtnis des Volkes in seinen Texten und in seiner Geschichte in sich.

Das Land repräsentiert per definitionem stets auch ein eschatologisches, zukunftsorientiertes Element. Denn man kann sich seiner nie gewiß sein. So wie für religiöses Denken das verheißene Land ein gefährdetes Gut bleibt, gebunden an das Halten der Gebote, so wie das Kommen des Messias mit dem Frieden in diesem Land verbunden bleibt, so gilt für säkulares Denken, daß das Land erst dem Volk gehört, wenn Frieden herrscht. Durch die Säkularisierung der Zukunftserwartung wird die Gefahr ihrer Perpetuierung gemindert, das Volk macht die Sache des Messias zu seiner eigenen. Die endgültige Inbesitznahme des Landes durch das Volk ist die jüdische Version der christlichen Vision eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“ in der kommenden Welt. Das Land ist bedeutsam als Mittel zur Realisierung dieser Vision, nicht so sehr als ihr Inhalt.

„Eretz israel“ ist politisch neutral und ohne bestimmten politischen Zweck. Es ist gleichwohl unverzichtbar für jüdische Identität. Die Juden brauchen das Land für ihre Identität, nicht unbedingt, um dort zu leben – aber unbedingt, um dort zu leben zu können.

Es gibt jedoch eine tendenziell wachsende Bedeutung des Landes für alle Juden und einen Schwund der Diaspora. Man kann darin eine Sog-Wirkung von eretz israel als gottgewolltes, verheißenes Land sehen. Kein Jude kann sich daher der besonderen Bedeutung dieses Landes und der 3000–jährigen Geschichte, die jeder Jude mit diesem Land hat, entziehen.

Der jüdische Staat birgt in seiner ganzen realpolitischen Zwiespältigkeit eine neue Qualität für jüdische Identität insich,als er– wenn nötig und erwünscht – eine sichere Zufluchtsstätte für alle Juden ist. Die besondere Beziehung der Juden zu ihrem Land aber schließt dieMöglichkeit, es mit anderen zu teilen, ausdrücklich ein (Y. Yovel).

Das Gespräch mit den jüdischen Partnern erbrachte als Ergebnis eine unabdingbare Voraussetzung für jede theologische Arbeit christlicher Kirchen, die um eine glaubwürdige Erneuerung ihres Verhältnisses zum Judentum bemüht sind: Weil die Heilsgabe des Landes konstitutiv ist für das Bundesvolk und selbst für dassäkulare Judentum, kann dies im christlichen Glaubenszeugnis nicht ausgeklammert werden.

 

2. Theologische Erwägungen aus christlicher Perspektive

Die Möglichkeiten der hermeneutischen Umsetzung, durch die diese Einsicht mit konkreten Inhalten gefüllt werden könnte, sind für Christen jedoch begrenzt. Immer wieder werden die Aporien deutlich, die durch die unterschiedlichen Traditionen, Denkfiguren und Bedeutungsinhalte in jüdischer und christlicher Theologie – vielleicht vor allem im Verständnis von Religion und Glauben insgesamt – vorgegeben sind.

Exemplarisch ist dies während der Kommissionsarbeit in drei Problemfeldern deutlich geworden:

 

a) Die „Heiligkeit“ des Landes für Christen

In der Kommission bestand Übereinstimmung darin, daß das Land Israel als Schauplatz des Alten und Neuen Testaments eine besondere Bedeutung auch für Christen hat, die als „Meditationsweg und Verstehenshilfe für die biblische Botschaft“ beschrieben werden kann. Eine darüber hinausweisende theologische Bedeutung blieb strittig.

Einerseits wurde gesagt:

Der christliche Glaube ist an das Wort Gottes gebunden und an keinen wie immer gearteten historischen Ort. Daher ist das Land Israel für christlichen Glauben und christliche Identität in keiner Weise konstitutiv. Es darf nicht davon gesprochen werden, daß die bisherige „Land-Vergessenheit“ christlicher Theologie ein Defizit sei. Der neutestamentliche Befund, der keine eigenständige Thematisierung des Landes Israel zeigt, verbietet von vornherein jede weitergehende Beschäftigung mit dem Thema – so wie die Einsicht in die Verwurzelung des christlichen Glaubens im Judentum nicht heißen kann, daß alle Faktoren der jüdischen Tradition theologische Bedeutung für Christen haben.

Dem wurde entgegengehalten:

Christlicher Glaube ist zwar universal und an kein besonderes Land gebunden – diesem Grundsatz kann nicht widersprochen werden. Aber er verliert sein Recht, wenn der christliche Glaube dadurch die Bindung der Offenbarung Gottes an das bleibend erwählte Volk und sein Land vergißt oder diese Bindung in bloße Metaphorik, Abstraktionen oder ungeschichtliche Kontextualisierung auflöst. Und: auch das Judentum weiß um die universale Gültigkeit seines Glaubens Glaubens. Was bedeutet dies für die Zurückweisung der theologischen Bedeutung des Landes mit dem Argument des christlichen Universalitätsanspruches?

In der Kommission wurde versucht, die Problematik dadurch zu lösen, daß der Begriff „Land Israel“ auf verschiedenen – symbolischen – Bedeutungsebenen verankert wird, um eine Trennung zwischen seiner politischen, religiösen, geschichtlichen und kulturellen Valenz zu ermöglichen. Ein solcher Versuch ist im Rahmen der Bemühung um einen Neuansatz im jüdisch-christlichen Dialog problematisch, da eben diese Trennung dem jüdischen Verständnis grundsätzlich fremd ist.

Eröffnet ein spezifisch lutherischer theologischer Ansatz Auswege? Er könnte vielleicht darin bestehen, daß die „Heiligkeit“ des Landes nicht in einem wie auch immer begründeten substanziellen Sinn gedeutet wird, sondern die Heiligkeit sich im Vollzug des Glaubens, im Hören auf Gottes Wort und im Suchen nach eigenen Antworten jeweils aktuell Gestalt gewinnt. Denn das Wort Gottes hat in der Offenbarung in Jesus Christus einen kontingenten, historisch und geographisch nicht zufälligen Ort gefunden, so daß wir nach Gottes Willen sein Wort nicht mehr anders haben als in dieser räumlich-zeitlich vermittelten „fleischlichen Gestalt“.

In diesem Zusammenhang wurde zugespitzt gesagt: Die Heiligkeit des Landes ist für lutherische Christen nicht an das Land an sich – quasi ex opere operato – durch seine besondere Natur oder durch andere objektive Gegebenheiten gebunden. Vielmehr ereignet sich für uns als Christen die Heiligkeit im Vollzug des Glaubens. Unser Glaube an Gottes in Christus geoffenbartes Wort macht – hier darf durchaus in Analogie zu Augustins und Luthers Verständnis vom Abendmahl gedacht werden – das Land zum „heiligen Land“. Damit eröffnet sich ein deckungsgleiches theologisches Paradigma: Wie für Israel durch die Heilsgabe der Verheißungen und Gebote das Land geheiligt wird, so wird dieses Land für Christen auch durch die Heilsgabe des Glaubens an Jesus Christus im Vollzug des Glaubens zum heiligen Land.

Eine wichtige Voraussetzung für einen solchen, lutherischen“ Beitrag zu einer neuen Theologie des Landes wird unter anderem darin bestehen, die von der lutherischen Tradition oft zu einseitig aufgelöste Spannung zwischen „Gesetz und Evangelium“ in der Rückbesinnung auf Luther selbst neu aushalten zu lernen.

Wenn Christen das in und für Israel geoffenbarte Gesetz als Teil der frohen Botschaft wiederentdecken, dann wird ihnen auch das „Land“, an das dieses Gesetz zuerst und zuletzt gebunden ist, neu wichtig und „heilig“ werden. Nur wenn lutherische Christen sich in diesem Sinn der Wurzel, die sie trägt (Röm 11,18) auf’s Neue vergewissern, wird ihre Bemühung um ein neues, eigenständiges Verhältnis zum heiligen Land nicht als verdrängende Inbesitznahme mißdeutet oder verdächtigt werden können.

 

b) Die Bedeutung der Person Jesu für unser Verhältnis zum Land

Einmütigkeit bestand in der Kommission weiter darin, daß gewiß eine besondere Bindung von Christen an das Land Israel durch den Juden Jesus begründet ist, der im Land Israel geboren wurde, dort wirkte und gestorben ist. Durch ihn erschließen sich den Christen die alttestamentarischen Verheißungen, die an das Land gebunden sind.

Die Entfaltung dieses Grundsatzes blieb strittig. Einerseits wurde gesagt:

Geschichtlichkeit, Authentizität und Diesseitigkeit des christlichen Glaubens sind durch den Juden Jesus einmalig und wesentlich mit „Israel“ verbunden. Dadurch sind wir auch als Christen in ein besonderes Verhältnis zu diesem Land gesetzt. Das in Jesus Christus offenbar gewordene Wort Gottes darf nicht spiritualisiert werden, sondern hat seinen kontingenten Inkarnationsort in diesem und eben nur in diesem Land. Das volle Verständnis der Offenbarung des Heils in Jesus Christus und seinen allen Menschen geltenden Wort kann wesentlich nicht von dem konkreten Ort dieser Offenbarung getrennt werden. Wir haben das heilstiftende Wort Jesu Christi nicht anders als „in, mit und unter“ den „irdenen Gefässen“, zu denen auch der Ort seiner Wirksamkeit gehört – zumal dieser Ort nach biblischem Zeugnis auch der Ort der Wiederkunft Jesu Christi ist. Damit wird das Land Israel im Vollzug des Glaubens auch für Christen und christliche Theologie zum „Heiligen Land“.

Dem wurde entgegengehalten:

Die Betonung der Bindung Jesu an das Land steht in einer theologisch nicht legitimen Spannung zum eigentlich zentralen Bekenntnis des christlichen Glaubens, zum Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Der christliche Glaube hat sich durch Jesus Christus selbst von allen zufälligen Orten und Bindungen gelöst und eine universale Ausweitung erfahren. Die Menschwerdung Gottes geschieht zum Heil für alle Menschen und darf an keinen „heiligen Ort“ und keine „heilige Zeit“ gebunden werden. Die Wiederkunft Jesu Christi ist untrennbar verbunden mit der universalen Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Darüber hinaus besteht auch hier die Gefahr, daß die Betonung der unter Hinweis auf den irdischen Jesus begründeten Heiligkeit des Landes für Christen einer erneuten Verdrängungs- oder Enterbungstheorie Vorschub leistet oder zumindest von Juden so mißdeutet werden kann.

 

c) Das Land Israel in den politischen Gegebenheiten – Wir Christen und der Staat Israel

Besonders problematisch und mißverständlich ist die theologische Beschäftigung mit dem Land Israel in seiner staatlichen Existenz, weil die Grenzlinie zu politischen Urteilen und Optionen nicht klar zu ziehen ist. Wie kann die Gefahr vermieden werden, daß theologische Aussagen über das Land Israel – gewollt oder ungewollt – zur Legitimierung bestehender politischer Ordnungen oder zur Parteinahme in einem Konflikt genutzt werden, der mit den Mitteln der politischen Vernunft zu lösen ist und nicht theologisch überhöht werden darf? Auch und vor allem hier ist die hermeneutische Problematik zu beachten, die sich auftut, wenn mit Definitionen und denkerisch-begrifflichen Eingrenzungen gearbeitet wird, die von Juden so nicht nachvollzogen werden können. Die Warnung vor einer Vermengung theologischer und politischer Gesichtspunkte ist für Christen und ihr Verständnis des „Glaubens“ sicher unverzichtbar, für manche Juden und jüdisches „Glaubens- und Religionsverständnis“ gewiß schwer nachzuvollziehen.

Der 1948 gegründete Staat Israel versteht sich als jüdischer Staat, der Juden aus aller Welt Zuflucht bietet – zugleich aber auch als demokratischer Rechtsstaat für alle seine Bürger, Juden und Araber. Diese Spannung beherrscht den Staat seit seiner Gründung.

Im übrigen ist die schnelle und scheinbar unausweichliche Trennung zwischen theologischen und politischen Fragestellungen nur begrenzt glaubwürdig, da durch Jahrhunderte hindurch dem jüdischen Volk auch aus theologischen Gründen – unter Hinweis auf die Enterbungstheorie oder auf Gottes vermeintliches Strafhandeln – ein eigener Staat abgesprochen wurde.

 

III. Folgerungen und Weiterarbeit

Die Mitglieder der Kommission bitten die entsprechenden Kirchen und Organisationen darum, untereinander das theologische Gespräch zu den offen gebliebenen Fragen zu suchen. Zur weiteren Anregung dieses Gespräches kann auf Wunsch der in der Kommission diskutierte, aber nicht verabschiedete Entwurf einer Erklärung zugesendet werden.

Die Bemühungen der Kommission, gemeinsame Aussagen zum Land Israel unter theologischen Gesichtspunkten zu formulieren, die in die Praxis der Verkündigung und der Unterweisung lutherischer Kirchen einfließen können, geschahen in der Zeit des beginnenden Friedensprozesses im Nahen Osten und eines beängstigend wiederauflebenden Antisemitismus in Europa.

Die Kommission bittet daher zugleich und vor allem um Unterstützung des begonnenen Friedensprozesses durch Solidarität und Gebet, damit es zu einer gerechten Lösung für Israel und Palästinenser kommt.

Die in Israel seit Beginn der Kirchengeschichte lebenden Christen und Kirchen können einen besonderen und unverwechselbaren Beitrag dazu leisten. Die christliche Botschaft von der Versöhnung, das Wissen um den universalen Heilswillen Gottes muß sich hier wie überall in der Welt darin bewähren, jeden einseitigen Radikalismus, jeden lebensfeindlichen Fanatismus zurückzudrängen, die Angst, die immer die Ursache von Gewalt ist, durch Hoffnung zu besiegen.

Die politische Wende in Europa, das Ende des Kalten Krieges zwischen Ost und West und die immer schneller verlaufenden innergesellschaftlichen Differenzierungsprozesse mit den bekannten Begleiterscheinungen von Nationalismus, Fundamentalismus und „Sündenbocksuche“ haben offenbar alten antisemitischen Denkmustern neue Nahrung und neue Akzeptanz gegeben. Die Kommission hat damit begonnen, sich diesem Phänomen zuzuwenden. Die Verpflichtung für alle Christen wird jedoch schon jetzt immer deutlicher und aktueller. Sie besteht darin, mit großem Ernst und sehr besonnen den Glauben „in Israels Gegenwart“ zu bezeugen und zu leben, im Wissen um die bleibende Erwählung des Bundesvolkes, das von seinem Land nicht zu trennen ist.

 

Berlin, 4. Januar 1996
Der Vorstand

 

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