Impulse für den Gottesdienst – Kirchenlieder

Nicht nur Liturgie und Predigt prägen das Verhältnis der Christen zu den Juden, auch die Lieder im Gottesdienst. Darum lohnt Mühe und Arbeit bei ihrer Auswahl – eine Chance, schadende Traditionen zu beenden, heilsame zu stiften; und auch manche Neuerung nicht mitzumachen. So ist die „ökumenische Fassung“ von Neanders „Lobe den Herren“ (EG 316) ein Musterbeispiel für evangelisch-katholische Einigung auf Kosten der Juden. Die vage Formulierung „mit allen, die seine Verheißung bekamen“ (5) statt „mit Abrahams Samen“ zeigt das Bedürfnis, den HERRN nicht zusammen mit seinem Volk Israel zu loben. Israelvergessenheit? Israelverdrängung! Aber da auch die ursprüngliche Fassung im Gesangbuch steht, können wir ja die neue ignorieren und einfach EG 317 singen.

Hilfreich ist hingegen EG 293, eine Nachdichtung von Psalm 117:1 Die Gemeinde singt sich selbst die biblische Einladung zu, zusammen mit Israel den HERRN zu loben und zu preisen, sich nicht als neues Israel – ein altes ablösend und ersetzend – zu verstehen, sondern als auch erwählt, und dieses „auch“ wird durch die Melodie betont. Zudem schwingt in mitgeteilet das vielfache „Mit“ aus Epheser 3,6 mit. Ähnlich ist es mit EG 282, Jorissens Nachdichtung von Psalm 84, vor allem 3-6: Christen aus den Völkern pilgern zum Zion, wollen „mit den Deinen“ von „Jakobs Gott“ erquickt werden (4), im Gesalbten angeschaut, also erwählt (5).

 

Christen sollen dem Gott Israels die Ehre geben, andere Götter zu Spott machen.

Auch die in Konkurrenz zum Genfer Psalter entstandenen Cornelius Becker/Heinrich Schütz-Psalmen geben dem Evangelium biblischen Klangraum: EG 276,1-4; EG 295; EG 296 (Becker, aber nicht Schütz, sondern Genf). Freilich sind nicht alle Psalmennachdichtungen brauchbar: Einige treiben die Identifizierung der christlichen Gemeinde mit Israel, gegen die als solche nichts zu sagen ist, so weit, dass Israel durch die Kirche ersetzt wird, weshalb von EG 299, Luthers Nachdichtung von Psalm 130, leider nur die ersten drei Strophen singbar sind – Israel rechter Art, Israel nach dem Geist (4) gehört zu einer Tradition, die wir nicht weitertradieren sollten; und Israels Sünden (5), gewiss nicht zu bestreiten, sind nicht Thema eines christlichen Gottesdienstes. Auch bei EG 290, eine Mischung der Nachdichtungen von Psalm 105 durch Jorissen und Stapfer, müssen wir ein bisschen auswählen, auch die Strophenfolge etwas ändern: 2.5.4.7 ergeben ein Lied, mit dem die Völker die großen Taten Gottes an seinem Volk staunend preisen. Unbrauchbar ist hingegen EG 502, das freilich keine Psalmnachdichtung ist: da ist Israel (1.5) schlicht Synonym für die Christenheit. Manchmal lässt sich aber auch gut mit dieser Identifizierung arbeiten, wenn man die Lieder – möglicherweise gegen die Intentionen ihrer Verfasser – beim Wort nimmt: EG 393,1-2 wird dann eine Aufforderung zur Völkerwallfahrt; EG 326,5f. ein Lob auf die mütterliche und väterliche Treue Gottes zu Israel – dann bekommt auch die 8. Strophe neuen Sinn: Christen sollen dem Gott Israels die Ehre geben, andere Götter zu Spott machen. Und EG 331,9 klingt, wörtlich genommen, wie eine Paraphrase von Psalm 33,12, biblisches Motto des Israelsonntags; nimmt man die Strophen 10-11 hinzu, klingt noch stärker unsere Angewiesenheit auf Gottes Treue zu Israel an, aber auch unsere Schuldgeschichte gegenüber dem jüdischen Volk. Wörtlich genommen ist auch EG 137,5 – Mut zu streiten mit den Feinden Israels – großartig und leider immer wieder aktuell; auch die 3., 4. und 6. Strophe geben christlicher Glaubenspraxis biblisch-jüdische Orientierung.

Vom Osterlied EG 114 passen die Strophen 6-9 auch an anderen Sonntagen: die 6. erinnert daran, dass unser Herr Jesus Christus nicht nur ein geborener, sondern auch ein auferstandener Jude ist – die Kombination aus jüdischem Löwen und erwürgtem Lamm stammt aus Offenbarung 5 –, die übrigen Strophen machen deutlich, dass wir trotz des österlichen Siegs noch nicht am Ziel, sondern im Kampf sind: Die Welt ist noch nicht erlöst. Das ist auch in EG 375 hörbar: das Blumhardtsche „Jesus ist Sieger!“ klingt da nicht triumphal, sondern (3) seufzend, und die Melodie (Es ist genug) unterstreicht das.

 

Impuls für die Praxis

Da dem erwähnten Lied EG 137 in der Reihe biblischer Gestalten die Frauen fehlen, hat Matthias Loerbroks dem Lied vor Jahren ein paar Strophen hinzugedichtet, um sie an passender Stelle dazwischen zu streuen:2

Gib uns Miriams genauen / Blick, der deine Taten schaut; / Miriam, die mit allen Frauen / kräftig auf die Pauke haut. / Eine Frau nennt Ross und Reiter / und bejubelt beider Sturz / und ihr Lied klingt in uns weiter: / übermütig, drastisch, kurz.

Lass Deborahs Ruf zum Aufstehn / nicht verhallen ungehört: / lass ihn uns befolgen, auch wenn / er Bequemlichkeiten stört. / Lass uns nicht kapitulieren / vor der Feinde Übermacht, / sondern darauf insistieren, / dass dein Aug über uns wacht.

Gib uns Ruths ganz unbeirrte / Treue, die mit dir mitgeht; / und dein fremdes Volk nicht störte / ihre Solidarität. / Nur und erst der Tod soll scheiden / uns von Israels Geschick; / lass uns ihm den Platz nicht neiden, / sondern einstehn für sein Glück.

Gib uns Esthers Mut und Anmut, / Schönheit, Charme, Geschicklichkeit. / Wenn wer Israel was antut, / mach zur Hilfe uns bereit. / Mach uns frei vom maledeiten / Protestanten-Grau-in-Grau; / lass mit allem uns arbeiten, / auch den Waffen einer Frau.

Gib uns Hannas und Marias / Lust am Umsturz dieser Welt, / die ohn Angst vor Anarchie das, / was verheißen ist, festhält. / Lass uns nicht verbohrt, verbissen / aufs Bestehende bestehn, / sondern klug, geschickt, gerissen / umwälzende Wege gehn.

  1. Falls Liedblätter produziert werden, sollte statt „Heiden“ „Völker“ eingetippt werden, und dann: „preist ihn, Nationen allzumal“ – dass mit Heiden wir Nicht-juden gemeint sind, verstehen nur noch wenige.
  2. Loerbroks, Matthias, Lieder verbessern, Lieder ergänzen, in: F. Eberding u.a. (Hg), Unterwegs. 100 Jahre Rudolf Weckerling, Berlin 2011, S. 269-271.
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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

AG

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