Nachwort

Im Frühjahr begleiteten meine Frau und ich ein befreundetes Ehepaar mitten in Berlin von unserer Wohnung zur nahe gelegenen Station der Hochbahn. Unsere Gäste, die wir noch ein Stück Wegs geleiten wollten, leben in Jerusalem, aber haben immer wieder in Berlin zu tun und mögen die Stadt eigentlich – auch wenn mit diesem Ort schmerzliche Erinnerungen verbunden sind. Der Vater der Frau hat in Berlin an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums studiert und den alltäglichen Judenhass der dreißiger Jahre am eigenen Leib zu spüren bekommen. Vor einiger Zeit kamen wir darüber ins Gespräch, als wir gemeinsam eine Postkarte von ihm ansahen, die er von seiner Berliner Wohnadresse 1936 an die Hebräische Universität in Jerusalem geschrieben hat, um nach einem Sommersprachkurs dort zu fragen. Er wohnte damals direkt um die Ecke der heutigen Theologischen Fakultät am Berliner Hackeschen Markt. Das Ehepaar, das wir im Frühjahr durch die Stadt begleiteten, lebt ganz selbstverständlich auch auf Reisen seine jüdische Identität, so trägt der Mann Kippa. Als wir uns nun gemeinsam auf den Weg zur Station machten, zog er direkt nach Verlassen unseres Hauses aus seiner Jacke eine Mütze und setzte sie auf den Kopf über die Kippa mit den Worten: „Überall kann ich Kippa tragen. In Berlin sollte ich es nicht tun, wurde mir geraten.“ Wir gingen weiter und ich habe meiner Erinnerung nach irgendetwas davon gesagt, dass es in dieser Stadt in der Tat schlimme Vorfälle gab, aber man das ja nicht hinnehmen darf und wir uns alle einsetzen, damit man auch in Berlin wieder ohne Angst Kippa tragen kann.

Die Szene ist mir lange nachgegangen. Lange auch deswegen, weil es (wie so oft) beim gut gemeinten Reden blieb. Natürlich ist Reden wichtig. Wenn man beispielsweise beim Kaffeetrinken in einer christlichen Gemeinde alte und neue Vorurteile hört, dann muss man sich Zeit nehmen und reden. Wenn Menschen in christlichen Gemeinden mal eben den Nahost-Konflikt lösen (aber bezeichnenderweise nicht den Nordirland- oder Katalonien-Konflikt), alle Einwohner Israels oder gar alle jüdischen Menschen für die Politik einer Regierung verurteilen, dann darf man sich nicht gelangweilt abwenden und seiner Wege ziehen. Wie auch an anderen Stellen unserer Gesellschaft ist Zivilcourage gefordert, sich mit Wort und Tat einzusetzen und das – wie das eingangs erwähnte Beispiel zeigt – oft direkt vor der Haustür. Viele Menschen haben niemand, der ihnen eine Postkarte aus dem Jahre 1936 vorlegt und davon erzählt, dass nur sehr wenige Verwandte nach Jerusalem entkommen konnten, viele Menschen ahnen gar nicht, was es bedeutet, unter solchen Umständen eine Kippa ängstlich verbergen zu müssen und gut gemeinte, aber laienhafte Vorträge über Israel, israelische Politik und jüdische Präsenz aus christlichem Munde anhören zu müssen.

Wer wie ich an einer Universität arbeitet und dazu ein Institut leitet, das sich seit über fünfzig Jahren um die Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses bemüht, glaubt fest daran, dass Gespräch und Information schon eine ganze Menge helfen – also die Arbeit, die das Institut Kirche undJudentum in Kirche wie breiter Öffentlichkeit leistet und zu der es andere Menschen anleiten und befähigen will. Natürlich muss denen, die anderen eine Kippa vom Kopf schlagen, nicht nur mit der Kraft des Argumentes entgegengetreten werden. Sie gehören dafür nach allen Regeln des Rechts bestraft und es darf hierzulande keinen Zweifel daran geben, dass das Recht, eine Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen, auch durchgesetzt wird – und niemand an den Gerichten zweifeln muss wie in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Anlass zum Zweifel bestand.

Ich habe meine jüdischen Freunde gefragt, was sie davon halten, dass Christenmenschen aus Solidarität bei bestimmten Anlässen auch eine Kippa tragen, so wie auf einer großen Demonstration in Berlin im letzten Jahr. Sie fanden das eine hilfreiche Geste – und wir haben dabei ein bezauberndes Gespräch über Typen von Kippot und ein Hut-Geschäft in Jerusalem geführt, das es seit 1912 gibt. So sind neben Information und persönlichem Gespräch auch öffentlichkeitswirksame Zeichen hilfreich und notwendig, damit wir Zeichen gegen anwachsenden Antisemitismus und Antijudaismus setzen. Selbstverständlich ist auch präzise wissenschaftliche Analyse gefragt, damit die gelegentlich postmodern kostümierten klassischen Sichtweisen neurechten und autoritär-konservativen Denkens über angeblich notwendige nationale Identitäten entlarvt werden. Auch die immer wieder zu hörende Kritik am Zionismus ist oft nur billige Verkleidung antisemitischer Vorurteile bar jeder historischen Kenntnisse. Und auf die Sprache müssen wir alle miteinander achten: Manchmal hilft schon der Hinweis, dass die Formulierung „Man wird doch mal sagen dürfen“ weniger unschuldig ist, als dem oder der, die sie äußern, bewusst ist.

In jedem Fall sollten wir uns – insbesondere in den christlichen Kirchen – sehr genau überlegen, wie wir unseren Alltag gestalten. Beispielsweise gehört die Frage, wie wir das Recht, Kippa zu tragen, verteidigen, in die allgemeine Öffentlichkeit und nicht in dieNachbereitung eines Spaziergangs in Berlin-Schöneberg. Weil das alles so ist, freue ich mich von Herzen über die Broschüre, zu der ich gerade ein Nachwort schreibe. Sie ist eine gute Hilfe beim Informieren, Planen und Handeln. Sie macht Mut für die nächsten, so dringend notwendigen Schritte.

Daher danke ich allen Autorinnen und Autoren und grüße alle, die sie lesen werden, sehr herzlich.

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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

AG

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