Impulse für den Gottesdienst – Aaronitischer Segen

„Was ich wirklich gern tun würde, weißt du, ist, dich segnen.“ Er hob die Achseln. „Wie würde das aussehen?“ – „Nun, meiner Vorstellung nach würde es so aussehen, dass ich dir die Hand auf die Stirn lege und den Segen Gottes für dich erbitte. Aber wenn dir das peinlich ist …“ Es waren ein paar Leute auf der Straße unterwegs.

„Nein, nein“, sagte er. „Das stört mich nicht.“ Und er zog seinen Hut, setzt ihn sich aufs Knie, schloss die Augen und neigte den Kopf, bis er fast an meiner Hand ruhte, und ich segnete ihn wirklich nach Kräften, so es sie gab, und sprach den Segen aus dem vierten Buch Mose, natürlich: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“

Es gibt nichts Schöneres noch mir mehr aus der Seele Sprechendes – das schon gar nicht –, noch der Situation Angemesseneres. (aus: Marilynne Robinson, Gilead)1

„Segne dich ER und bewahre dich; lichte ER sein Antlitz dir zu und sei dir günstig; hebe ER sein Antlitz dir zu und setze dir Frieden.“

So übersetzt Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig Numeri 6, 24-26. Moses erfährt diesen Segen von Gott – wie die Gebote, wie den Auftrag, das Volk Israel durch die Wüste zu führen. Moses soll diesen Segen an Aaron weitergeben und an Aarons Söhne auch. So geschieht es, bis zum heutigen Tag.

 

So endet jeder Gottesdienst – bewusst oder oft unbewusst – in christlich-jüdischer Verbundenheit.

Gottesdienst ist ein Ort der „Israelerinnerung“;2 er ist „Israelhaltig“.3 Am Segen am Schluss wird das besonders deutlich. Im Synagogengottesdienst gehören diese Segensworte bis heute dazu. Der Gemeindeleiter oder der Rabbiner sagen die Worte am Schluss des Gottesdienstes. Bei der Schabbatfeier in der Familie segnen die Eltern die Kinder. Im Priestersegen am Schluss des Gottesdienstes vollzieht sich also eine wechselseitige Verbundenheit. In der Synagoge und in der Kirche wird teils unterschiedliche liturgische Sprache gesprochen, und das kann und darf auch so bleiben. In den Psalmen, im Sanctus, in Hosianna und Halleluja und eben vor allem im aaronitischen Segen sind die Religionen in besonderer Weise verbunden – ohne dass es explizit erwähnt wird. Die Verbundenheit vollzieht sich, wie sich der Segen selbst vollzieht.

Martin Luther hat den Segen in den Schluss des evangelischen Gottesdienstes wieder eingeführt. Seitdem ist genau dieser Segen zu einem Kernbestandteil des christlichen Gottesdienstes geworden. Segen ist „die ganze Theologie auf einen Haufen“, hat er gesagt. So endet jeder Gottesdienst – bewusst oder oft unbewusst – in christlich-jüdischer Verbundenheit.

Die Geschichten von Abraham und Sarah, Moses und den Propheten sind voll von Segnungen. In den Psalmen wird sogar Gott von den Betenden zurückgesegnet. In den Anfangsgeschichten der Evangelien ist Christus der vom Gott Israels Gesegnete. Diese Tradition ist uns leider verloren gegangen, die Übersetzer des Neuen Testamentes haben an den Stellen, an denen Menschen Gott segnen, dieses Segnen mit loben übersetzt. Dabei führt gerade dies wechselseitige Segnen zum Kern des Segens: dem Angesicht Gottes. Dieses Angesicht, vor dem Kain den Blick nicht zu erheben vermag, wendet Gott den Menschen im Segen zu – direkt. Und der Mensch braucht sich nicht zu schämen und darf Gottes Blick standhalten, Blickkontakt aufnehmen, Resonanz erleben

Jeder Segen transportiert das bis heute am Ende des Gottesdienstes: Dieser Mose anvertraute Segen entschämt. Bei der Einsegnung in ein Amt, einer Segnung bei Übergängen des Lebens – am Anfang, am Ende und immer wieder zwischendrin – hat der Segen etwas mit der Unverfügbarkeit des Lebens zu tun.

 

Segen zu empfangen heißt wesentlich, sich hinzugeben.

Der Segen öffnet einen Raum, in den hinein Leben wächst und wachsen darf. Segen zu empfangen heißt wesentlich, sich hinzugeben. Einzustimmen darin, dass man sein Leben nicht beherrscht und nicht allein dafür verantwortlich ist. Segen schafft Zugehörigkeit zum Göttlichen, zum Größeren, zum Namen, der über alle Namen ist. Wenn ein Mensch einen anderen segnet, sehen sie einander an, wenden sich das Angesicht zu und alsbald voneinander ab. Sie lassen sich ins Dritte fallen, in die Gegenwart des Gottes, der immer schon da ist.

Gesegnetes Leben ist verbundenes Leben. Der christliche Gottesdienst beginnt mit dem Votum – im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der Gottesdienst beginnt mit der Ansage: Gott ist Beziehung, ist in sich relational. Und endet mit dem Priestersegen, mit dem Israelbezug des ganzen christlichen Glaubens.

 

Impuls für die Praxis

Etwas von der Gegenseitigkeit des Segens vom Judentum lernen! Gott zu segnen ist hier alltäglich. In der jüdischen Tradition soll jeder Jude und jede Jüdin täglich einhundert Segenssprüche sagen. Dabei werden schon durch das Schemone Esre (Achtzehn-Gebet) wochentags täglich 57 Berachot (Segenssprüche) gesprochen. Segenssprüche werden zudem etwa am Morgen gesprochen, beim Hören guter oder schlechter Nachrichten, vor dem Essen oder beim Anblick eines Regenbogens.

Rabbinisch sind Segnungen die angemessene Form der Beziehung zwischen Gott und Mensch. „Jeder, der sich an dieser Welt freut, ohne zu segnen, ist einem Dieb gleich, der Gott und die Gemeinde von Israel bestiehlt“ (Berachot 53a). Im Segnen Gottes liegt auch der Gedanke, dass, wer Gott segnet, dem Absegnen der vor Augen liegenden Wirklichkeit als einer gottgewollten widerspricht. „Die Allgegenwart von Segen und Segnen im Judentum ist ein zentrales Phänomen jüdisch-religiöser Praxis. Juden erfahren so, dass ihr Leben im Angesicht Gottes gesegnet ist, aber auch, dass ihr Handeln aus der Quelle göttlicher Schöpferkraft zu einem Segen für die Welt und für alle Menschen werden soll“, schreibt Walter Homolka.4

Zuhören

„Der Talmud schreibt nicht genau vor, wie der Kohen seine Hände halten muss. Die jüdischen Mystikbücher und der Midrasch jedoch überliefern, dass die Hände und die Finger der Kohanim auf eine ganz bestimmte Art gehalten werden sollen. Die erhobenen Hände berühren sich an den Daumen, und die Finger beider Hände werden nun folgerndermaßen gehalten: der kleine Finger und der Ringfinger berühren sich, genauso wie der Mittelfinger und der Zeigefinger, so dass eine Öffnung in Form eines V zwischen Mittelfinger und Ringfinger entsteht, eine weitere zwischen Zeigefinger und Daumen. Auf diese Weise formt der Kohen fünf Öffnungen zwischen seinen Fingern. (…) Der Midrasch vermittelt, dass Gott sich während des Sehnens hinter den Kohanim befindet und da Volk Israel durch die Öffnungen zwischen seinen Fingern betrachtet. Laut dem Midrasch beklagte sich das Volk Israel eines Tages bei Gott, weil es durch Ihn direkt und nicht durch die Kohanim gesegnet werden wollte. Gott erwiderte: „Selbst wenn Ich den Kohanim aufgetragen habe, euch zu segnen, Ich bin dabei an ihrer Seite, uns so bin Ich es, der euch segnet.“5

  1.  Robinson, Marilynne, Gilead, Frankfurt am Main, 2016, 310f.
  2. Deeg, Alexander, Neue Worte in einer alten Be- ziehung. Liturgische Sprachfindung im Kontext des christlich-jüdischen Dialogs, in: ders., Irene Mildenberger (Hg.), „…das er euch auch erwählet hat“, Liturgie feiern im Horizont des Judentums, Leipzig, 2006, 33ff.
  3. Deeg, aaO., 42.
  4.  Homolka, Walter, Segen und Segnen nach jüdischem Glaubensverständnis, International Council for Christian and Jews, London 2004.
  5. Ein Segen sein. Mitgesegnet sein mit Israel. Hrsg. Butting Klara, minaard, Gerard und Vorndran, Hans-Georg. KLAK-Impulse 1. Eren REv 2003, S. 50f.
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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

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