Impulse für den Gottesdienst – Abendmahl

Zu Beginn des Abendmahls erheben wir unsere Herzen in Gottes himmlische Höhe. Von Anfang an geht es um ein Beziehungsgeschehen. Wir wenden uns hin zu Gott, singen mit all seinen Engeln „Heilig, heilig, heilig …“. Wir rechnen mit der Gegenwart des Juden Jesus, treten ein in die Bundesgeschichte Gottes mit seinem Volk Israel und hoffen mit Jüdinnen und Juden gemeinsam auf Gottes Frieden und Gerechtigkeit in unserer Welt.

 

 

Heilig, heilig, heilig ist Gott …

Das Dreimalheilig (Sanctus) etwa ist eng verbunden mit dem Synagogengottesdienst, zugrunde liegt die Melodie des Alenu. Dieses Gebet kommt aus der Liturgie des jüdischen Neujahrsfestes und ist heute das Schlussgebet im jüdischen Gottesdienst. Zentrales Thema ist das Königtum Gottes und die sich daraus ergebende Aufgabe für uns Menschen, dieses zu verkündigen. Das Lob Gottes soll in den Alltag reichen und auf diesem Wege Gottes Macht Raum in der Welt gewinnen. „Wenn die Betenden sich nach dem Gottesdienst wieder alltäglichen Dingen zuwenden, dann soll ihr Leben dazu beitragen, dass Gottes Herrschaft auf der Erde zur Geltung kommt, indem sie Gott preisen.“1 Dieser Gedanke könnte etwa in der Einladung zum Abendmahl aufgenommen werden.

 

Das Lob Gottes soll in den Alltag reichen und auf diesem Wege Gottes Macht Raum in der Welt gewinnen.

Frieder Schulz verweist in der Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch auf die Wurzeln des gregorianischen Sanctus im synagogalen Gesang und zeigt darüber hinaus, dass das Alenu im Mittelalter von verfolgten Jüdinnen und Juden gebetet wurde. Er betont: „Wenn eine evangelische Abendmahlsgemeinde das Heilig nach dieser Melodie anstimmt, steht es ihr wohl an, daran zu denken, dass sie in den Gesang einer jüdischen Märtyrergemeinde einstimmt und sich damit sowohl eine geerbte Schuld als auch ein bekennendes Vorbild vor Augen hält.“2

„In der Nacht, in der Jesus dahin gegeben wurde, nahm er das Brot, sprach den Brotsegen und brach’s …“

Dass die Juden Jesus verraten haben und somit für seinen Tod verantwortlich seien, ist bis heute ein antijüdisches Vorurteil.

Problematisch ist es daher, das griechische „paradidomai” in den Einsetzungsworten mit „verraten” zu übersetzen. So wird in den Ohren vieler Hörerinnen und Hörer der Verrat durch Judas in den Vordergrund gestellt und traditionelle Judenfeindschaft befördert und tradiert. Judas ist bis in die Gegenwart der Prototyp des Feindes, in ihm kulminieren antijüdische Stereotype. Alternativ könnte mit „dahingeben”, „preisgeben” oder „ausliefern” übersetzt werden, um den Blick von Judas Iskarioth weg hin zu Gott zu richten und das Geschehen in einen weiteren Kontext zu stellen.

Gerade der Dank in den Einsetzungsworten ist ein wichtiges Element der Verbindung zum Judentum beim Abendmahl. So ließe sich das griechische „eulogesas” (Markus 14,22) auch mit „sprach den Brotsegen“ (Bibel in gerechter Sprache) übersetzen. Dann würde deutlich, dass Jesus ein jüdisches Gebet gesprochen hat, „in dem Dank, Lob und Segen zum Ausdruck kommen, und Segen, Lob und Dank gilt Gott selbst für die Gabe von Brot (und Wein). Eben dieses Segnen Gottes und der Gaben Gottes gehört daher auch zu dem, was in der gottesdienstlichen Abendmahlsfeier zu erinnern und zu wiederholen ist.“3

Dass Jesus damals zumindest in der Anlage bereits den später überlieferten Segen über Brot und Wein gesprochen hat, ist zu vermuten.

Wenn wir Abendmahl feiern, dann tun wir immer etwas, das wir niemals ganz verstehen. Im besten Sinne geheimnisvoll geht es dabei zu und soll doch nicht esoterisch werden. So wäre gerade vom Judentum zu lernen, das Fragen als festen Bestandteil der Liturgie zu entdecken. In der Pessach-Haggada kommt dem jüngsten Kind am Seder-Abend die ritualisierte Frage zu: Was unterscheidet diese Nacht von den anderen Nächten? Und dann geht es darum, den Erinnerungsspeicher von Generationen immer wieder neu zu aktualisieren.

 

„In der Nacht, in der Jesus dahin gegeben wurde, nahm er das Brot, sprach den Brotsegen und brach’s …“

Impulse für die Praxis

In der für die damalige Zeit anzunehmenden und heute noch im Judentum üblichen Form lautete das Dankgebet über das Brot folgendermaßen:

„Gesegnet du, Adonaj, unser Gott, König der Welt, der du das Brot hervorbringst aus der Erde.“

„Gesegnet du, Adonaj, unser Gott, König der Welt, der du die Frucht des Weinstock erschaffen hast.“

Der Segen über das Brot findet sich auch in der Didache im 2. Jahrhundert und wird etwa in der Lima-Liturgie auf schöne Weise aufgenommen:

„Gepriesen seist Du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit: Lass es zum Brot des Lebens werden …“

  1. Vgl. zum Alenu: Böckler, Annette: Der jüdische Gottesdienst. Berlin (2002), S. 83f.
  2. Schulz, Frieder: 185.1 Heilig, heilig heilig (1567) verbunden mit 185.3 Heilig, heilig, heilig (1726). In: Hahn, H. / Henkys, J. (Hrsg) Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Heft 6/7: Die liturgischen Gesänge. Göttingen 2003, S. 79-82.
  3. Ebach, Jürgen, Das Alte Testament als Klangraum des Evangelischen Gottesdienstes. Gütersloh 2016, S. 284f.
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Aline Seel

Aline Seel ist Pfarrerin in Entsendung am Institut Kirche und Judentum sowie in der Evangelischen Luisen-Kirchengemeinde in Charlottenburg. Langjährige Mitarbeit bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste 
e.V.; Mitinitiatorin des Netzwerks antisemitismus- und rassismuskritische Religionspädagogik und Theologie; ihre Schwerpunkte sind rassismuskritische und antisemitismuskritische Bildungsarbeit im kirchlichen Bereich und NS-Erinnerung.

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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

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