Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich!

»Schon oft habe ich wiederholt, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, sondern Gleichgültigkeit.« – Dies einzuschärfen wird Elie Wiesel nicht müde.1 Gleichgültigkeit, die Diktatur der Gefühllosigkeit. Gleichgültigkeit, Sieg der Apathie über Leidenschaft und Liebe. Gleichgültigkeit ist die größte Gefahr für eine Gesellschaft.

Ist das auch an der Sprache zu erkennen, dem auffälligsten Indikator für den Zustand einer Gesellschaft? Wir wählen ein Wort, zu dem Kirche, Politik, Gesellschaft samt allen Medien greifen, wenn das Widrige, das zu Verurteilende, das zu Verabscheuende benannt und getroffen werden soll: »Alttestamentarisch!«

Wer in das Wortschatz-Modul der Universität Leipzig »alttestamentarisch« eingibt, findet das Wort graphisch in einem dichten Geflecht mit »Auge um Auge, Zahn um Zahn«, »Strafe«, »Rache«, »Brandmarkung«, »Affront« und – Gebot(!) – Begriffe, die in nächster Nähe zum »alttestamentlichen Rache- und Zornesgott« stehen. Es geht nicht um irrtümliche »versehentlich falsche Sprachverwendung«;2 wer nämlich »alttestamentlich« aufruft, findet „Gebot«, »Gottesbild«, »Bibel«, »Religion« und »Gott«. »Das hat wenig mit Zufall oder Dummheit und viel mit Vorurteil und Antijudaismus zu tun«.3 Die Wortschatz-Belege stellen unzählige kuriose, unsägliche, hasserfüllte und bizarre Zitate zusammen, unter denen bemerkenswert ist, dass neben den Journalisten vor allem Kunsthistoriker, Literaturwissenschaftler und Germanisten in ihrer Verwendung des Wortes auffallen, häufig auch Sozialdemokraten .4 Es gibt jedoch »Gegenstimmen«:

»Wenn israelische Politiker und Militärs auf terroristische Bomben und Selbstmordattentäter mit Gegenschlägen reagieren, heißt es bei uns in vielen Kommentaren, das entspreche dem typisch ›alttestamentarischen Racheprinzip‹ nach der Formel ›Auge um Auge‹ (‹alttestamentarisch‹ statt ›alttestamentlich‹ ist übrigens Nazisprache).«5

Letzteres ist nicht ganz korrekt, denn Andreas Mertin kann nachweisen, dass die ersten Fundstellen bei von Brentano (1811), Hauff (1826), Reuter (1856) und Strindberg (1897) liegen, also Frühromantik bis Spätromantik. Höchst interessant ist, dass zum Beispiel Jean Paul, Jacob Burckhardt, das Grimm’sche Wörterbuch und andere korrekt das Wort »alttestamentlich« verwenden…

Der Gebrauch von »alttestamentarisch« bei Hitler und Goebbels ist zum Schaudern, wir geben ihnen nicht die Ehre mit einem Zitat.6

Wie sich das Wort »alttestamentarisch« zu einem Schlüsselwort des alltäglichen Antijudaismus entwickelt hat, zeigt der Leserbrief7 eines »Christen« an die Online-Ausgabe des Focus: »Eigentlich sollte seit Jesus für jeden Christen das Doppelgebot der Liebe der Maßstab des Handelns sein. Wer das negiert und die Rachegelüste goutiert, schließt sich selber von der aufgeklärten westlichen Gesellschaft aus, die eben auf diesen christlichen Werten basiert. ›Auge um Auge‹ ist alttestamentarisches Gehabe und hat in der heutigen Zeit, egal ob im Iran oder in den USA, nichts mehr verloren.« Sieh an! „Gebildeter Antisemitismus“!

»…schließt sich selbst aus…«, »…hat …nichts mehr verloren«, … »wer das negiert…« – ein Ressentiment wandelt sich zur Aggressivität, wer soll außerhalb des Christentums da noch bestehen? Und dies ist Alltag! Ein Wissenschaftler klagte neulich, man bräuchte zwei Assistenten für den täglich anfallenden Bedarf an Protestschreiben gegen die manifeste judenfeindliche Terminologie wie »alttestamentlich« in allen Medien. Andreas Mertin schließt seinen Aufsatz mit den Worten: »…protestieren Sie, verlangen Sie die Änderung der Wortwahl!« Er hat Recht, denn es ist zu befürchten, dass auch hier die Gleichgültigkeit schon eingezogen ist. Bei aller Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie bleiben alte Vorurteile und man wird den Verdacht nicht los, »alttestamentarisch« gehöre weiterhin dazu. Es wäre ein bedrückendes Signal, wenn die Selbstauslegung des Christentums auf solche Stereotype nicht verzichten und der Gleichgültigkeit nicht wehren könnte. Das Wort »alttestamentarisch« hat wegen seines eindeutig negativen Klangs keinen Ort im christlichen, ja, in keinem Sprachgebrauch8 Zugrunde liegt ein Verständnis des Alten Testamentes als einem Buch der Gesetze, einem „gesetzlichen“ Buch. Daher „testamentarisch“, bzw. beim Alten Testament : „alttestamentarisch“ – 2. September 2018: Zwei kritische Journalisten werden von einem Gericht in Myanmar hart verurteilt, nein, in der Sprache des Fernsehens „mit alttestamentarischer“ Härte – und das in einem hinduistischen Land…

  1. E. Wiesel, Die Anatomie des Hasses, in: ders., Den Frieden feiern, Herder spektrum 4019, 1991, 82-84, 83.
  2. A. Mertin, ‚-arisch oder: Sprache als Indiz, in: www.theomag.de/33/am145.htm, 2.
  3. ebd.
  4. A.a.O., 3.
  5. www.zdk.de/salzkoerner/salzkorn.phg?id=112.
  6. A. Mertin, a.a.O., 3.
  7. www.focus.de./panorama/welt/alttestamentarischen-denken-iran-kommentar_3521781.html
  8. A. Lohrbächer, H.Ruppel, I.Schmidt, Was Christen vom Judentum lernen können, Stuttgart 2006, 100f.
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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

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