Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute

Für die christliche Theologie gilt, dass die Bearbeitung des Antisemitismus zentral ist für die Bearbeitung eigener Gewalttraditionen. Diese Bearbeitung ist kein rückwärts- gewandtes Unternehmen – wie kaum je Geschichtsbearbeitungen –, sondern von Bedeutung für das heutige Glaubensleben, für gegenwärtige christliche Praxis. Dabei geht es um ein Akzeptieren der Ambivalenzen im eigenen Glauben, das Aushalten von Unsicherheiten und um den Verzicht auf christliche Identitätsbildung durch Ab- und Ausgrenzung.

 

Welche Themen sind dabei in der Kirchengeschichte von Bedeutung?

Gottesmord

Da ist zunächst der klassische und tatsächlich schon im Neuen Testament angelegte Vorwurf des Gottesmordes. Dieser setzt erstens voraus, dass Jesu Tod am Kreuz nicht den römischen Behörden, sondern den Juden zugeschrieben wird. Die innere christliche Logik des Todes von Jesus Christus als durch seine Auferweckung bestätigtes Heilsgeschehen an Juden und den Völkern, also allen Menschen, wird mit dem Mordvorwurf an die Juden konterkariert. Denn zugespitzt gesagt: Wäre es ein an den Juden zu bestrafender Gottesmord, dann wäre es kein Erlösungsgeschehen. Ist es ein Erlösungsgeschehen, dann bleibt es ein römischer Justizmord, aber die Verantwortlichen sind nicht „die Juden“ bzw. wären sie Werkzeuge Gottes im Sinne des geglaubten Erlösungsgeschehens, zu dem das Kreuz unbedingt dazu gehört.

 

Verrat

Judas verrät Jesus an die römischen Soldaten, angeblich durch einen Kuss. Dabei hatte Jesus ja schon einige Berühmtheit erlangt, die Sicherheitsbehörden waren also kaum auf ein körperliches Signal zur Markierung des zu Ergreifenden angewiesen. Dass für diese Markierung auch noch Geld bezahlt worden sein soll, ergänzt die Theorie der Verstrickung und sie endet fast notwendig mit der Bestätigung des Bösen durch seinen Selbstmord. Für die Kirchenväter der alten Kirche wurde Judas so zum negativen Sinnbild für die Juden.

Für die Kirchenväter der alten Kirche wurde Judas so zum negativen Sinnbild für die Juden.

Eusebius (347–420) schreibt in seinem Kommentar zu Psalm 109 (= LXX Psalm 108): „Was sich im Einzelnen als Geschichte des Judas darstellt, ist generell die Geschichte der Juden … Wer sind wohl die Söhne von Judas? Die Juden. Die Juden tragen nämlich ihren Namen nicht nach Juda [dem Sohn Jakobs], der ein heiliger Mann war, sondern nach dem Verräter Judas. In der Linie von Juda sind wir [Christen] Juden im Geiste – in der Linie des Verräters Judas aber stehen die Juden nach dem Fleisch.“1 Juden sind also nach dieser Lesart die Nachfolger des Judas und damit eben auch Verräter, und fortan das umfassend negative Gegenbild zu den Christen. Alt gegen neu, Fleisch gegen Geist, Gesetz gegen Gnade, Rache gegen Liebe – und in moderneren Zeiten unter anderem direkt an diese Dualismen anschließend – Partikularität gegen Universalität und Gewalt gegen Gewaltlosigkeit.

 

Fragliche Ursprünge

Die neuere Forschung hat nun die Komplexität noch erhöht.2 Es ist sehr viel unsicherer geworden, wie eigentlich von den jeweiligen Parteien der neutestamentlichen Geschichte zu reden sei. Der Satz „Die ersten Christen waren Juden“ gilt wohl für alle Autor*innen des Neuen Testamentes. Was heißt das für die Beziehungen von Juden und Christen, für judenfeindliche Äußerungen im Neuen Testament? Zunächst einmal so viel: Es sind zumeist feindliche Äußerungen einer jüdischen Gruppe gegenüber einer anderen mit jeweiligen Ausschlussforderungen und Ausgrenzungsargumenten. Diese innerjüdischen Argumente werden in der Hand der dann spätestens seit dem 4. Jahrhundert sich als nichtjüdische Christen verstehenden Kirche, die zur Staatsreligion wird, zu Waffen gegen das Judentum, das sich dem christlichen Glauben nicht anschließt.

 

Judenfeindschaft und Antisemitismus sind Unglaube

An diesen drei Beispielen lässt sich sehen, dass Judenfeindschaft auf einem Selbstbild aufbaut. Dieses kirchliche Selbstbild kann schwer seine eigene Bedingtheit im Judentum und seine Angewiesenheit auf das Judentum akzeptieren. Der dazu noch schwer zu akzeptierende Umstand sich nicht einstellen wollender spürbarer und sichtbarer „Erlösung“ wird dem Unglauben der Juden zugeschrieben. Sie werden zu den prototypischen Ungläubigen, die gerade dadurch den Glauben der Christen bestätigen. Nicht mehr der eigene Glaube wird gelebt, sondern der Unglaube der anderen „bewiesen“ und durch ihre gesellschaftliche Diskriminierung materiell für alle bestätigend sichtbar gemacht. Diese Figur der Projektion verweist darauf, dass es im Antisemitismus nicht um irgendeine reale Eigenschaft oder historische Beschreibung von Juden, sondern um die Sicherung und Entwicklung eines christlichen oder dann in Folge bzw. parallel eines nationalen, kulturellen Selbstbildes geht.

Das ließe sich auch zusammenfassen mit dem einen Satz: Judenfeindschaft und Antisemitismus sind Unglaube.

 

Neuanfänge

Zwei wichtige Erklärungen der EKD aus den letzten Jahren seien hier als Teile evangelischer Umkehrbewegung genannt, eine von 2015 zum Reformationsjubiläum und eine von 2016 zur Abwehr von Judenmission.

2015 erklärte die EKD-Synode in Bremen: „Wir stellen uns in Theologie und Kirche der Herausforderung, zentrale theologische Lehren der Reformation neu zu bedenken und dabei nicht in abwertende Stereotype zu Lasten des Judentums zu verfallen. Das betrifft insbesondere die Unterscheidungen ,Gesetz und Evangelium‘, ,Verheißung und Erfüllung‘, ,Glaube und Werke‘ und ,alter und neuer Bund‘. Wir erkennen, welchen Anteil die reformatorische Tradition an der schmerzvollen Geschichte der ,Vergegnung‘ (Martin Buber) von Christen und Juden hat. Das weitreichende Versagen der Evangelischen Kirche gegenüber dem jüdischen Volk erfüllt uns mit Trauer und Scham. Aus dem Erschrecken über historische und theologische Irrwege und aus dem Wissen um Schuld am Leidensweg jüdischer Menschen erwächst heute die besondere Verantwortung, jeder Form von Judenfeindschaft und -verachtung zu widerstehen und ihr entgegenzutreten.“3

Hier wird auf grundlegende Kategorien der Reformation verwiesen, die die Abwertung jüdischen Glaubens in sich tragen. Damit ist ein in der kirchlichen Diskussion nicht unumstrittener Arbeitsauftrag der Prüfung gegeben, theologische Kategorien, die in der Geschichte judenfeindlich wirksam wurden, nicht als zufällige, sondern bewusste Folge zu verstehen. Sicher kommt hier sehr prominent der immer wieder beschworene Gegensatz von Gesetz und Evangelium in Betracht, der bleibend in Predigten und kirchlicher Lehre gepflegt wird.

Trotz dieser enorm positiven und angesichts der langen Geschichte kirchlich getragener christlicher Judenfeindschaft, der langen antisemitischen Grundhaltung kaum zu überschätzenden Entwicklung kirchlicher Positionierungen seit 1945 bleibt die Frage nach der Tiefenwirkung dieser positiven Entwicklung berechtigt und eine Herausforderung an säkulare Forschung, wie an christliche Selbstreflexion, Forschung und Lehre.

Deshalb scheint es mir wichtig, in Gemeinden, in kirchlichen Bildungskontexten und auch in der Theologieausbildung die Frage zu stellen, wie es denn zu dieser Not kommen kann, dass der eigene Unglaube am Juden gesehen und gestraft wird, das Selbstbild als Christin oder Christ in der Geschichte „verlangte“, dass die Juden als die Anderen markiert und des Lebens beraubt wurden? Diesen Projektions- und Delegationsmechanismen auf die Spur zu kommen und damit auch den historischen und gegenwärtigen Konstruktionen des christlichen Selbst- und Weltbilds, ist bleibend Desiderat in der Theologie und auch in der kirchlichen Bildungsarbeit sowie auf Gemeindeebene.

  1. Zitiert bei: Haarmann, Volker, Hintergrund: Judas, der Jünger Jesu, in neutestamentlichen Überlieferungen und in der Alten Kirche, in: Der Jude als Verräter, Eine Arbeitshilfe zum Wittenberger „Reformationsaltar“ von Lucas Cranach dem Älteren im Kontext des christlich-jüdischen Verhältnisses, Düsseldorf 2015, S. 4-7, S. 6.
  2. Boyarin, Daniel: Abgrenzungen. Die Aufspaltung des Judäo-Christentums. Arbeiten zur neutestamentlichen Theologie und Zeitgeschichte. Bd. 10; Arbeiten zur Bibel und ihrer Umwelt. Bd. 1. Berlin / Dortmund 2009 oder: Die jüdischen Evangelien. Die Geschichte des jüdischen Christus. Judentum – Christentum – Islam. Interreligiöse Studien. Bd. 12, Würzburg 2015.
  3. https://archiv.ekd.de/synode2015_bremen/beschluesse/s15_04_iv_7_kundgebung_martin_luther_und_die_juden.html
Christian Staffa

Dr. Christian Staffa ist Studienleiter für Demokratische Kultur und Kirche an der Evangelischen Akademie zu Berlin und Mitglied des Vorstandes der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag; langjähriger Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (ASF); Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung AMCHA, Mitglied des Kuratoriums Instituts Kirche und Judentum, Mitglied im SprecherInnerat der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus und Vorstandsmitglied der Martin-Niemöller-Stiftung.

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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

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