Impulse für den Gottesdienst – Beten

Beten ist der Glücks- und der Ernstfall religiöser Praxis. Menschen erleben sich von Gott angenommen und bringen im Gebet Lob, Dank, Klage und eben auch Bitten vor Gott. Bitten und Beten stehen dabei – das ist schon sprachlich zu spüren – in engstem Zusammenhang.

Das Gebet im Gottesdienst ist ein Sonderfall, insofern es öffentliches Beten darstellt. In einer Gesellschaft, in der Menschen oft genug weder aus der Familie noch von anderen Orten her eine Anschauung der Praxis des Betens haben, ist das öffentliche Gebet im Gottesdienst fast schon etwas Einzigartiges. Hier kann man sehen und hören, wie, was und wofür Christinnen und Christen mit Gott sprechen, wofür sie beten.

Dass das christliche Beten in besonderer Nähe zum jüdischen Beten steht, wird in dieser Broschüre vielfältig bedacht: Kaum ein christlicher Gottesdienst kommt ohne jüdische Gebete (Psalmen) aus, die Struktur der gottesdienstlichen Feier ist aus der jüdischen Praxis erwachsen, nicht zuletzt das Vaterunser als zentrales Gebet stammt aus dem Munde des jüdischen Rabbis Jesus. Komplexe religionsgeschichtliche Entwicklungen und wichtige dogmatische Auseinandersetzungen sind zu bedenken, gleichzeitig ist nicht zu übersehen: Die biblischen Zeugnisse in beiden Testamenten stellen in vielfältiger Weise jüdische Gebetspraxis zu Gott, dem Vater Jesu Christi, dar.

 

In einem Kern der Praxis des Glaubens wird also nicht nur die umfassende Gemeinschaft, sondern ebenso die Differenz von Christinnen und Christen und Jüdinnen und Juden hörbar.

Zugleich ist anzuerkennen: Die trinitarische Gottesvorstellung und die daraus resultierende Gebetsanrede unterscheidet und trennt christliches Beten von den jüdischen Geschwistern. In einem Kern der Praxis des Glaubens (dem Gebet) wird also nicht nur die umfassende Gemeinschaft, sondern ebenso die Differenz von Christinnen und Christen und Jüdinnen und Juden hörbar. Der klassisch trinitarische Schluss des Kollektengebets im christlichen Gottesdienst, das „Ehr sei dem Vater“ als Abschluss des Psalmgebets oder das Zeichen des Kreuzes am Ende des aaronitischen Schluss-Segens machen die Verschiedenheit sichtbar. In offener, für den Anderen aufmerksamer Praxis christlich-jüdischer Begegnung geht es nicht darum, auf diese je eigenen Traditionen zu verzichten oder verzichten zu sollen. Eine besondere Achtsamkeit hierfür ist allerdings von den Akteurinnen und Akteuren im christlichen Gottesdienst zu erwarten. Die sogenannte „Asymmetrie im christlich-jüdischen Dialog“ wird bei der Gebetspraxis besonders sichtbar. Christinnen und Christen können in der Regel jüdische Gebete mitsprechen, das Umgekehrte gilt hingegen eben oft nicht.

In den Fürbitten als dem Ort der konkreten und konkretisierenden Weltzugewandtheit und Weltverantwortung kommt eine Haltung zum Ausdruck, die Christen und Juden miteinander verbindet: Ein Gott, der sich anreden und anrühren lässt, dem wir mit unseren Bitten in den Ohren liegen können und sollen. Und der Schalom, Frieden, in umfassender Weise verheißt und verspricht. Für den Einzelnen, die Einzelne wie für Gemeinschaften und schließlich die Welt als Ganze. Mit der Bitte um Frieden schließt auch das sogenannte Achtzehn-Bitten-Gebet, die Amida, das Jüdinnen und Juden im Synagogengottesdienst gemeinsam und im Stehen (wörtlich: Amida) gegen Ende sprechen.

Insofern ist die Fürbitte um Frieden im christlichen Gottesdienst ein verbindendes Element – nicht selten allerdings auch ein Stolperstein christlich-jüdischer Begegnung, wenn an dieser Stelle allzu vorschnell nahostpolitische „Besserwisserei“ gegenüber dem Staat Israel in die Fürbitte „eingerührt“ wird. Die Fürbitte ist kein guter Ort für christliche Nahostpolitik.

Die Chance der Fürbitte besteht in der Bitte für die jüdischen Geschwister und für die Welt, so dass weit über die christliche Gemeinschaft hinaus gegriffen werden kann.

Impuls für die Praxis

Eine Chance für die Gottesdienstgestaltung liegt darin, konkrete Ereignisse aus der ”jüdischen Welt“ in den Fürbitten aufzunehmen. Hier hilft etwa ein Blick in die Zeitung „Jüdische Allgemeine“. Mithilfe der Homepage der Recherche- und Informationsstelle (RIAS) können aktuelle antisemitische Vorfälle einbezogen werden. Verallgemeinerungen könnten so vermieden werden! Gerade auch in den Fürbitten können (politische) Probleme vor Gott gebracht werden, vor denen Judentum und Christentum aktuell, und wenn auch nicht gleichermaßen, so doch gleichzeitig stehen. Beispielsweise könnte hier der zunehmende Rechtspopulismus innerhalb der jeweiligen Religionsgemeinschaft genannt werden oder auch die Überalterung der Gemeinden und die Sorge um Nachwuchs.

Zuhören

„Prayer is our greatest privilege. To pray is to stake our very existence, our right to live, on the truth and on the supreme importance of that which we pray for. Prayer, then, is radikal commitment, a dangerous involvement in the life of God. In such awareness we pray … we do not stand alone.“ (Abraham Joshua Heschel)1

  1. Abraham Joshua Heschel, „A Prager for peace“. 1971 from Abraham Joshua Henschel, Moral Grandeur and Spiritual Audacity (New York: Farrar, Strauß & Girouy, 1996, S. 231-232).
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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

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