Impulse für den Gottesdienst – Credo

„Was glauben wir wirklich?, d.h. so, dass wir mit unserm Leben daran hängen?“, hatte Dietrich Bonhoeffer in der Tegeler Zelle gefragt. Er konnte die Arbeit an der Frage nicht mehr aufnehmen, andere, die in einer furchtbaren Weise zu wissen meinten, woran man glauben musste, nahmen ihm das Leben.

Daran, aber auch an den ähnlich existenziell wirkmächtigen Auseinandersetzungen um das „richtige“ Glaubensbekenntnis in der Alten Kirche sehen wir, wie im wahrsten Sinne lebenswichtig Glaubensbekenntnisse sind oder sein können.

Für unsern Zusammenhang hier ist bedeutsam, dass das apostolische Glaubensbekenntnis, das in der Regel in unseren Gottesdiensten gesprochen wird, ein deutliches Zeugnis für die Israelvergessenheit unserer Kirche in Geschichte und Gegenwart ist. Denn es geht „sofort vom Bekenntnis zu Gott als Schöpfer zum Bekenntnis zu Jesus Christus über und lässt die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel und den Völkern seit der Berufung Abrahams unberücksichtigt“. 1

So wird die Erzählung von der Herkunft Jesu und seinem Wirken vom Land Israel, also von seinem lebensweltlichen Kontext gelöst und damit dieser Kontext und seine enge Bindung an das Volk Israel verdunkelt. Sprechen wir das apostolische Glaubensbekenntnis, bekennen wir uns gerade nicht zu Gottes Geschichte mit Israel, nicht zur Verbindlichkeit des Befreiungsgeschehens des Exodus und lassen die Welt nichts von ihm hören. Der Sohn Gottes wird seiner jüdischen Identität beraubt und der israellose erste Artikel hat eine verheerende Wirkungsgeschichte. Das bringt uns in eine kaum auflösbare Spannung, da das apostolische Glaubensbekenntnis uns gleichzeitig mit der Christenheit in der Welt verbindet und aus diesem Grunde nicht leichtfertig aufgegeben werden darf.

 

Der Sohn Gottes wird seiner jüdischen Identität beraubt.

Dennoch können andere Glaubensbekenntnisse in unseren Gottesdiensten vorkommen. Am stärksten scheint uns das Glaubenslied von Gerhart Bauer, in dem es zu Beginn der zweiten Strophe heißt „Wir glauben: Gott hat ihn erwählt, den Juden Jesus für die Welt.“

„Da stießen wir endlich auf das jüdische Volk, wie es in der Heiligen Schrift bezeugt ist und uns tief angeht in Jesus, dem Juden … da wechselte Jesus, der Mensch, und wurde uns Jesus, der Jude: ,Wir glauben: Gott hat ihn erwählt, den Juden Jesus für die Welt.‘ ,Erwählt‘ – nicht über alle anderen gestellt, sondern Zeugen seines Lichtes zu sein, sein Volk wie er, ,Jesus selber‘.“ So wagen es Bauer und Marqardt zu verstehen, zu sagen und weiter zu singen: „Das ist Last.

Sie schrien am Kreuz nach ihrem Gott, der sich ihnen verbarg in Not und Tod … Er und sie gehören zusammen. Ob er und wir so werden zusammengehören können? … Bringt uns also Jesus, der Jude, heran an die harte schmerzende Lebensweise des jüdischen Volkes?“

 

Impuls für die Praxis

Einfach mal im Gottesdienst das Glaubenslied nach Gerhart Bauer2 nach der Melodie von „Wir glauben Gott im höchsten Thron“ EG 184 singen.

Wir glauben Gott ist in der Welt, der Leben gibt und Treue hält.
Gott fügt das All und trägt die Zeit, Erbarmen bis in Ewigkeit.

Wir glauben, Gott hat ihn erwählt, den Juden Jesus für die Welt.
Der schrie am Kreuz nach seinem Gott, der sich verbirgt in Not und Tod.

Wir glauben Gottes Schöpfermacht hat Leben neu ans Licht gebracht. Denn alles, was der Glaube sieht, spricht seine Sprache, singt sein Lied.
Wir glauben, Gott wirkt durch den Geist, was Jesu Glaube uns verheißt: Umkehr aus der verwirkten Zeit und Trachten nach Gerechtigkeit.

Wir glauben, Gott ruft durch die Schrift, das Wort, das unser Leben trifft. Das Abendmahl mit Brot und Wein lädt Hungrige zur Hoffnung ein.
Wenn unser Leben Antwort gibt darauf, dass Gott die Welt geliebt, wächst Gottes Volk in dieser Zeit, Erbarmen bis in Ewigkeit. Amen

  1.  Marquardt, Fr.-W., Zwei Glaubenslieder, in: Jüdisch-christliches Gespräch und Kirchenreform, Verhältnisbestimmungen, Hrsg. V. R. Godel, S. Hagen und C.-D. Schulze, Berlin 1997.
  2. Ein Jahr vor seinem Tod 1985 hat Gerhart Bauer dieses Glaubenslied verfasst und es brauchte eine Weile bis es in offiziellen Liederbüchern Eingang fand. Vgl.: Frei Töne. Liederbuch zum Reformationssommer 2017, Nr. 137.
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Christian Staffa

Dr. Christian Staffa ist Studienleiter für Demokratische Kultur und Kirche an der Evangelischen Akademie zu Berlin und Mitglied des Vorstandes der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag; langjähriger Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (ASF); Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung AMCHA, Mitglied des Kuratoriums Instituts Kirche und Judentum, Mitglied im SprecherInnerat der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus und Vorstandsmitglied der Martin-Niemöller-Stiftung.

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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

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