Impulse für den Gottesdienst – Heilige Schrift

Das Neue Testament beginnt mit den Evangelien, in denen vom Leben und Sterben Jesu und von seiner Nachfolgegemeinschaft erzählt wird. In der protestantischen Tradition wird den Briefen des Paulus ebenfalls ein hohes Gewicht zugemessen, besonders dem Römerbrief. Lange Zeit wurde angenommen, dass er das Christentum begründet und sich vom Judentum und dessen Gesetz, der Tora, abgewendet habe. Das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass bis heute im Gottesdienst neutestamentliche Texte einen höheren Stellenwert haben als die des Alten Testaments. Das wird auch schon im Sprachgebrauch sichtbar: Die Bezeichnung „Altes“ Testament für die Schriften des ersten Teils der Bibel wurde erst in der Alten Kirche im Prozess der Abgrenzung vom Judentum gebräuchlich. Sie erweckt den Anschein, die Schriften seien überholt und durch ein besseres, nämlich „Neues“ Testament ersetzt worden. Aber: Was bedeutet „alt“ und „neu“? Löst das Neue das Alte ab oder stehen sie in Kontinuität zueinander? Mittlerweile gibt es ein großes Einverständnis darüber, antijüdische Deutungen nach Möglichkeit zu vermeiden. Vor allem das christlich-jüdische Gespräch hat wichtige Impulse auch für eine neue Perspektive auf die paulinischen Schriften geliefert: Paulus hat sich nicht vom Judentum zum Christentum bekehrt, sondern ist wie Jesus zeitlebens jüdisch geblieben. In der Tradition alttestamentlicher Propheten hat er den Auftrag bekommen, zu den Menschen aus den nichtjüdischen Völkern zu gehen und ihnen das Evangelium Gottes zu verkünden.

 

Paulus hat sich nicht vom Judentum zum Christentum bekehrt, sondern ist wie Jesus zeitlebens jüdisch geblieben.

Der Prozess, theologisch zu reflektieren, was es bedeutet, dass Paulus und die Verfasser*innen der Evangelien in Kontinuität zur Tradition jüdischer Schriftauslegung denken und handeln, bedeutet auch, Gewohntes zu überdenken und manches neu zu verstehen. Wer den Anfang seines Briefes an die Gemeinde in Rom mit einer veränderten Perspektive aufmerksam liest, entdeckt hier die Kontinuität im Neuanfang. In den ersten Versen stellt sich Paulus vor: als Knecht, wörtlich: Sklave Christi Jesu (Römer 1,1). Die griechische Bezeichnung „christos“ gibt das hebräische Wort „meschiah“ wieder und bedeutet „der Gesalbte“. „Christus Jesus“ ist die Kurzform seines Bekenntnisses, dass Jesus der Messias des jüdischen Volkes ist. Das Evangelium, die gute Nachricht, die er bringt, sei bereits von den Prophetinnen und Propheten in den heiligen Schriften verkündet worden. An anderer Stelle sagt er, dass seine Verkündigung an keiner Stelle über die Schrift hinausgehe (1. Korinther 4,6). Für Paulus schreibt das Evangelium die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel weiter. Ziel seines Auftrags sei es, dass alle Völker auf den Gott Israels hören und auf ihn vertrauen (Römer 1,5-6). Ihnen verkündet er das Kommen des Messias Jesus aus dem Hause Davids.

 

Denn die entscheidende Frage jeder Schriftauslegung lautet: Woher kommt die Hoffnung, was gibt Mut und Kraft zum Widerstehen gegen Unrecht und Gewalt?

Die Menschen in der Gemeinde in Rom nennt Paulus „von Gott Geliebte“ (Römer 1,7). In der jüdischen Tradition gilt Israel als geliebt (vgl. Deuteronomium 7,7f.), als besonderes Zeichen der Liebe hat Gott Israel die Tora gegeben. Das wurde oft so gedeutet, dass nun die Kirche Israel als geliebtes Gottesvolk ablöse. Doch Paulus will genau das Gegenteil sagen: Durch seine Toraverkündigung ermöglicht er es nun auch nicht- jüdischen Menschen, an der Liebe Gottes zu Israel teilzuhaben. Sie werden quasi durch Adoption geheiligt (vgl. Leviticus 19,2). Nun ist Gott ihr Vater und nicht länger Zeus oder der Vater des Vaterlands (lat. pater patriae), ein Titel der zuerst Augustus und dann fast allen weiteren Kaisern als Ehrentitel zugesprochen wurde. Sie leben in Gottes Frieden und nicht in der Pax Romana – im römischen Frieden. Der Messias Jesus ist ihr Herr und nicht der Kaiser in Rom. Die Zugehörigkeit der Menschen aus den Völkern zum Gott Israels geschieht durch die Gabe der Tora, durch gemeinsames Lehren und Lernen der Schrift, die wir heute „Altes“ oder „Erstes“ Testament nennen. „Alles, was einst aufgeschrieben wurde, wurde verfasst, damit wir daraus lernen und durch die widerständige Geduld und die Ermutigung der Schriften Hoffnung haben“, schreibt er am Schluss des Briefes nach Rom (15,4). In dieses „Wir“ der Lern- und Auslegungsgemeinschaft sind auch wir heute eingeladen. Sie ist offen für alle und muss sich nicht gegen andere abgrenzen, sei es innerhalb der eigenen Religion oder zum Judentum, zum Islam oder anderen Religionen. Denn die entscheidende Frage jeder Schriftauslegung lautet: Woher kommt die Hoffnung, was gibt Mut und Kraft zum Widerstehen gegen Unrecht und Gewalt?

Impuls für die Praxis

Wie wäre es, einfach einmal nicht nur beim Evangelium, sondern bei allen Lesungen im Gottesdienst aufzustehen? So könnte der Wert der gesamten Heiligen Schrift im Gottesdienst sichtbar und erfahrbar werden.

Judentum und Christentum verbindet, dass die Schrift das Zentrum des Gottesdienstes ist. Vom Judentum könnten wir hier einiges lernen mit Blick auf die Gestaltung der Lesungen. In Synagogen werden Lesungen kultisch stark verfremdet, um anzuzeigen, dass es um Gottes Wort geht. Etwa die Vortragsweise und die szenische Inszenierung der Aushebung der Torarolle aus dem Toraschrein nehmen das ganz Andere und auch das Unverständliche, sich Entziehende der göttlichen Offenbarung ernst. Wenn Texte als heilige Texte erfahren werden sollen, dann müsste die Art und Weise des Umgangs mit dem Buch selber bedacht werden. Es könnte als kleiner Anfang etwa aus der Altarbibel gelesen werden anstatt vom Lesepult.1

  1. Vgl. zur Inszenierung der Schrift hier und im Folgenden: Deeg (2012), S. 496ff. Deeg, Alexander: Das äußere Wort und seine liturgische Gestalt. Überlegungen zu einer evangelischen Fundamentalliturgik, Göttingen 2012.

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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

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