Impulse für den Gottesdienst – Nächstenliebe

Im Matthäusevangelium wird Jesus gefragt, welches Gebot das höchste aller Gebote sei. Jesus antwortet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. (Mt 22,37–39) Aus dieser und anderen Stellen folgern viele, das Christentum sei eine Religion der Liebe und Vergebung, während das Judentum im Gegensatz dazu eine Gesetzesreligion sei, eine Religion der Härte und Rache.

Der Vorstellung vom Judentum als einer Religion der Rache dient meist die missverstandene „Talionsformel“ als Argument (‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘). Die Vorstellung hingegen, das Judentum kenne das Liebesgebot nicht, können auch aufmerksame Leser und Leserinnen des Neuen Testaments selbst als Irrtum aufklären: In der oben zitierten Begegnungsgeschichte lautet die Frage an Jesus nämlich: „Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?“ (Mt 22,36) Mit „Gesetz“ (wie es in den meisten deutschen Übersetzungen heißt) ist die Tora gemeint: das Herzstück der jüdischen Bibel. Jesus antwortet also auf die Frage, was im jüdischen Leben am wichtigsten ist – daher zitiert er hier Dtn 6,5 und Lev 19,18. Und nachdem er das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe erwähnt hat, bestätigt er noch einmal: „An diesen beiden Geboten hängt die ganze Tora samt den Propheten.“ (Mt 22,40)

Die Erzählung bezieht sich auf das Buch Levitikus im Ersten Testament: „Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Stammesgenossen zurecht, so wirst du seinetwegen keine Schuld auf dich laden. An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.“ (Lev 19,17f) Nach einer jüdischen Lesart ist das Buch Levitikus, das dritte der fünf Bücher Mose, die Mitte der Tora und etwa in der Mitte dieses Buchs finden sich Regelungen über den „Versöhnungstag“ und das Gebot der Nächstenliebe. Es steht also an einem symbolisch zentralen Ort.

In der jüdischen Literatur zur Auslegung der Gebote wird die Nächstenliebe vielfach aufgegriffen. An einer Stelle im Talmud heißt es etwa: „Simon der Gerechte war einer der Letzten der großen Versammlung; er tat den Ausspruch: Auf drei Säulen ruht die Welt: auf der Tora, dem Gottesdienst und den Werken der Liebe.“ (Talmud: Pirqe Avot 1,2)

Wenn Jesus von Nächstenliebe spricht, bringt er der Welt damit nichts Neues – er bezieht sich auf die Mitte des Judentums. Im Judentum wie im Neuen Testament kann das Liebesgebot je nach Sprechsituation auf die Angehörigen der eigenen Gruppe, aber auch ganz universal „auf alle“ bezogen sein; realisiert wird es immer in der konkreten Situation, in der man sich gerade befindet.1

 

 

Aus Paul Petzel, Norbert Reck (Hg), Von Abba bis Zorn Gottes. Irrtümer erklären – das Judentum verstehen. Ostfildern 2017.

 

  1. Schreiner, Josef / Kampling, Rainer: Der Nächste, der Fremde, der Feind, Würzburg 2000; Maimonides, Gesetze für den Trauernden, Kap. 14,1, zit. nach hagalil.com, Der Babylonische Talmud. Ins Deutsche übersetzt von Lazarus Goldschmidt, Frankfurt am Main 1996, Bd. I und Bd. IX.
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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

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