Impulse für den Gottesdienst – Psalmen

Als Christinnen bedienen wir uns gern aus dem jüdischen Gebetsschatz der Psalmen, sowohl im persönlichen Gebet als auch im Gottesdienst. Wir finden dort für viele Lebenssituationen Worte, die unsere Seele erreichen und besser als unsere eigenen zum Ausdruck bringen, was uns bewegt und wonach wir uns sehnen. Aber oft machen wir uns nicht bewusst, dass die Worte der Psalmen ursprünglich Worte jüdischer Beterinnen sind. So tragen etwa die Ausgaben des Neuen Testaments, denen die Psalmen zugefügt sind, als wären sie ein Teil davon, dazu bei, den Ursprung der Psalmen zu verschleiern. Und wenn nach dem Psalmgebet im Gottesdienst das gesungene „Ehr sei dem Vater“ folgt, kann auch das nach einer christlichen Vereinnahmung klingen. Zutreffender ist, darin die Bestätigung zu hören, dass wir sowohl im Gebet als auch im Lob des einen Gottes mit Israel verbunden sind. Das könnte durch eine entsprechende Einleitung in das Psalmgebet deutlich gemacht werden. Die Betonung der Verbundenheit, die uns an die Seite jüdischer Beter*innen stellt, würde christlicher Überheblichkeit gegenüber der jüdischen Tradition entgegenwirken und das heilsame Bewusstsein für unsere Zusammengehörigkeit mit der jüdischen Gemeinschaft wecken bzw. stärken.

Aber was ist mit den Teilen der Psalmen, die vom Hass gegen die Gottlosen reden oder die Gott ausdrücklich zu deren Vernichtung aufrufen, wie es in den sogenannten Rachepsalmen geschieht? Im Evangelischen Gesangbuch sind die „schönen“ Psalmen um diese anstößigen Stellen gekürzt, und die sogenannten Rachepsalmen kommen darin gar nicht vor. Mit Blick auf diese Teile des Psalters kann man dann plötzlich hören: Diese Art zu beten ist typisch jüdisch! Die hasserfüllten Sätze richten sich an den „alttestamentarischen“ Gott der Rache, während wir Christen doch zur Liebe, sogar zur Feindesliebe aufgerufen sind und zum Gott der Liebe beten! Auch wenn viele Christinnen diese verzerrte Gegenüberstellung nicht (mehr) teilen, bleibt tatsächlich die Frage, wie wir denn im christlichen Gottesdienst bitten sollen: „Herr, du Gott der Rache, du Gott der Rache erscheine …“ (Psalm 94,1). Rache hat im Deutschen einen sehr negativen Klang: Sie wird gleichgesetzt mit maßloser Vergeltung, die einen Teufelskreis von Gewalt in Gang setzt. Im Hebräischen klingt in dem Wort Rache dagegen „Recht schaffen“ an. Die Rachepsalmen bringen also die verzweifelte Sehnsucht zum Ausdruck, Gott möge doch endlich den Menschen Recht schaffen, die unter der Gier und der Gewalt der „Gottlosen“ leiden. Gemeint sind die Skrupellosen, die nur an den eigenen Vorteil denken und bereit sind, dafür über Leichen zu gehen. Sie zerstören Menschen seelisch und körperlich und bilden sich ein: „Der Herr siehtʹs nicht und der Gott Jakobs beachtetʼs nicht“ (Psalm 94,7). Dass es diese Art von „Gottlosen“ durchaus auch in frommen Kreisen gibt, zeigen nicht zuletzt die kirchlichen Missbrauchsfälle.

Nun mögen viele unter uns nicht zu den schwerst Betroffenen von Unrecht und Gewalt gehören. Aber wer sich die Empfindsamkeit für fremdes Leid bewahrt hat, wer sich noch empören kann über den Zustand der Welt, der so sehr im Widerspruch steht zu Gottes Willen, der oder die wird das Drängen dieser Gebete nachempfinden können: So wie es ist, darf es doch nicht weitergehen!

 

Sie nehmen die Rache nicht selbst in die Hand, sondern überlassen es Gott, zu handeln.

Und wohlgemerkt: Die Bitte um Gottes rächendes Eingreifen ist ein Gebet. Die Beterinnen nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie sprechen ihre ohnmächtige Wut über das Unrecht, das ihnen geschieht, ehrlich aus. Sie vertrauen darauf, dass sie auch ihre negativen Gefühle und Wünsche vor Gott ausbreiten dürfen, weil ihm ohnehin nichts verborgen bleibt. Aber das Entscheidende ist: Sie nehmen die Rache nicht selbst in die Hand, sondern überlassen es Gott, zu handeln. Und auch diese Beter*innen der Psalmen wissen: Der Gott Israels, dem sie ihre Empörung anbefehlen, ist ein Gott, dessen Gerechtigkeit gnädig ist und der keinen Gefallen hat am Tod des Gottlosen, sondern ihn zur Umkehr ruft.

Mit einer entsprechenden Erklärung können die „Rachepsalmen“ in unserem christlichen Gottesdienst ihren Platz finden als Ausdruck von Solidarität mit den Opfern menschlicher Gewalt und berechtigter Empörung über die menschenverachtenden Zustände in unserer Welt. Auch in dem Drängen auf das Sichtbarwerden der göttlichen Verheißung von Schalom stellen uns die Psalmen an die Seite unserer jüdischen Geschwister.

Impuls für die Praxis

Christ*innen beten Psalmen Israels – nicht anstelle von Israel, sondern mit Israel. Gerade dieses Moment des Mitbetens wäre liturgisch hervorzuheben und zu feiern. Christlicher Absolutheitsanspruch würde eine heilsame Beschränkung gewinnen, es würde im Gebet deutlich, dass zwar wir gemeint sind, aber zum Glück nicht wir allein. Das Mitbeten kann ganz schlicht zum Ausdruck kommen in der Einleitung („Mit Israel beten wir …“).

Auch kann den Psalmen als eine Art biblischer Ortsbestimmung ihre ursprüngliche biblische Einleitung vorangestellt werden (etwa: „Ein Psalm Davids, vorzusingen auf Saitenspielen“ Psalm 4). So würde deutlich, dass wir ein Gebet Israels beten – in unserer Situation, aber mit Worten, die zuerst bleibende Worte Israels sind.1

Zuhören

Wo ich kehr mich, wo ich wend mich, du …

So wie es christliche Neudichtungen von Psalmliteratur gibt, so gibt es auch auf jüdischer Seite Gotteserfahrungen, die in Psalmen ausgedrückt werden: „Zur langen Gotteserfahrung gehört aber nicht nur Offenbarung, sondern auch Verbergen und Fernsein. … Die jüdische Antwort auf das Leid lautet immer wieder wie die Hiobs: Auch wenn du mich an dir beirren willst, soll es dir nicht gelingen. (…) Davon sang der chassidische Zaddik, Rabbi Levi Jitzchak von Berditschew (1740-1809), in seinem Dudele, einem jiddischen Psalm für Menschen, die sich auch in tiefster Not in Gottes Gegenwart geborgen wissen, ob sie es nun intellektuell ausdrücken können oder nicht:

Lieber Herrgott, lieber Herrgott,
ich will dir ein Dudele singen.
Wo kann man dich finden,
und wo kann man dich nicht finden?
Wo ich geh, bist doch du,
und wo ich steh, bist doch du.
Nur du, ja du, wieder du,
immer du.
Ist einem gut, bist das du,

und ist einem schlecht,
oh weh, bist das du.
Du o du, warst o du,
du bist du,
wirst sein du,
König du, immer du,
Himmel du, Erde du,
oben du, unten du,
wo ich kehr mich,
wo ich wend mich, du.2

Als würde ein Tau hinabgelassen in den Abgrund

Zuletzt noch ein Abschnitt aus dem Buch „Desintegriert Euch“ von Max Czollek. Deutlich wird hier nicht nur der lebenswichtige Zusammenhang von Rache und Poesie: „Die überwiegende Mehrheit der Deutschen hat vor einigen Jahrzehnten entschieden, kein Problem damit zu haben, Menschen, die als Juden markiert wurden, auszuschließen, zu enteignend, zu vernichten. Diejenigen, die dabei nicht am Gashahn standen oder in Europa Massengräber füllten, zogen anschließend in die leeren Wohnungen, übernahmen die Jobs, lasen die Bücher und aßen mit dem Besteck der Vorbesitzer*innen. Wenn mir heute irgendwelche Deutschen meiner Generation erzählen wollen, dass sie genug von der Erinnerung an den Nationalsozialismus haben, dann erlebe ich das als Fortsetzung dieser Kränkung. Und als mangelnden Respekt vor meinen Toten. Die ‚deutsche Heimat’ ist mir ein zutiefst ambivalenter gewaltvoller und traumatischer Ort … Als Kind und Jugendlicher lernte ich, dass Lieder und Gedichte eine Sprache dafür sein konnten, der Kränkung durch die deutsche Gesellschaft Ausdruck zu verleihen. (…) Als würde ein Tau hinabgelassen in den Abgrund in mir, an dem ich mich langsam abseilen konnte und aus dem ich zurückkehrte mit Gedichten.“ 3

  1.  Vgl. Ebach, Jürgen: Das Alte Testament als Klangraum des Evangelischen Gottesdienstes. Gütersloh 2016, S. 103 f.
  2. Levinson. In: Nave Levinson, Pnina: Einführung in die rabbinische Theologie. 3. erw. Auflage, Darmstadt 1993, S. 26.
  3. Czollek, Max: Desintegriert Euch. München 2018, S. 174.

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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

AG

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