Impulse für den Gottesdienst – Vater unser

Erinnern sich Christen, wenn sie das Vater unser beten, dass auch Juden diesen Gott Vater nennen? Wie oft wird angenommen, der jüdische Gott des Alten Testaments stehe für Gesetzesstrenge und Vergeltung, während unser Gott des Neuen Testaments die Attribute der Liebe und Vergebung gepachtet hat. Dabei gibt es nur einen Gott, dessen Namen geheiligt werden soll. Die Frohe Botschaft der Vergebung verbindet sich eng mit dem Opfertod Jesu Christi. In der christlichen Sprach- und Bildwelt ist Christus das Lamm, das die Schuld aus der Welt trägt, dessen Blut uns reinwäscht und dessen Leib zur Erlösung von der Schuld hingegeben wird. Ohne seinen Gehorsam, sein geduldiges Erleiden der Strafe, seine Sühneleistung könnten sich Christenmenschen nicht aus der schuldhaften Verstrickung befreien. Ergo, so der Fehlschluss, kann es im Judentum auch keine Schuldvergebung geben.

Damit folgt dieses Gebet der aktiven jüdischen Umkehrpraxis, der teshuva, das im Matthäusevangelium an mehreren Stellen eingefordert wird.

Dabei heißt es im Vaterunser nicht: „Vergib uns unsere Schuld, weil Jesus dafür gesühnt hat.“ Ohne Stellvertretung und Opfer erwartet das Gebet Vergebung von Gott und verspricht das Gleiche dem Nachbarn. Allein der Bitte, als Folge von Reue und Umkehr, wohnt die Macht inne von Strafe zu befreien. Damit folgt dieses Gebet der aktiven jüdischen Umkehrpraxis, der teshuva, die im Matthäusevangelium an mehreren Stellen eingefordert wird: „Tut Buße [kehrt um, teshuva], denn das Himmelreich ist nahe“ (Matthäus 3,2). Die Umkehr, die Buße tun, und die Reue sind aktiv, sie erwarten verantwortliches Handeln angesichts einer Fehlentscheidung und Übertretung. Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 C.E. wurde daraus im rabbinischen Judentum eine Versöhnungspraxis, die ohne stellvertretende Opfer auskommt. Die Schuld wird nicht abgeladen, sondern angenommen und zur Grundlage der Erneuerung gemacht. Die Reuepraxis der teshuva ist selbstreinigend und besteht aus fünf Geboten, die auch in der säkularen Gesellschaft relevant bleiben: Menschen, die sich bemühen, (1) intellektuelle und moralischen Einsicht in ihre Schuld zu finden, (2) die herzliche Reue empfinden, (3) bereit sind zum mündlichen Eingeständnis, (4) ihre Opfer entschädigen, (5) und den festen Entschluss gefasst haben, den gleichen Fehler nicht zu wiederholen, werden von Sanktionen befreit und gelten als geläutert. Dabei vergeben weder Gott noch Priester stellvertretend für die Opfer, die persönlich um Vergebung gebeten werden müssen, und denen hoch angerechnet wird, wenn sie Vergebungsbereitschaft praktizieren. Das Vaterunser knüpft Gottes Willen zur Vergebung an die eigene Bereitschaft den Schuldigern zu verzeihen. Beides ist freie Entscheidung.

Der Gott Jesu ist kein Vater, der grundsätzlich alles und jedem verzeiht. Gnade ist nicht billig. Die Vergebung der Schuld ist teuer und wird dort verschenkt, wo Menschen darum bitten, wo sie Umkehr praktizieren, der Wahrheit der eigenen Sündhaftigkeit ins Auge sehen, und sich nach einem neuen Anfang sehnen. Erneuerung geschieht im Ringen um ehrliche Aussprache, in der Bereitschaft zur Verantwortung, und in der Annäherung an die Opfer. Sie ist nicht automatisch, sondern muss erbeten werden. Aber, gemeinsam mit den Juden, vertrauen Christen auf das Versprechen eines neuen Anfangs und der Möglichkeit einer offenen Zukunft, die nicht die zwangsläufige Fortsetzung der Vergangenheit sein muss. „Vergib uns unsere Schuld“ bedeutet, dass Christen auch nach zweitausend Jahren wieder ganz neu beten lernen können.

Zurück zur Kampagne

Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

AG

c/o Ev. Akademie zu Berlin
Charlottenstraße 53/54
10117 Berlin (Mitte)
[email protected]