Impulse für den Gottesdienst – Vergebung

Mit seinem schuldlos getragenen Leiden am Kreuz, so hört man oft, habe Jesus Christus bei Gott die Vergebung für unsere Sünden erwirkt. Durch Kreuz und Auferweckung sei so erst die Vergebung in die Welt gekommen, und wer an Christus glaube, dürfe sich der Versöhnung mit Gott gewiss sein – ohne alle Vorleistungen. Demgegenüber wird das Judentum oft als eine Religion dargestellt, die echte Vergebung nicht kenne und darum auf persönliche Anstrengungen setze, vor Gott gerecht dazustehen.

Die Gegenüberstellung von jüdischer Leistungsorientierung und christlicher Gnadenerwartung ist in der Bibel nicht zu finden. Gott zeigt sich seit den Anfängen des Volkes Israel als gnädig und vergebungswillig. Eine wichtige Geschichte hierfür ist die Episode von der Anbetung des goldenen Kalbs auf der Wanderung der Israeliten durch die Wüste (Ex 32). Als Mose nach längerer Abwesenheit zurückkehrt (er erhielt gerade von Gott die Tafeln mit den Zehn Geboten), bittet er Gott für den Glaubensabfall des Volkes in bewegten Worten um Vergebung. Und Gott gewährt sie. Der Tag, an dem das geschah, wird in der jüdischen Tradition Jom Kippur (Versöhnungstag) genannt. Er wurde zum höchsten jüdischen Festtag. Jesus lebt ganz in dieser Tradition. Er weiß vom Vergebungswillen des Gottes Israels und lehrt seine Jünger, um Gottes Vergebung zu bitten mit den Worten: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ (Mt 6,12; Lk 11,4). Zugleich weist diese Bitte auf eine Voraussetzung hin: Wer sich Gottes Vergebung erhofft, muss ebenso seinen Mitmenschen vergeben.

Die Verbindung von Vergebung und Umkehr findet sich sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Versöhnung mit Gott hinter dem Rücken der Menschen, denen man Böses angetan hat, gibt es nicht. Vergebung zielt auf die Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens, sie ist denjenigen versprochen, die sich ernsthaft bemühen, ihr Verhältnis zu ihren Mitmenschen ins Reine zu bringen. Im Judentum wird es ganz klar gesagt: Sünden gegenüber anderen Menschen müssen zuerst von Mensch zu Mensch bewältigt werden. Sünden gegenüber Gott werden dagegen in der Liturgie im Gottesdienst gesühnt. Die neutestamentlichen Aussagen, die das Leben und Sterben Jesu mit der Sündenvergebung in Verbindung bringen, sind nicht als Gegentexte zu den alttestamentlichen Texten geschrieben, sondern setzen diese voraus und bauen auf ihnen auf. Sie wissen um Gottes umfassenden Vergebungswillen und sehen Jesus inmitten allen Versöhnungsgeschehens mit Gott: als Vermittler, als derjenige, der den Weg zu Gott weist und so als „Erlöser von den Sünden“ (Mt 1,21) erfahren wird.

Vom Judentum können Christen lernen, dass man Vergebung wie ein Geschenk erlangt, aber nur, wenn ihr die Umkehr vorausgeht: die Umkehr zu Gott (Hos 14,2) und die Umkehr in der Versöhnung mit den Mitmenschen. „Für Sünden gegen Mitmenschen kann der Versöhnungstag keine Sühne bringen, bis man vom Mitmenschen Verzeihung erlangt hat“ (Mischna Joma 8,9).

Aus Paul Petzel, Norbert Reck (Hg), Von Abba bis Zorn Gottes. Irrtümer erklären – das Judentum verstehen. Ostfildern 2017.

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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

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