»Diskussionsbeitrag zur Thesenreihe: ›Dabru emet (Redet Wahrheit)‹« (2005)

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© Gemeinsamer Ausschuss „Kirche und Judentum“, 2005 (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten der EKD [web.archieve.org])

 

»Diskussionsbeitrag zur Thesenreihe: ›Dabru emet (Redet Wahrheit)‹« (2005)


 

 

Erarbeitet vom

Gemeinsamen Ausschuss „Kirche und Judentum“

der

Evangelischen Kirche Deutschland (EKD)
Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK)
Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD)

Vorwort

Im Jahre 2000 ist ein bedeutsames Dokument erschienen: Der vom National Jewish Scholars Project in den USA erarbeitete Text „Dabru emet (Redet Wahrheit) – eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum“. Der von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) eingesetzte Gemeinsame Ausschuss „Kirche und Judentum“, der sich in den Jahren 2003/2004 in mehreren Sitzungen eingehend mit diesem Text befasst hat, sieht in Dabru emet eine für die Evangelische Kirche bedeutsame jüdische Reaktion auf das Bemühen der christlichen Kirchen, ihr Verhältnis zum Judentum auf eine neue theologische Basis zu stellen. Der Gemeinsame Ausschuss hält es für wichtig, dass dieses Dokument in den christlichen Kirchen zur Kenntnis genommen und diskutiert wird. Dabei ist er sich dessen bewusst, dass dieses Dokument innerhalb des Judentums auch Gegenstand kontroverser Diskussion ist.
Wir verstehen Dabru emet insbesondere auch als eine Antwort auf theologische Aussagen, wie sie in den von der Studienkommission „Kirche und Judentum“ in den Jahren 1975, 1991 und 2000 erarbeiteten Studien der EKD „Christen und Juden I – III“ sowie in der von der Vollversammlung der Gemeinschaft reformatorischer Kirchen in Europa (Leuenberger Kirchengemeinschaft) im Jahre 2001 in Belfast verabschiedeten Studie „Kirche und Israel. Ein Beitrag der reformatorischen Kirchen Europas zum Verhältnis von Christen und Juden“ zum Ausdruck kommen. In den genannten Texten, die innerhalb der evangelischen Kirchen erarbeitet wurden, sind insbesondere drei Einsichten festgehalten:

die bleibende Erwählung Israels durch Gott

die bleibende Verbundenheit der Kirche mit Israel

die Absage an jede Form von Antisemitismus.

Wir sehen dankbar, dass die Erklärung Dabru emet den so gekennzeichneten Wandel im theologischen Denken der christlichen Kirchen wahrgenommen hat und Juden dazu aufruft, „die christlichen Bemühungen um eine Würdigung des Judentums zur Kenntnis zu nehmen“ (to learn about the efforts of Christians to honor Judaism). Dabei wissen wir, dass die in den Kirchen im Konsens erreichten Einsichten sowohl befestigt als auch vertieft werden müssen.

Dabru emet ist zuerst und vor allem ein Angebot von Jüdinnen und Juden an andere Juden, über ihre Haltung zum Christentum nachzudenken; in den damit möglicherweise eingeleiteten Prozess können und wollen die christlichen Kirchen nicht eingreifen. Wohl aber versteht der Gemeinsame Ausschuss sowohl die Erklärung Dabru emet als auch die an ihr innerhalb des Judentums geäußerte Kritik als eine Hilfe, den begonnenen Weg der eigenen Neuorientierung fortzusetzen.

Im Prozess des Dialogs wird keiner der Beteiligten die notwendige Diskussion der Unterschiede aussparen wollen. Wir haben aber die Hoffnung, dass Juden und Christen Gemeinsamkeiten erkennen und auch anderen gegenüber bezeugen können und dass dort, wo Unterschiede bestehen, wechselseitige kritische Anfragen dazu beitragen, das Eigene im Licht des Anderen klarer sagen zu können. Zu solcher Hoffnung sehen wir uns durch Dabru emet ermutigt.

Auf dieser Grundlage möchte der Gemeinsame Ausschuss „Kirche und Judentum“ die folgenden Überlegungen zu den einzelnen Thesen von Dabru emet als einen Beitrag zur Fortführung des Gesprächs zwischen Christen und Juden verstanden wissen. Die Thesen werden zitiert nach: Evangelische Theologie 4, 2001, S. 334 – 336.

These 1: Juden und Christen beten den gleichen Gott an.

Vor dem Aufstieg des Christentums waren es allein die Juden, die den Gott Israels anbeteten. Aber auch Christen beten den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Schöpfer von Himmel und Erde an. Wenngleich der christliche Gottesdienst für Juden keine annehmbare religiöse Alternative darstellt, freuen wir uns als jüdische Theologen darüber, dass Abermillionen von Menschen durch das Christentum in eine Beziehung zum Gott Israels getreten sind.

Überlegungen zu These 1:

Es ist Anlass zur Freude, dass jüdische Theologinnen und Theologen anerkennen können: Christen sind mit ihrem Bekenntnis in eine Beziehung zu dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs getreten. Diese Anerkennung ist nicht selbstverständlich, geschieht sie doch in dem Bewusstsein, dass es in der Beziehung von Juden und Christen zu diesem einen Gott auch Trennendes gibt. Diese Spannung wird in der Entfaltung der ersten These explizit benannt, indem gesagt wird, dass „der christliche Gottesdienst für Juden keine annehmbare religiöse Alternative darstellt“.

Die Feststellung, dass ‚Christen und Juden den gleichen Gott anbeten‘, ist daher komplex und voraussetzungsreich: Dass Christen wie Juden den in den Schriften des Alten Testaments bezeugten, in der Geschichte des Volkes Israel wirksamen und verehrten Gott anbeten und verkündigen, gehört von Anfang an zu den Grundlagen des christlichen Selbstverständnisses. Für die ersten Anhänger Jesu – durchweg Angehörige des Judentums – verband sich der Glaube an diesen Gott mit der Überzeugung, dass die Person und die Lebensgeschichte des Jesus von Nazareth das entscheidende Ereignis der Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk ist.

Diese Überzeugung sprechen die christlichen Kirchen in dem Bekenntnis aus, dass der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, zugleich der Gott ist, der in Jesus Christus Mensch wurde und der im Heiligen Geist den Menschen nahe ist. Dabei stehen diese Aussagen über Gott nicht einfach nebeneinander, sondern sie sind aufeinander bezogen und interpretieren sich gegenseitig. Denn nach christlichem Verständnis hat sich Gott in drei Weisen seiner Zuwendung zum Menschen geoffenbart. Lehrhafte Formulierung dieses Glaubens an die Einheit Gottes in der dreifachen Weise der Begegnung mit dem Menschen und zugleich Formulierung des Vertrauens, dass diese Zuwendung Gottes zum Menschen im Wesen Gottes gründet, ist die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes. „In der Trinitätslehre wird ausgesagt, dass Gott mit Christus Jesus in der Einheit mit dem Heiligen Geist immer schon … der dreieinige Gott ist.“ „Die Trinitätslehre ist deshalb der für Christen theologisch angemessene Versuch, vom Geheimnis der Offenbarung Gottes zu sprechen.“ Sie soll „dazu dienen, die Rede von dem Einen Gott … mit dem neutestamentlichen Zeugnis von der Auferweckung und Erhöhung Jesu Christi … zu verbinden“. (Kirche und Israel II. 2.3.2.). Deswegen gilt auch für uns: „Der dreieinige Gott, von dem das christliche Bekenntnis spricht, ist kein anderer als der, zu dem Israel betet.“ (Kirche und Israel I. 2.3.3.).

Durch die gesamte Geschichte der Kirche hindurch wurde immer wieder auch der Versuch unternommen, die zwischen Juden und Christen im Gottesverständnis bestehende Spannung aufzuheben – bis hin zur Unterdrückung des Judentums und dem Versuch seiner Auslöschung. Mit dem jüdisch – christlichen Dialog ist ein neuer Weg beschritten worden. Er hat seine Besonderheit darin, dass er das Ziel, die Differenz aufzuheben, nicht verfolgt. Der Respekt für das Anderssein des Anderen findet darin seinen Ausdruck, dass das gemeinsame Bekenntnis zu dem einen Gott sich verbindet mit dem Bewusstsein einer wohl bis zum Ende der Zeiten bleibenden Differenz im menschlichen Verständnis des Wesens und Wirkens dieses Gottes.

Daher wird im Blick auf gemeinsames Gebet und gemeinsamen Gottesdienst das Spannungsverhältnis von Verbundenheit und Differenz um des gegenseitigen Respekts willen erkennbar bleiben müssen.

 

These 2: Juden und Christen stützen sich auf die Autorität ein und desselben Buches – die Bibel (das die Juden „Tenach“ und die Christen das „Alte Testament“ nennen).

In ihm suchen wir nach religiöser Orientierung, spiritueller Bereicherung und Gemeinschaftsbildung und ziehen aus ihm ähnliche Lehren: Gott schuf und erhält das Universum; Gott ging mit dem Volk Israel einen Bund ein und es ist Gottes Wort, das Israel zu einem Leben in Gerechtigkeit leitet; schließlich wird Gott Israel und die gesamte Welt erlösen. Gleichwohl interpretieren Juden und Christen die Bibel in vielen Punkten unterschiedlich. Diese Unterschiede müssen immer respektiert werden.

Überlegungen zu These 2:

In These 2 wird mehr benannt als allein das Faktum, dass Juden und Christen sich auf ein gemeinsames Textcorpus beziehen. Es wird vielmehr deutlich gemacht, dass die biblischen Texte, die von den Juden ‚Tenach’ und von den Christen ‚Altes Testament’ genannt werden, für Juden und Christen im Blick auf das Gottesverständnis und das gesamte Wirklichkeitsverständnis eine gleichermaßen Wahrheit erschließende Kraft besitzen und dass sie somit ein gemeinsamer Schatz sind. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner von Dabru emet betonen deshalb, dass Juden und Christen in Fragen der ‚religiösen Orientierung’ und der ‚spirituellen Bereicherung’ sich auf dieselben biblischen Schriften beziehen und ihnen ‚ähnliche Lehren’ (similar lessons) bezüglich des Heilswillens Gottes entnehmen; daneben steht dann aber auch die Aussage, dass Juden und Christen die Bibel an vielen Punkten unterschiedlich interpretieren. Beide Feststellungen weisen wieder auf ein komplexes Verhältnis von Identität und Differenz hin.

Die Heiligen Schriften Israels waren die Autorität, auf die die ersten Jünger Jesu ihre Verkündigung und ihre Lebensorientierung stützten. Sie lasen diese Schriften neu im Lichte und unter der Voraussetzung der Verkündigung Jesu und der Erfahrung seines Todes und seiner Auferstehung. In Jesus erkannten sie den in den Heiligen Schriften Israels verheißenen Messias. Damit steht für die christliche Kirche der Teil der Bibel, den wir Christen mit den Juden gemeinsam haben, in Verbindung mit der Person Jesus von Nazareth und also auch mit dem Neuen Testament als dem Zeugnis von Jesus als dem Christus. Dieses Zeugnis ist für Christen Schlüssel zum Verständnis des Alten Testaments: Einerseits liest und versteht die Kirche die Heiligen Schriften Israels, das Alte Testament, im Licht der Christusoffenbarung; andererseits liest und versteht die Kirche das neutestamentliche Christuszeugnis im Licht des von ihr so genannten Alten Testaments. In diesem Sinne ist nach reformatorischem Verständnis Christus „die Mitte der Schrift“.

Neben und vor diesem christlichen Verständnis der Heiligen Schriften Israels gibt es ebenso die jüdische Leseweise des Tenach. Das Judentum liest und versteht den Tenach im Licht der rabbinischen Tradition.
Die gleichen Texte, auf die sich Juden und Christen beziehen, stehen also in jeweils unterschiedlichen Lektüre- und Auslegungszusammenhängen. Daher stellen sich Juden und Christen in jeweils eigener Weise in eine Kontinuität zu der Geschichte Israels und seiner Gotteserfahrung und begründen so ihre Lektüre der Texte.

Mit dem Aufkommen der historischen Bibelinterpretation tritt neben die Inanspruchnahme des Alten Testaments durch die Christen und den Gebrauch des Tenach durch die Juden unabweisbar auch die Wahrnehmung des vielschichtigen Sinnes, den diese Texte in ihren jeweils unterschiedlichen Ursprungssituationen hatten und in immer neuen Kontexten gewannen. Aber auch bei einer historischen Betrachtungsweise suchen Juden und Christen in den biblischen Texten „nach religiöser Orientierung, spiritueller Bereicherung und Gemeinschaftsbildung“.

Wir nehmen wahr, dass These 2 von dem notwendigen Respekt gegenüber der unterschiedlichen Lese- und Verstehensweise der Texte des Tenach / Alten Testaments bestimmt wird. Wir Christen sehen es darüber hinaus aber auch als notwendig an, die jüdische Auslegung des Alten Testaments kennen zu lernen.

 

These 3: Christen können den Anspruch des jüdischen Volkes auf das Land Israel respektieren.

Für Juden stellt die Wiedererrichtung eines jüdischen Staates im gelobten Land das bedeutendste Ereignis seit dem Holocaust dar. Als Angehörige einer biblisch begründeten Religion wissen Christen zu würdigen, dass Israel den Juden als physisches Zentrum des Bundes zwischen ihnen und Gott versprochen – und gegeben wurde. Viele Christen unterstützen den Staat Israel aus weit tiefer liegenden Gründen als nur solchen politischer Natur. Als Juden begrüßen wir diese Unterstützung. Darüber hinaus wissen wir, dass die jüdische Tradition gegenüber allen Nicht-Juden, die in einem jüdischen Staat leben, Gerechtigkeit gebietet.

Überlegungen zu These 3

Wenn Juden die von ihnen wahrgenommene christliche Sicht auf die Landverheißung und den Staat Israel so darstellen, wie Dabru emet es tut, ist dies ein Ausdruck gegenseitigen Verständnisses.

These 3 hält die Differenz durch zwischen dem jüdischen Anspruch auf das Land Israel und der christlichen Respektierung dieses Anspruchs. Angesichts der jüdischen Erfahrung von Diskriminierung, Verfolgung und Ausrottung – auch durch Christen – sind wir dankbar, dass die Juden im Staat Israel eine Heimstätte gefunden haben. Darüber hinaus sehen auch wir als Christen die besondere Beziehung der Juden zu ihrem Land vor dem Hintergrund der biblischen Landverheißung, die auch historisch eine Grundlage des jüdischen Staates darstellt. Ob und wieweit der jüdische Staat Israel explizit theologisch begründet werden kann und darf, ist unter Christen strittig; unstrittig aber ist die Anerkennung des Existenzrechtes Israels.

Zugleich wird in These 3 Gerechtigkeit als Basis des Zusammenlebens mit Nichtjuden in einem jüdischen Staat besonders betont. Die Verfasser sind sensibel für die Probleme der nichtjüdischen Bevölkerung, also der Palästinenser, in einem jüdischen Staat. Konsequenter Weise ist es ein Erfordernis dieser Gerechtigkeit, auch von berechtigten Ansprüchen der Palästinenser auf eine eigenständige staatliche Existenz neben dem Staat Israel zu sprechen.

These 3 fordert uns Christen in besonderer Weise heraus, zumal auch die innerchristliche Diskussion zu dem hier angesprochenen Thema noch nicht abgeschlossen ist. Trotz der positiven Bezugnahmen auf die besondere Stellung Israels (z.B. in Römer 9,4f und in Joh 4,22) zeichnet sich im Neuen Testament eine Relativierung der religiösen Bedeutung von Orten und Räumen ab. Nach Joh 4,21-23 sagt Jesus im Gespräch mit der Samaritanerin: „Die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Stunde und jetzt ist sie da, dass die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit“. Zwar kennt auch christliche Theologie die Redeweise von Israel als dem Land der Verheißung; aber „zwischen dem Land als Gnadengabe Gottes und dem Staate Israel ist sorgfältig zu differenzieren“ (Christen und Juden III, 4.6.3. S. 194). Nach christlichem Verständnis ist die Identifikation eines Verheißungsgutes mit einer konkreten politischen Größe nicht möglich. Die christliche Theologie selbst ist erst nach einem langen Prozess in ihrer evangelisch-abendländisch-neuzeitlichen Gestalt zu der Erkenntnis gelangt, dass einem Staat religiöse Qualität nicht zugesprochen werden kann. Vielmehr haben nach christlich-aufgeklärter Tradition die Staaten eine gleiche Distanz zu allen Religionen, so sehr sie auf die ethische Kraft und die Werte setzende Funktion der Religionen angewiesen sind. Religiöse Gründe sollten weder für noch gegen ein bestimmtes Staatswesen ins Feld geführt werden; andernfalls werden rational lösbare nationale Konflikte oder Interessenkonflikte zu religiös aufgeladenen und dadurch prinzipiell unlösbaren Konflikten.

 

These 4: Juden und Christen anerkennen die moralischen Prinzipien der Tora.

Im Zentrum der moralischen Prinzipien der Tora steht die unveräußerliche Heiligkeit und Würde eines jeden Menschen. Wir alle wurden nach dem Bilde Gottes geschaffen. Dieser moralische Schwerpunkt, den wir teilen, kann die Grundlage für ein verbessertes Verhältnis zwischen unseren beiden Gemeinschaften sein. Darüber hinaus kann er auch zur Grundlage eines kraftvollen Zeugnisses für die gesamte Menschheit werden, das der Verbesserung des Lebens unserer Mitmenschen dient und sich gegen Unmoral und Götzendienst richtet, die uns verletzen und entwürdigen. Ein solches Zeugnis ist insbesondere nach den beispiellosen Schrecken des vergangenen Jahrhunderts dringend nötig.

Überlegungen zu These 4

Die These formuliert das ethisch-moralische Fundament, das aus der jüdisch – christlichen Tradition einerseits und aus dem humanistisch-antiken Erbe andererseits hervorgegangen und zur allgemeinen, normativen Grundlage unserer Kultur geworden ist. Allerdings ist der religiöse Entdeckungszusammenhang dieses Menschenbildes und des auf ihm fußenden ethischen Grundkonsenses, wie er in der Tora und in den übrigen heiligen Schriften Israels niedergelegt ist und von der christlichen Kirche übernommen wurde, zu unterscheiden von dem allgemeinen ethischen Begründungszusammenhang. Nur wenn die moralischen Prinzipien der Tora auch religionsneutral begründbar sind, kann realistisch erwartet werden, dass auch andere, nicht religiös gebundene, Menschen diesem Wertekanon zustimmen und ihm Folge leisten. Eine Verständigung zwischen unterschiedlich religiös oder auch nicht-religiös gebundenen Menschen ist in unseren heutigen, säkularen und pluralistischen Gesellschaften eine stetige Aufgabe.

Die religiöse Begründung der Menschenrechte in der unveräußerlichen Heiligkeit und Würde eines jeden Menschen und ihre Verankerung in der Gottebenbildlichkeit des Menschen, wie sie in den biblischen Schöpfungsberichten bezeugt wird, sind von besonderer Bedeutung für das ethisch-moralische Fundament, auf das die modernen säkularen Staaten angewiesen sind, die sie aber nicht selbst schaffen oder herstellen können. Als Repräsentanten für die jüdisch – christliche Tradition, auf der unsere Kultur ruht, stehen Juden und Christen in der gleichen Verantwortung für unsere Gesellschaft. Es ist viel gewonnen, wenn sie diese Verantwortung gemeinsam übernehmen und so durch ihr Wirken einen Beitrag zur Erhaltung der Humanität in unserer Kultur leisten.

 

These 5: Der Nazismus war kein christliches Phänomen.

Ohne die lange Geschichte des christlichen Antijudaismus und christlicher Gewalt gegen Juden hätte die nationalsozialistische Ideologie keinen Bestand finden und nicht verwirklicht werden können. Zu viele Christen waren an den Grausamkeiten der Nazis gegen die Juden beteiligt oder billigten sie. Andere Christen wiederum protestierten nicht genügend gegen diese Grausamkeiten. Dennoch war der Nationalsozialismus selbst kein zwangsläufiges Produkt des Christentums. Wäre den Nationalsozialisten die Vernichtung der Juden in vollem Umfang gelungen, hätte sich ihre mörderische Raserei weitaus unmittelbarer gegen die Christen gerichtet. Mit Dankbarkeit gedenken wir jener Christen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft ihr Leben riskiert oder geopfert haben, um Juden zu retten. Dessen eingedenk unterstützen wir die Fortsetzung der jüngsten Anstrengungen in der christlichen Theologie, die Verachtung des Judentums und des jüdischen Volkes eindeutig zurückzuweisen. Wir preisen jene Christen, die diese Lehre der Verachtung ablehnen und klagen sie nicht der Sünden an, die ihre Vorfahren begingen.

Überlegungen zu These 5

Für uns als Angehörige des Volkes, das die Verantwortung für die Folgen des Nationalsozialismus zu tragen hat, ist es überraschend und wohltuend zugleich, diese These zu hören. Zwar wird sie bei nüchterner Betrachtung allgemeine Zustimmung finden, weil sonst jede christliche Gesellschaft zum Nationalsozialismus tendieren müsste. Aber wir müssen bekennen, dass zur Entstehung des Antisemitismus auch christliche Judenfeindschaft erheblich beigetragen hat und Christen den Nationalsozialismus unterstützt und mitgetragen und ihm nicht widerstanden haben. Deswegen empfinden wir es als eine Geste der Versöhnung, wenn Juden in dieser Weise zwischen dem Nationalsozialismus und christlicher Judenfeindschaft differenzieren.

Im Hinblick auf die Ursachen und die Entwicklung von Judenfeindschaft gilt es zu unterscheiden zwischen dem christlichen Antijudaismus, also der religiösen Diskriminierung von Juden, und dem rassistischen Antisemitismus, der biologische Argumentationsfiguren benutzt. Umgekehrt gilt es aber festzuhalten, dass der Antisemitismus sich gut verbinden konnte mit antijudaistischen Elementen in der christlichen Tradition. Der Nationalsozialismus beruht auf Voraussetzungen, die in der deutschen Tradition liegen, zu der auch christliche Elemente gehören. Somit ist er eher eine deutsche als eine christliche Erscheinung.

Auch wir erkennen die Notwendigkeit, für die weitere Entwicklung der evangelischen Theologie gerade jene Ansätze zu stärken, die sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus bewährt haben. Die Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf und die Überzeugung von der Liebe Gottes zu allen Menschen ist das theologische Fundament, von dem her viele Christen zum Widerstand gegen totalitäre und rassistische Systeme fähig wurden.

 

These 6: Der nach menschlichem Ermessen unüberwindbare Unterschied zwischen Juden und Christen wird nicht eher ausgeräumt werden, bis Gott die gesamte Welt erlösen wird, wie es die Schrift prophezeit.

Christen kennen und dienen Gott durch Jesus Christus und die christliche Tradition. Juden kennen und dienen Gott durch die Tora und die jüdische Tradition. Dieser Unterschied wird weder dadurch aufgelöst, dass eine der Gemeinschaften darauf besteht, die Schrift zutreffender auszulegen als die andere, noch dadurch, dass eine Gemeinschaft politische Macht über die andere ausübt. So wie Juden die Treue der Christen gegenüber ihrer Offenbarung anerkennen, so erwarten auch wir von Christen, dass sie unsere Treue unserer Offenbarung gegenüber respektieren. Weder Jude noch Christ sollten dazu genötigt werden, die Lehre der jeweils anderen Gemeinschaft anzunehmen.

Überlegungen zu These 6

Die Treue zum eigenen Glauben verbindet sich mit der unbedingten Achtung vor dem Glauben der anderen. Dieses Verständnis eines Dialogs, bei dem weder Druck noch Zwang, weder politische Macht noch materielle Anreize eine Rolle spielen dürfen, wird in These 6 entfaltet. Dieses Verständnis liegt auch den Bemühungen unserer Kirche um die Erneuerung des Gesprächs mit dem Judentum und um ein vertieftes Verständnis des Judentums zugrunde. Wir müssen eingestehen, dass die Erfahrungen, die Juden in der Vergangenheit mit den Christen gemacht haben, oft andere gewesen sind.

Wir lernen: Im Gespräch ist es möglich, zum eigenen Glauben zu stehen und ihn zu bezeugen, und zugleich den anderen gerade als den anderen anzuerkennen und zu achten. Im Gespräch können wir ihn besser verstehen lernen, und wir können zugleich für den eigenen Glauben neue Perspektiven und Einsichten gewinnen. Die Studie der EKD „Juden und Christen III“ hat für solchen Dialog den Begriff der „Begegnung“ ins Spiel gebracht: „In einer Begegnung bleibt für die Dominanz des einen über den anderen Partner kein Raum, wohl aber für den gegenseitigen Respekt, für die Achtung vor der Überlieferung, in der der Partner steht, und vor den Überzeugungen, zu denen er gelangt ist. Vor allem aber ist der Begriff „Begegnung“ auch offen für Gott, der über beiden Partnern steht und dem gegenüber beide verantwortlich sind und bleiben. Das schließt nicht aus, sondern ein, dass es in der Begegnung auch zur Bezeugung des eigenen Glaubens kommt, so sehr Takt und das Bewusstsein der Belastungen aus der Vergangenheit Christen zur Zurückhaltung anleiten sollten.“ (Nr.3.4.2; S. 168)

Wir können die Wahrheit bezeugen, die uns offenbart ist, über die wir aber nicht verfügen. „Erst wenn das letzte Ziel aller Geschichte Gottes mit der Welt erreicht ist, wird das ‚Volk Gottes’ in seiner ihm von Gott her zukommenden Bestimmtheit sichtbar hervortreten. Bis dahin kann die Theologie das Geheimnis, das mit dem Verhältnis von Kirche und Israel gegeben ist, nicht auflösen.“ ( „Kirche und Israel“ II.25.10, S. 70)

 

These 7: Ein neues Verhältnis zwischen Juden und Christen wird die jüdische Praxis nicht schwächen.

Ein besseres Verhältnis wird die von Juden zu Recht befürchtete kulturelle und religiöse Assimilation nicht beschleunigen. Es wird weder die traditionellen jüdischen Formen der Anbetung verändern, noch wird es die Anzahl interreligiöser Ehen zwischen Juden und Nicht-Juden zunehmen lassen, noch wird es Juden dazu bewegen, zum Christentum überzutreten, und auch nicht zu einer unangebrachten Vermischung von Judentum und Christentum führen. Wir respektieren das Christentum als einen Glauben, der innerhalb des Judentums entstand und nach wie vor wesentliche Kontakte zu ihm hat. Wir betrachten es nicht als eine Erweiterung des Judentums. Nur wenn wir unsere eigenen Traditionen pflegen, können wir in Aufrichtigkeit dieses Verhältnis weiterführen.

Überlegungen zu These 7

In jüdischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten gibt es die Sorge, der Dialog zwischen Juden und Christen, wie er sich entwickelt hat, könne die religiöse Assimilation beschleunigen und damit die jüdische Identität gefährden. Aus der geschichtlichen Erfahrung und angesichts der Minderheitensituation, in der jüdische Gemeinden leben, ist diese Sorge sehr verständlich, und wir nehmen sie ernst. Aber wir teilen die Auffassung der These, dass der Dialog zwischen Juden und Christen weder das Ziel noch den tatsächlichen Effekt hat, Assimilation oder Vermischung zu beschleunigen. Vielmehr machen auch wir die Erfahrung, dass der Dialog die eigene Identität nicht schwächt, sondern das Eigene im Licht des Anderen besser verstehen lässt. Dies sagen wir auch im Blick auf die in unserer Kirche hier und da spürbaren Ängste, der Dialog zwischen Christen und Juden setze die christliche Identität aufs Spiel.

Die Sorge um die Bedrohung der eigenen Identität nimmt heute zu im Kontext einer globalisierten Welt, in der sich unterschiedliche Religionen und Weltanschauungen permanent begegnen. Dabei kommt es tatsächlich auch zu Prozessen der Assimilation und der Vermischung – aber nicht durch den Dialog, sondern durch die Mechanismen der globalisierten Welt. Gerade in dieser Situation lässt sich aber auch die Erfahrung machen, dass der sorgfältig geführte Dialog für die Klärung der eigenen Identität hilfreich und für den Frieden zwischen Völkern und Religionen förderlich ist.

 

These 8: Juden und Christen müssen sich gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen.

Juden und Christen erkennen, ein jeder auf seine Weise, die Unerlöstheit der Welt, wie sie sich in andauernder Verfolgung, Armut, menschlicher Entwürdigung und Not manifestiert. Obgleich Gerechtigkeit und Frieden letztlich in Gottes Hand liegen, werden unsere gemeinsamen Anstrengungen zusammen mit denen anderer Glaubensgemeinschaften helfen, das Königreich Gottes, auf das wir hoffen und nach dem wir uns sehnen, herbei zu führen. Getrennt und vereint müssen wir daran arbeiten, unserer Welt Gerechtigkeit und Frieden zu bringen. In dieser Bemühung leitet uns die Vision der Propheten Israels: „In der Folge der Tage wird es geschehen: Da wird der Berg des Hauses des Herrn festgegründet stehen an der Spitze der Berge und erhaben sein über die Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Dorthin pilgern viele Nationen und sprechen: ‚Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs! Er lehre uns seine Wege, und wir wollen auf seinen Pfaden wandeln.'“ (Jesaja 2, 2-3)

Überlegungen zu These 8

In den Aufruf zur gemeinsamen Weltverantwortung von Juden und Christen und zum Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit werden in These 8 auch Menschen anderer Glaubensgemeinschaften einbezogen; zugleich aber kommt dem Besonderen, das Juden und Christen verbindet und das in den vorangehenden sieben Thesen entfaltet wurde, eine wesentliche Bedeutung dafür zu, dass von Juden und Christen gemeinsamer Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit erwartet wird.

These 8 verweist auf das Juden und Christen gemeinsame Bewusstsein von der Unerlöstheit der Welt. Dieses Bewusstsein beruht auf dem Dank für die von Gott geschaffene und gewollte gute Schöpfung und auf der Hoffnung auf die zukünftige Erlösung und Neuschöpfung durch Gott. Der menschliche Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit wird von Juden und Christen also im Horizont der von Gott ausgehenden Gerechtigkeit und seines Friedens gesehen. Es ist eine Frucht des jüdisch – christlichen Dialogs, dass auf der Grundlage der gemeinsamen Texte des Tenach / des Altes Testaments die Gemeinsamkeiten im Verständnis von Gottes Gerechtigkeit erkannt wurden: Gottes Gerechtigkeit ist nicht denkbar ohne seine Barmherzigkeit und seine Treue.

In ihrem Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit werden beide, Christen und Juden, geleitet von den prophetischen Verheißungen und Visionen. Am Ende von These 8, und damit am Ende von Dabru emet wird der Text Jesaja 2 zitiert, der von der endzeitlichen Völkerwallfahrt zum Zion spricht. So sehr die Ausrichtung auf die noch ausstehende Heilszeit für alle Völker Juden und Christen verbindet, so gibt es doch im Blick darauf auch Unterschiede in der Deutung. Christen lesen prophetische Verheißungen wie Jes. 2 im Lichte Jesu Christi und seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten. Damit stellt sich für Christen auch die Frage, wie die in Jes. 2 benannte endzeitliche Bedeutung der Tora als gültige Weisung für alle Völker sich verhält insbesondere zu den paulinischen Aussagen über die Geltung der Tora für die an Christus Glaubenden.

Am Ende von Dabru emet wird die Hoffnung ausgesprochen, dass Gott selbst am Ende der Zeiten alle Völker in alle Wahrheit führen wird. In diese Hoffnung stimmen wir ein. Damit können – und hierzu ermutigt Dabru emet und der jüdisch – christliche Dialog insgesamt – Juden und Christen den Weg durch die Geschichte gehen. Sie können in der Freude über das Gemeinsame und mit der Achtung vor der Differenz in der je eigenen Glaubensgewissheit der endgültigen Offenbarung der Wahrheit entgegengehen.

Mitglieder des Gemeinsamen Ausschusses „Kirche und Judentum“ der EKD, UEK und VELKD

Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit, Greifswald
Pfarrerin Jutta Becker, Berlin
Pfarrer Dr. Ernst-Michael Dörrfuß, Esslingen
OKR Dr. Norbert Dennerlein, Seelze
Pfarrerin Astrid Fiehland-van der Vegt, Hamburg
OKR Dr. Thies Gundlach, Hannover (Geschäftsführer)
Landespfarrerin Katja Kriener, Düsseldorf
Prof. Dr. Andreas Lindemann, Bielefeld
Propst Dr. Karl Heinz Lütcke, Berlin
Pfarrer Ulrich Schwemer, Heppenheim
Pröpstin Dr. Monika Schwinge, Pinneberg (Vorsitzende)
Prof. Dr. Notger Slenczka, Mainz
OSTRin Vera Utzschneider, Neuendettelsau

EKD

AG

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