Erklärung »Martin Luther und das Judentum – Herausforderungen für die Lutherischen Kirchen heute« (2011)

© Lutherische Europäische Kommission Kirche und Judentum (LEKKJ), 21.05.2011 (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten der LEKKJ)

 

Erklärung »Martin Luther und das Judentum – Herausforderungen für die Lutherischen Kirchen heute« (21.05.2011)


 

Die lutherischen Kirchen begehen im Jahr 2017 den 500. Jahrestag der Reformation. Dies ist Anlass, auch Martin Luthers Verhältnis zum Judentum erneut zu bedenken.

  1. Die Heilige Schrift ist für die Kirchen der Reformation „Quelle, Regel und Richtschnur des Glaubens“. Martin Luther wies auf die zentrale Bedeutung der ganzen Bibel – des Alten und Neuen Testaments – im Leben der Kirche und eines jeden Christen und einer jeden Christin hin. Hier liegt für uns ein wichtiger Beitrag des reformatorischen Erbes.
  2. Wir ermutigen Christinnen und Christen weltweit, ihre Kenntnisse der Hebräischen Bibel, des Alten Testaments, zu vertiefen, ihren Gebrauch im Gottesdienst zu fördern und sie als Quelle von Theologie und individueller Spiritualität zu nutzen.
  3. Wir sehen eine zentrale Aufgabe für die lutherischen Kirchen heute darin, an einer christlichen Hermeneutik der Hebräischen Bibel zu arbeiten und jüdische Auslegung als Bereicherung im Verständnis der gemeinsamen biblischen Grundlage zu begreifen. Wir freuen uns über den kontinuierlichen Dialog mit Jüdinnen und Juden in der Auslegung der Schrift.
  4. Unsere Kirchen können das Reformationsjubiläum nur angemessen würdigen, wenn sie sich auch den Schattenseiten ihres Reformators stellen.
    a. Der Lutherische Weltbund bekannte auf der VII. Vollversammlung in Budapest 1984: „Die wüsten antijüdischen Schriften des Reformators können wir … weder billigen noch entschuldigen … Die Sünden von Luthers antijüdischen Äußerungen und die Heftigkeit seiner Angriffe müssen mit großem Bedauern zugegeben werden. Wir müssen dafür sorgen, dass eine solche Sünde heute und in Zukunft in unseren Kirchen nicht mehr begangen werden kann.“1
    b. Die LEKKJ hat in ihrer „Erklärung zur Begegnung zwischen lutherischen Christen und Juden“ in Driebergen am 8. Mai 1990 gefordert, „dass in den lutherischen Kirchen nicht nur die antijüdischen Ausfälle des späten Luther mit ihren verheerenden Folgen aufgearbeitet werden“, sondern auch „Grundschemata lutherischer Theologie und Lehre“, wie „Glaube und Werke“, „Verheißung und Erfüllung“, „Zwei Regimente/Zwei Reiche“ im Blick auf ihre Auswirkung auf das christlich-jüdische Verhältnis neu bedacht werden.
  5. Zur Judenfeindschaft in Martin Luthers Schriften erschienen in den letzten Dekaden kirchliche Erklärungen und zahlreiche Publikationen.ii Ihre Inhalte sind in das Bewusstsein und die Diskussion der Kirchen und der Kirchengemeinden zu holen.
  6. Schon in der Zeit der Reformation gab es lutherische Reformatoren wie Urbanus Rhegius und Andreas Osiander, die Juden gegenüber eine andere Haltung als Martin Luther eingenommen haben. Sie haben trotz der Ablehnung des christlichen Glaubens durch Juden den Dialog gesucht und sind für die Rechte der Juden eingetreten. Für uns lutherische Christinnen und Christen ist ihre Haltung von grundlegender Bedeutung.2

Wir hoffen, dass diese Herausforderungen in die Diskussionen der Kirchen und Kirchengemeinden Eingang finden.

 

Helsinki, den 21. Mai 2011

 

  1. Hierzu zählen folgende Werke: Peter von der Osten-Sacken. Martin Luther und die Juden – neu untersucht anhand von Anton Margarithas ‚Der gantz Jüdisch glaub‘ (1530/31). Kohlhammer, 2002. Oberman, Heiko A. The Roots of Anti-Semitism in the Age of Renaissance and Reformation. James I. Porter, trans. Philadelphia: Fortress Press, 1984.

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