Erklärung »Verbundenheit mit dem jüdischen Volk« (1988)

© Evangelische Landeskirche in Württemberg (Oberkirchenrat und Landessynode), Erklärung »Verbundenheit mit dem jüdischen Volk« zum 50. Jahrestag des Judenpogroms „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938, 15.09.1988 (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten der ELK-WUE)

 

»Verbundenheit mit dem jüdischen Volk« vom 15.09.1988


 

Die Beziehung zwischen den Juden als dem Volk Gottes und der Kirche Jesu Christi beschreibt der Apostel Paulus mit dem Bild des Ölbaums und den eingepfropften Zweigen: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,18). Gleichzeitig warnt er seine heidenchristlichen Brüder vor Überheblichkeit.

 

1. Geschichtliche Entwicklung und christliche Schuld

Die Mahnung des Apostels geriet schnell in Vergessenheit. Statt des gemeinsamen Wurzelgrunds begannen Distanz und Ablehnung das Verhältnis zu prägen.
In den fast 2000 Jahren ihres Exils unter christlichen Völkern waren die Juden Vorurteilen, Verleumdungen, gesellschaftlicher Isolierung und Verfolgungen ausgesetzt. Durch die Geschichte des christlichen Abendlandes zieht sich eine unheilvolle Spur von Judenfeindschaft. Sie endete auch nicht, als im 19. Jahrhundert in den meisten europäischen Staaten die Juden gleichberechtigte Bürger wurden. Gegen den Judenhass und die Hetzpropaganda des Dritten Reiches formierte sich darum kein nachhaltiger geistiger Widerstand. Als im November 1938 in der später verharmlosend so genannten „Reichskristallnacht“ Synagogen angezündet, jüdische Geschäfte geplündert und demoliert, jüdische Mitmenschen schändlich misshandelt, gefangen genommen und in Konzentrationslager verschleppt wurden, blieb bis auf wenige Ausnahmen jeder öffentliche Protest aus. Auch die Kirchen waren weithin sprachlos und blind.

Als Christen leiden wir unter der schweren Last dieser Vergangenheit. Wir erkennen und bekennen unsere Schuld vor Gott und vor dem jüdischen Volk und bitten den Herrn, dass er uns helfe zur Umkehr im Glauben und Tun.

 

2. Erinnern, nicht vergessen!

Die lange Tradition der Ablehnung alles „Jüdischen“ in der Christenheit lässt sich nicht allein durch gute Absicht und schnelle Aufklärung verändern. Eine gründliche und selbstkritische geistliche Arbeit von Generationen wird nötig sein, um den langen Weg zu gehen, der vom Misstrauen zur Aufgeschlossenheit, von der Abweisung zur Bejahung und zum Bewusstsein des Zusammengehörens führt.

Unerlässlich ist dabei, dass wir uns der Erinnerung stellen und nicht verdrängen, was geschehen ist. Nur wenn wir die Geschichte kennen und ihre Last verantwortlich auf uns nehmen, kann sie uns helfen, die Herausforderungen der Gegenwart zu bestehen.

 

3. Vom Trennenden zum Gemeinsamen

In der Tradition der Kirche gab es bisher wenig Raum für Überlegungen, die auf das Juden und Christen Verbindende zielten. Die Kirchengeschichte war eher darauf angelegt, Unterschiede und Gegensätze zu betonen.

Der neue Weg, den wir gehen wollen, führt uns weit weg von falschem Selbstbewusstsein und hin zu geistiger Aufgeschlossenheit, die sich vom gegenseitigen Kennen lernen, von Dialog und Gedankenaustausch etwas verspricht und sich darum bemüht.

Im Vordergrund aller Überlegungen soll stehen, was Juden und Christen gemeinsam haben und gemeinsam tun können. Was uns im Glauben unterscheidet, soll nicht verschwiegen werden, es darf aber auch nicht mehr zur Trennung führen. Gottes Treue gilt uneingeschränkt sowohl Seinem erwählten Volk, wie der in Christus Jesus berufenen Gemeinde aus allen Völkern. Nicht gegenseitige Abgrenzung, sondern gemeinsames Lob der Treue Gottes ist unser Anliegen.

 

4. Überlegungen zum „Neuen Weg“

Wäre das Judentum nur eine religiöse Lehre, so könnte man sich durch Literatur und Medien damit vertraut machen. Da es aber in erster Linie eine im Glauben praktizierte Lebensform ist, die von der Thora, der Weisung Gottes, bestimmt wird, kann kein bloßes Wissen über das Judentum die Begegnung mit jüdischen Menschen ersetzen.

Begegnung und Gespräch sind in der Bibel der beispielhafte Weg zum Mitmenschen. Sollten nicht Christen und Juden, von der Menschenfreundlichkeit Gottes angereizt, aufeinander zugehen, sich mit wohlwollendem Interesse beobachten, sich anfreunden, sich kennen und schätzen und gegenseitig vertrauen lernen? Satte Selbstgenügsamkeit, die sich dem Gespräch verschließt, ist keine christliche Tugend; Offenheit und Entgegenkommen entsprechen dem Verhalten Jesu.

 

5. Hören und Aufnehmen

Bei der angestrebten Begegnung steht uns gut an, wenigstens eine Zeitlang eher Zurückhaltung zu üben. Wir wollen hören, lernen und aufnehmen, was jüdische Gesprächspartner über sich selbst und andere sagen. Christliche Repräsentanten haben, obwohl sie echtes, gelebtes Judentum kaum kannten, viele Jahrhunderte lang ohne Scheu die Rolle der Wissenden übernommen – auch in der Belehrung über das, was Juden denken und glauben und tun.

 

6. Umbesinnung: Auf allen Gebieten notwendig

Die Beziehung zu Israel als dem Volk Gottes stellt eine Grundkomponente christlicher Selbsterkenntnis dar. Es gibt darum kein Gebiet, wo sie nicht aufgenommen und reflektiert werden müsste. Wir sehen darin eine Aufgabe für die wissenschaftliche Theologie an den Universitäten, wie für die kirchliche Lehre; die Verbundenheit mit dem jüdischen Volk ist Inhalt christlicher Erziehung, Verkündigung und Öffentlichkeitsarbeit.

Einzelne Daten, wie etwa der „Israelsonntag“ am 10. Sonntag nach Trinitatis oder der Buß- und Bettag im November, können ein Anlass sein, diese Beziehung besonders und ausdrücklich zum Thema zu machen.

 

7. Umkehr: Auf allen Ebenen zu vollziehen

Neubesinnung und Umkehr ereignen sich nicht durch bloße Absichtserklärungen. Sie müssen von jedem einzelnen konkret vollzogen werden. Darum stehen alle, die im Raum der Kirche Verantwortung tragen, in der Pflicht: Kirchengemeinderäte und Leiter von Gemeindekreisen, Jugendgruppen und Gemeinschaften wie auch hauptamtliche kirchliche Mitarbeiter, Lehrer und Pfarrer.

Ein besonderes Maß an Verantwortung kommt Oberkirchenrat und Synode zu, die für die Landeskirche sich äußern und handeln. Sie haben ein Wächteramt auch gegenüber den christlichen Weltorganisationen zu üben und in kritischer Wahrnehmung unserer Mitgliedschaft beim Ökumenischen Rat der Kirchen und beim Lutherischen Weltbund darauf zu achten, dass politischer Anliegen wegen nicht die wesensmäßige Verbundenheit mit dem jüdischen Volk verschwiegen oder in Frage gestellt wird.

Umkehr müsste sich auch darin erweisen, dass wir als Christen den Ansätzen eines neu aufkommenden Antisemitismus in unserem Land entgegentreten. Es gilt aber auch, der vereinfachenden Gleichsetzung von Antisemitismus und kritischer Solidarität mit dem Staat Israel entgegenzuwirken.

 

8. Schwerpunkte des Dialogs in der württembergischen Landeskirche

Es hat einen guten Sinn, wenn der christlich-jüdische Dialog schwerpunktmäßig bei den charakteristischen Eigenheiten der jeweiligen Kirchen ansetzt. Die Verwurzelung breiter Kreise in der Heiligen Schrift war und ist ein besonderes Kennzeichen der württembergischen Landeskirche. Mit Anerkennung und Zustimmung stellt die Kirchenleitung fest, dass das Gespräch zwischen Christen und Juden in der württembergischen Landeskirche sich gerade auch in dieser Tradition entfaltet und einen unverwechselbaren Beitrag leistet. Exemplarisch seien hier genannt: Christlich-jüdische Bibelwochen über alttestamentliche Texte mit thoratreuen jüdischen Lehrern; biblisch-theologische Arbeit mit jüdischen Gelehrten bei Pfarrkonventen; „Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen“ zu den alttestamentlichen Predigtperikopen, in Buchform vorgelegt von einem dialogerfahrenen Rabbiner; junge Theologen, die in Jerusalem Bibel und Judentum studieren; Werke der Nächstenliebe in Israel, wie das „Liebeswerk Zedakah“ für Überlebende aus den Konzentrationslagern.

Dass das Kennen lernen über dem Bibelwort sich nicht in Kommissionen, sondern bevorzugt in Kirchengemeinden und bei der Fortbildung kirchlicher Mitarbeiter abspielt, ist eine der Besonderheiten unserer Landeskirche, zu deren Pflege wir ermutigen.

 

9. Dank an jüdische Gesprächspartner

Oberkirchenrat und Synode nehmen in diesem Zusammenhang gerne die Gelegenheit wahr, öffentlich jüdischen Lehrern und Familien zu danken, dass sie sich im Raum unserer Landeskirche an einer von gegenseitiger Achtung und Vertrauen getragenen Zusammenarbeit beteiligen.

Mit großem Respekt erfüllt uns die Bereitschaft jüdischer Menschen, trotz zum Teil schwerster persönlicher Erlebnisse und über die Zerwürfnisse und Gräben der Vergangenheit hinweg das Gespräch mit Christen in Deutschland zu führen. Wir sehen darin ein Stück gelebter Vergebung.

 

10. Zum Staat Israel

Auf dem Hintergrund ihrer jahrtausendelangen Leidensgeschichte teilen wir die Freude der Juden über die Heimkehr ins Land der Väter und begreifen ihre Verbundenheit mit dem Staat Israel. Wir anerkennen und verstehen, was ein deutscher Jude zum 40jährigen Bestehen des Staates Israel schrieb: „Aus Israel schöpfen wir, und noch in höherem Maße unsere Kinder, die Kraft für eine kontinuierliche jüdische Identität, die aufzugeben mit dem Verzicht auf unsere weitere Existenz gleichzusetzen wäre, wie uns die historische Erfahrung schmerzhaft lehrt. Ob er sich dessen bewusst wird oder nicht, ob er es wünscht oder nicht, ist heute jeder Jude, wo immer auf dieser Welt er auch leben möge, auf das innigste mit dem Staat Israel verbunden.“ (Heinz Galinski, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, in der Allgemeinen jüdischen Wochenzeitung vom 22. April 1988.)

 

11. Zum Nahost-Konflikt

Als mit dem Volk Israel verbundene Kirche beten wir für den Frieden im Nahen Osten und bitten alle am arabisch-israelischen Konflikt mittelbar und unmittelbar Beteiligten, den Mut zu Verständigungs- und Aussöhnungsbereitschaft nicht zu verlieren. Feindschaft, Misstrauen, Gewalt und Hass führen ins Verderben. Nur die beharrliche Bemühung um Verständigung, Ausgleich und Frieden kann den Völkern im Nahen Osten den Weg in eine gemeinsame Zukunft ebnen.

 

12. Unter Gottes Segen

Die Kirchenleitung sieht in dem Berufungswort an Abraham den tragenden Grund, auf dem die Verbundenheit der Kirche mit dem jüdischen Volk Bestand hat, und hört auf diese Gottesverheißung: „Ich will segnen, die dich segnen …; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (Gen 12,3).

Download PDF

AG

c/o Ev. Akademie zu Berlin
Charlottenstraße 53/54
10117 Berlin (Mitte)
[email protected]