Erklärung »Zur Gefahr eines neuen Antisemitismus« (1981)

© »Juden und Christen« beim Deutschen Evangelischen Kirchentag (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten des Freiburger Rundbriefs)

 

Erklärung der Arbeitsgemeinschaft »Juden und Christen« beim Deutschen Evangelischen Kirchentag, Hamburg (20.06.1981)


 

 

Zur Gefahr eines neuen Antisemitismus

Wir sind besorgt darüber, dass in unserem Lande die Einstellung zum Staat Israel und zum Judentum sich verschlechtert.

Nach einer Zeit, in der das Entsetzen über die nazistische Judenverfolgung Selbstkritik, Bitte um Vergebung und Wunsch nach einem neuen, besseren Verhältnis zu den Juden unter uns und im Staate Israel zur Folge hatte, mehren sich jetzt die Zeichen des Rückfalls in Judenfeindschaft. Hinter der Kritik an der israelischen Regierung, die natürlich ebenso kritisierbar ist wie die Politik jeder Regierung, wird der alte Antisemitismus sichtbar. Darum erklären wir:

1. Es ist Antisemitismus, wenn israelische Politik beurteilt wird ohne Verständnis für die besondere Lage des Staates Israel : ein Kleinstaat, in dreissigjährigem Kriegszustand, umgeben von Feinden, die ihm Anerkennung und Frieden verweigern, ein Staat, dessen Volk eine militärische Niederlage nicht überleben würde.

2. Es ist Antisemitismus, wenn Fehlhandlungen der israelischen Regierung einseitig ohne Berücksichtigung der Handlungen der Feinde Israels und schärfer als Fehlhandlungen anderer Regierungen hervorgehoben und verurteilt werden.

3. Es ist Antisemitismus, wenn die bisher von unserer Regierung anerkannten »besonderen Beziehungen« der Bundesrepublik zum Staate Israel, die eine Folge der von Deutschen und im Namen des deutschen Volkes betriebenen Judenverfolgung sind, bestritten werden und die Verantwortung deutscher Politik für die Existenz und Sicherheit geleugnet oder vergessen wird.

Wir fordern die Bundesregierung auf, diese besonderen Beziehungen nicht preiszugeben, nichts zu tun, was Israels Sicherheit gefährdet und ihre Beziehungen zu den arabischen Staaten im Sinne des zwischen Ägypten und Israel begonnenen Friedensprozesses zu gestalten.

Wir fordern die Bundesregierung deshalb auf, Beziehungen zur PLO an die Bedingung zu knüpfen, dass die PLO die Existenz des Staates Israel anerkennt und alle terroristischen Akte gegen die israelische Bevölkerung einstellt. Wir warnen unser Volk vor dem Rückfall in den Antisemitismus, der uns selbst zerstört. Wir fordern insbesondere alle Christen in unserem Lande dazu auf, bei sich selbst und in ihrer Umgebung gegenüber judenfeindlichen Einstellungen wachsam zu sein. Judenfeindschaft trifft auch den Juden Jesus von Nazareth.

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