»Erklärung zur Schuld am jüdischen Volk« (1948)

© Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, »Erklärung zur Schuld am jüdischen Volk«, 18.04.1948 (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten der ELKS)

 

»Erklärung zur Schuld am jüdischen Volk« (18.04.1948)


 

Wir empfinden es als tief beschämend, dass der umfassendste und grausamste Versuch zur gewaltsamen Ausrottung des Judentums, den die Weltgeschichte kennt, im Namen des deutschen Volkes unternommen worden ist. Millionen Juden, Männer, Frauen und Kinder, ein Drittel des gesamten Volksbestandes, wurden von uns vernichtet.

Es bedarf keines Wortes darüber, dass dies den christlichen Grundsätzen der Gerechtigkeit, Duldung und Nächstenliebe im tiefsten widerspricht. Es wäre aber zu billig, die Verantwortung dafür auf die damaligen Machthaber, an denen Gottes Gericht sich erfüllt hat, abzuschieben. Sofern der Rassenhass unter uns gehegt oder doch ohne ernsthaften Widerstand geduldet worden ist, sind wir mitschuldig geworden.

Auch unsere sächsische Kirche hat zur Verfolgung der Juden, selbst der christlichen, beigetragen. Seit 1933 wurde durch die damalige Kirchenführung planmäßig der Weg beschritten, die Judenchristen aus der kirchlichen Gemeinschaft auszuschließen. Viele Pfarrer und Gemeinden haben dazu geschwiegen, ja manche haben sich an dieser Haltung sogar persönlich beteiligt. Wenn es auch an bewusst christlicher Gegenwirkung nicht gefehlt hatte, so ist es doch durch den Bruch kirchlicher Gemeinschaft mit den Juden zur Verleugnung des Wesens der Kirche gekommen.

Indem wir uns unter diese Schuld beugen, bitten wir Gott um Vergebung der vergangenen oder geduldeten Sünde am jüdischen Volk. Mögen auch unsere jüdischen Mitbürger und Mitchristen uns verzeihen!

Für die Zukunft schulden wir dem jüdischen Volk: Gerechtigkeit, zu der wir unbedingt verpflichtet sind; Barmherzigkeit, besonders den von der Hilfsleistung des Weltjudentums ausgeschlossenen Judenchristen gegenüber; die frohe Botschaft von Jesus, der der Christus auch des jüdischen Volkes ist. Wir sind gewiss, dass, wo das Evangelium bussfertig und gläubig bezeugt wird, es seine Kraft auch an jüdische Herzen offenbart. Wir müssen diesen Aufgaben auch um unseres Volkes willen mehr Aufmerksamkeit zuwenden als bisher.

Wir bitten Gott um Weisheit, Kraft und Liebe, sie zu erfüllen.

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