»Interreligiöser Dialog – Konzeption der interreligiösen Arbeit der ELKB« (2016)

©  Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, »Interreligiöser Dialog – Konzeption der interreligiösen Arbeit der ELKB«, 17.–21.04.2016 (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten der ELKB)

 

»Interreligiöser Dialog – Konzeption der interreligiösen Arbeit der ELKB« (17.–21.04.2016)


 

Inhaltsverzeichnis

  • Einführung
  • Kapitel 1 Theologische Grundlegung
  • Kapitel 2 Das Verhältnis von Christentum und Judentum
  • Kapitel 3 Die Beziehung von Christentum und Islam
  • Kapitel 4 Die Begegnung mit Hinduismus und Buddhismus
  • Kapitel 5 Möglichkeiten und Kriterien interreligiöser Arbeit

 


 

[…]

2. Kapitel: Das Verhältnis von Christentum und Judentum

Die Situation der jüdischen Gemeinden in Bayern

Seit mehr als einem Jahrtausend leben Juden und Jüdinnen im Gebiet des heutigen Bayern. Im Mittelalter schufen sie in den Städten religiös und wirtschaftlich bedeutende Gemeinden. Nach Pogromen und Vertreibungen entstanden ab der frühen Neuzeit mehrere hundert kleinere und größere jüdische Landgemeinden, deren Mitglieder nicht selten ein Viertel bis ein Drittel der Ortsbevölkerung ausmachten. Nachdem 1861 den jüdischen Familien die freie Wohnortwahl gestattet worden war, zogen viele in die Städte. In manchen wurden deshalb neue Gemeinden gegründet. In München und Nürnberg wurden um 1930 je etwa 10.000 jüdische Einwohner gezählt. In über 200 weiteren städtischen und ländlichen Gemeinden praktizierten jüdische Frauen, Männer und Kinder zu dieser Zeit ihre Religion und das Miteinander mit ihren christlichen Nachbarn. Die Formen des praktizierten Judentums waren höchst vielfältig. Im 19. Jahrhundert waren auch unter der jüdischen Bevölkerung ein patriotisches und nationalistisches Bewusstsein und Bürgersinn gewachsen. Das bedeutete jedoch nicht zwangsläufig, dass Juden ihre Bindung an die jüdische Tradition gelockert oder aufgegeben hätten. Mit der deutschen Geschichte, Kultur und Nation identifizierten sich sowohl traditionstreue als auch liberale Jüdinnen und Juden. Nach dem Ersten Weltkrieg bildeten sich zahlreiche völkische und antisemitische Gruppierungen. Seit Jahrhunderten herrschte in den Kirchen ein Antijudaismus, der das Judentum als unterlegene, veraltete und gesetzliche Religion abqualifizierte. Er stempelte „die Juden“ als „Gottesmörder“ ab und hatte sich schon früh mit wirtschaftlichen und kulturellen Vorurteilen gegen Juden (etwa als „Wucherer“ oder „Fremdlinge“) verbunden. Das trug dazu bei, dass viele Christinnen und Christen auf Distanz zu den jüdischen Ortsbewohnern gingen.1 In den 1930er Jahren trieben Hetze und Diskriminierung, insbesondere die gegen die Juden gerichteten Gesetze und Gewaltmaßnahmen in der NS-Zeit, viele jüdische Familien in die Flucht. Wer blieb, erlebte die Zerstörung der Synagogen und erfuhr Enteignung, Verarmung und Entrechtung. Viele mussten ihre Hoffnung auf Auswanderung aufgeben und wurden schließlich deportiert. Nach heutigem Kenntnisstand wurden mehr als 9.000 jüdische Menschen aus dem heutigen Bayern in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet. Nur sehr wenige Juden überlebten in Bayern, weil sie ihre Identität geheim halten konnten oder mit nicht-jüdischen Partnern verheiratet waren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen Überlebende der Konzentrationslager („Displaced Persons“) und Juden, die in Verstecken überlebt hatten, nach Bayern und gründeten neue jüdische Gemeinschaften. Zum Teil knüpften sie bewusst an die zerstörten Gemeinden an.

Heute gibt es in Bayern 14 jüdische Gemeinden. Ein großer Teil der insgesamt rund 20.000 Jüdinnen und Juden immigrierte seit Beginn der 1990er Jahre aus der ehemaligen Sowjetunion. Die meisten von ihnen wussten wegen des Staatsatheismus und der Diskriminierung kaum etwas vom Judentum. Auch hatten sie nur wenig Erfahrung darin, was es bedeutet, jüdisch zu leben. Die Integration der neuen Mitglieder in das Gemeindeleben und ihre Unterstützung in sozialen und rechtlichen Fragen stellt eine große Herausforderung für die jüdischen Gemeinden in Bayern dar. Die Einwanderer prägten und veränderten das Gemeindeleben. Vielerorts zeigt sich, dass die Bemühungen um ihre religiöse und soziale Integration fruchtbar waren: In fast allen jüdischen Gemeinden sind die Migrantinnen und Migranten mittlerweile im Gemeindevorstand vertreten. Die „zweite Generation“ wurde durch intensive Kinder- und Jugendarbeit mit dem Gemeindeleben vertraut.

 

Die grundlegende Beziehung des Christentums zum Judentum

Die Beziehung des Christentums zum Judentum unterscheidet sich grundlegend vom Verhältnis zu allen anderen Religionen. Die Kirche kann nicht beschreiben, was sie ist, ohne ihr Verhältnis zu „Israel“ zu bestimmen. Die ELKB hat 1998 diese Tatsache durch ihr Wort „zum Verhältnis von Christen und Juden“ zum Ausdruck gebracht. Dort heißt es in der Präambel: „Die Frage nach dem Verhältnis von Christen und Juden führt in die Mitte des christlichen Glaubens: der Glaube an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den wir Christen als den Vater Jesu Christi bekennen, verbindet Christen und Juden. Das Thema ist nicht nur von außen an die Kirche herangetragen, sondern stellt eine für Kirche und Theologie gleichermaßen zentrale Lebensfrage dar.“2

Die Kirche bekennt den Juden Jesus als Christus. Jedes Christusbekenntnis enthält von daher auch das Bekenntnis zur jüdischen Herkunft und zum jüdischen Selbstverständnis Jesu.

Die Kirche vertraut darauf, dass Gott treu ist. Gott hat seine Treue zuerst dem biblischen Israel versprochen, sie gilt dem jüdischen Volk auch heute noch. Grundlage für die Verkündigung und Identität der Kirche sind die Schriften des Alten und Neuen Testaments. Zugleich sind die hebräischen Schriften ihres Alten Testaments auch Grundlage für das Selbstverständnis des Judentums. Die Bindung der Kirche an die Offenbarung Gottes, wie sie in beiden Testamenten der Heiligen Schrift bezeugt ist, macht das Gespräch mit dem Judentum auf der Grundlage der biblischen Tradition zu einer Notwendigkeit.

Auch die Autoren der neutestamentlichen Schriften waren meist jesusgläubige Juden. Sie legten die überlieferten heiligen Schriften im Licht der Auferweckung Jesu aus. Für die Zeit des Neuen Testaments kann man nicht von Christentum und Judentum als getrennten Religionen sprechen.3 Ihre Wege gingen erst danach in einem komplizierten und langwierigen Prozess auseinander, in dem sich die Alte Kirche und das rabbinische Judentum herausbildeten. Die Heiligkeit und Gültigkeit der alttestamentlichen Schriften – entweder griechisch oder hebräisch – blieb grundsätzlich in beiden Gemeinschaften unstrittig.

Im Jahr 2000 haben jüdische Gelehrte in der Erklärung „Dabru emet“ (Redet Wahrheit) aus den nach 1945 im jüdisch-christlichen Dialog gewonnenen Einsichten in die bleibende und spannungsvolle Beziehung beider Gemeinschaften geschlussfolgert: „Christen kennen und dienen Gott durch Jesus Christus und die christliche Tradition. Juden kennen und dienen Gott durch die Tora und die jüdische Tradition. Dieser Unterschied wird weder dadurch aufgelöst, daß eine der Gemeinschaften darauf besteht, die Schrift zutreffender auszulegen als die andere, noch dadurch, daß eine Gemeinschaft politische Macht über die andere ausübt.“4

Seit 2012 bekundet die Evangelisch-Lutheri- sche Kirche in Bayern im Grundartikel ihrer Verfassung: „Mit der ganzen Kirche Jesu Christi ist sie [die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern] aus dem biblischen Gottesvolk Israel hervorgegangen und bezeugt mit der Heiligen Schrift dessen bleibende Erwählung.“
Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern hat sich 2008 in einem Wort ihrer kirchenleitenden Organe zum Verzicht auf Judenmission bekannt: „Aktivitäten, die das Ziel einer Konversion von Juden zum Christentum verfolgen, sind für die ELKB undenkbar.“

 

Jüdisch-christliches Gespräch in der Gegenwart

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern bekennt ihre Mitschuld an den Verbrechen, die Deutsche in der NS-Zeit an jüdischen Frauen, Männern und Kindern begangen haben. Sie ist dankbar dafür, dass sich seit 1945 Jüdinnen und Juden zu Begegnungen und Gesprächen mit Christinnen und Christen bereit gefunden haben. Sie haben dadurch einen jahrzehntelangen innerkirchlichen Prozess des historischen und theologischen Nachdenkens und Umdenkens begleitet und vorangebracht. Ausdruck der Lernprozesse ist neben den Worten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern auch die Ergänzung des Grundartikels ihrer Kirchenverfassung. Diese ist das Ergebnis einer umfassenden Beratung in den Kirchen- gemeinden und Organen der ELKB gewesen. Der Wunsch nach Begegnungen stößt bei den jüdischen Gemeinden auf große Offenheit, auch wenn das Interesse manchmal größer ist als die Möglichkeiten, ihm zu entsprechen. Die Kirchenleitung der Evang.-Luth. Kirche in Bayern und der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern treffen sich in regelmäßigen Abständen. 2013 beschloss die Landessynode, die Stelle eines Landeskirchlichen Beauftragten für den christlich- jüdischen Dialog und ein Institut für christlich-jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau zu schaffen. Dessen Geschäftsführer ist der Beauftragte. Er soll den christlich-jüdischen Dialog fördern in Vorträgen, Lehre und Forschung und im Kontakt mit der jüdischen Gemeinschaft.

Der Verein „Begegnung von Christen und Juden. Verein zur Förderung des christlich- jüdischen Dialogs in der ELKB“ (BCJ.Bayern), die „Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“, evangelische Bildungseinrichtungen und Initiativen auf Dekanats- und Gemeindeebene fördern durch zahlreiche Veranstaltungen und Begegnungen das christlich-jüdische Gespräch und die Reflexion der schwierigen und belastenden Geschichte auf der regionalen und lokalen Ebene.

Ziel all dessen ist es, dass Juden und Christen in der wechselseitigen Wahrnehmung ihrer Glaubens- und Lebenserfahrung ein vertieftes Verständnis der je anderen und der eigenen Tradition entwickeln, neue Perspektiven auf die biblische Überlieferung gewinnen und gemeinsame Aufgaben in der Gegenwart erkennen.
Gleichzeitig findet in der ELKB eine theologische Besinnung statt. Sie lässt sich von der Erkenntnis leiten, dass der christliche Glaube nicht mit einer Herabsetzung des Judentums zu vereinbaren ist, sondern dass im Gegenteil Gottes bleibende Erwählung Israels eine positive Beziehung der Kirche zum jüdischen Volk impliziert und verlangt. Die Kirche sieht sich in vierfacher Weise herausgefordert:

  1. dem in Theologie und kirchlicher Praxis oft in die zweite Reihe gesetzten Alten Testament als erstem Teil der christlichen Bibel wieder neu Gehör zu verleihen, im Bewusstsein dessen, dass es heilige Schrift nicht nur des Christentums, sondern auch des Judentums ist.
  2. das christliche Bekenntnis zu dem dreieinigen Gott so zu formulieren, dass es als Glaubensaussage von dem einen Gott verstanden wird, den die Bibel als Gott Israels kennt und der sich uns Christinnen und Christen als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart hat;
  3. Leitlinien für eine christliche Ethik zu finden, die auf die Weisungen der Bibel in beiden Testamenten gründet – im Bewusstsein, dass die Kirche weder an die Stelle Israels rückt, das die Tora von Gott empfangen hat, noch ihr Handeln unabhängig von der Tora begründen kann und im Hören auf die unterschiedlichen Auslegungstraditionen in Judentum und Christentum;
  4. in der Beschäftigung mit der christlich- jüdischen Geschichte in Bayern die Traditionen der eigenen Kirche besser kennen zu lernen, Vorstellungen über Juden, die in ihr tradiert wurden, differenziert wahrzunehmen und kritisch zu reflektieren und dadurch Antisemitismus und Antijudaismus in Kirche und Gesellschaft entgegenzutreten.

Für die 14 jüdischen Gemeinden in Bayern ist es wegen ihrer vergleichsweise geringen Zahl und der intensiven Bemühung um die Integration der Migrantinnen und Migranten nicht leicht, sich im jüdisch-christlichen und interreligiösen Gespräch zu engagieren. Rabbinerinnen und Rabbiner, Religionslehrkräfte, Gemeindevorstände und andere Gemeindemitglieder leisten dabei oft Außerordentliches und können bei weitem nicht alle Wünsche erfüllen. So eröffnen sie Christinnen und Christen die Gelegenheit zum direkten Kontakt. Neben der Begegnung mit der jüdischen Gegenwart bietet sich Christinnen und Christen die Möglichkeit, jüdische Geschichte in Bayern zu suchen. Dabei dürfen sie die jüdischen Gemeinden jedoch weder bedrängen noch ignorieren.
Die Wanderausstellung von BCJ.Bayern „Blickwechsel: Christen und Juden – Juden und Christen“ hat in vielen Kirchengemeinden zur Begegnung mit der lokalen jüdischen Geschichte und mit benachbarten jüdischen Gemeinden geführt. Seit 2003 fördert die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern die Arbeiten am Synagogen-Gedenkband Bayern mit der Übernahme von Personalmitteln und Druckkosten.

Ziele der christlich-jüdischen Begegnung sind:

  1. Judentum in seinen verschiedenen Ausprägungen kennen zu lernen;
  2. die jüdischen Wurzeln des eigenen Glaubens wahrzunehmen und wertzuschätzen;
  3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken;
  4. antisemitische und antijudaistische Tendenzen zu erkennen und zu bekämpfen;
  5. gemeinsam mit Jüdinnen und Juden für ein friedliches und respektvolles gesellschaftliches Miteinander einzutreten;
  6. sich an keinen Aktivitäten zu beteiligen, die die Unkenntnis der jüdischen Einwanderer aus den ehemaligen GUS-Staaten ausnutzen und sie den jüdischen Gemeinden entfremden oder aus ihnen herauslösen wollen.

[…]

  1. So haben bayerische Theologen, die Erlanger Professoren Werner Elert und Paul Althaus, mit dem „Ansbacher Ratschlag“ im Juni 1934 den Schritt vom theologischen Antijudaismus zum rassistischen Antisemitismus dokumentiert, als sie festhielten, Gott offenbare sich nicht nur in Christus, sondern auch „in Familie, Volk, Rasse (d.h. Blutzusammenhang).“ (These 3)
  2. Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, Erklärung zum Thema „Christen und Juden“, München 1998. http://www.bayern-evangelisch.de/downloads/ ELKB-Erklaerung-Christen-und-Juden-1998-2015. pdf
  3. siehe hierzu: Peter Schäfer, Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums, Tübingen 2010; Daniel Boyarin, Abgrenzungen. Die Aufspal- tung des Judäo-Christentums, Berlin 2009.
  4. Zitiert nach http://www.jcrelations.net/Dabru_ Emet__-_Redet_Wahrheit.2419.0.html?L=2
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