Orientierungspunkte zum Thema »Christen und Juden« (1984)

© Provinzialsynode der Evang. Kirche in Berlin-Brandenburg (Berlin West), Orientierungspunkte zum Thema »Christen und Juden«, 20.05.1984 (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten von imDialog.de)

 

Wortlaut der »Orientierungspunkte zum Thema ›Christen und Juden‹« vom 20.05.1984


 

I.
Am 27. April 1950 beschloß die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland auf ihrer Tagung in Berlin-Weißensee ein „Wort zur Schuld an Israel“, in dem sie unter dem Vorzeichen von Röm 11,32

  • ihren Glauben „an den Herrn und Heiland, der als Mensch aus dem Volk Israel stammt“, bekräftigte,
  • sich „zu der Kirche, die aus Judenchristen und Heidenchristen zu einem Leib zusammengefügt ist und deren Friede Jesus Christus ist“, bekannte · und als Teil ihres Glaubens hervorhob, „daß Gottes Verheißung über dein von ihm erwählten Volk Israel auch nach der Kreuzigung Jesu Christi in Kraft geblieben ist“.

Auf der Grundlage dieser Glaubens- und Bekenntnissätze benannten die Mitglieder der Synode ihre „durch Unterlassen und Schweigen vor dem Gott der Barmherzigkeit“ entstandene Mitschuld „an dem Frevel, der durch Menschen unseres Volkes an den Juden begangen worden ist. Sie warnten vor allem Aufrechnen von Schuld und Unrecht, baten alle Christen um Absage an jeden Antisemitismus und um Widerstand gegen ihn und forderten sie auf, „den Juden und Judenchristen in brüderlichem Geiste zu begegnen“. Sie faßten ihre Gewißheit der Teilhabe Israels an der Hoffnung des Evangeliums in die Bitte an „den Gott der Barmherzigkeit, daß er den Tag der Vollendung heraufführe, an dem wir mit dem geretteten Israel den Sieg Jesu Christi rühmen werden“.

Am 28. Januar 1960 machte sich die Provinzialsynode Berlin-Brandenburg die Erklärung anläßlich antisemitischer Ausschreitungen noch einmal ausdrücklich und einstimmig zu eigen. Die Synodalen bekannten, daß sie den in ihr enthaltenen Verpflichtungen „nur unzureichend nachgekommen“ seien, und verabschiedeten eine Reihe von Folgerungen, die besonders folgende neuen Punkte umschlossen:

  • den Aufruf, die biblische Erkenntnis, „daß unsere Errettung von der Erwählung Israels nicht zu trennen ist“, zu erarbeiten;
  • die Ermutigung, um die Erkenntnis des Willens Gottes mit Israel in Predigt, gemeinsamer Arbeit der Gemeindegruppen und Unterweisung der jungen Menschen zu ringen;
  • die Aufforderung an Eltern und Erzieher, „mit dem weitverbreiteten peinlichen Schweigen in unserern Land über unsere Mitverantwortung im Schicksal der Juden“ zu brechen;
  • die Bitte, die Begegnung mit den überlebenden jüdischen Mitbürgern zu suchen;
  • die Ermutigung, den jüdischen Brüdern und Schwestern mit unserer Umkehr das eigene Leben aus der Vergebung zu bezeugen, „damit auch sie vergeben können“,
  • und die Mahnung, „um den Frieden Gottes mit Israel“, „um den Frieden Israels unter den Nationen, an den Grenzen seines Staates und in unserer Mitte“ zu beten.

Seither ist die Arbeit an einer Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses im evangelischen Bereich regional und überregional durch eine Reihe von Studien und Erklärungen weiter angeregt und gefördert worden. Ungeachtet dieser und anderer Bemühungen ist sie nach wie vor nicht über erste Anfänge hinausgekommen. Die Last jahrhundertealter kirchlicher und politischer Judenfeindschaft ist bis heute nicht bewältigt.

 

II.

Aus der Erkenntnis der fundamentalen Bedeutung des christlich-jüdischen Verhältnisses für Lehre und Leben der Kirche, in Aufnahme der zuvor genannten Dokumente und im Bewußtsein der ständigen latenten oder aktuellen Gefahr judenfeindlicher Einstellungen und Äußerungen bekräftigt die Synode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg (Berlin West) am 20.5.1984:

  1. Unser Verhältnis zum jüdischen Volk steht nach wie vor im Schatten der jahrhundertealten judenfeindlichen Haltung in Kirche und Gesellschaft sowie der Judenverfolgung und des Judenmordes in den Jahren 1933-1945 in Deutschland und in den okkupierten Gebieten. Alle folgenden Generationen haben sich dieser Schuld zu stellen, wenn ihnen auch keine persönliche Schuld für Geschehnisse vor ihrer Zeit zuzumessen ist. Der Holocaust bleibt ein Teil der Geschichte unseres Volkes und unserer Kirche. Besonders in der christlichen Gemeinde, deren Glieder durch die Zeiten hin eng verbunden sind, kommt damit der Frage nach dem Umgang mit dieser Schuld besonderes Gewicht zu. Deshalb treten wir jeder Leugnung und Verharmlosung des Holocaust mit unserem Zeugnis der Wahrheit entgegen. Mehr noch sind Lehre, Erziehung und Leben der Kirche nach allem Geschehenen so zu gestalten, daß die Schuldgeschichte keine Fortsetzung findet, sondern daß Umkehr und Erneuerung möglich werden.
  2. Unser Verhältnis zum jüdischen Volk ist bestimmt durch das gemeinsame Erbe des Alten Testaments bzw. des Tenach und durch das Ringen um seine angemessene Auslegung. Dieses Erbe ist die feste gemeinsame Grundlage für Juden und Christen. Das Alte Testament (Tenach) erzählt vom Leben mit dem Gott der Väter und bezeugt die Verheißung dieses Gottes für Israel und die Völker. So schließt es christliche Gemeinde und jüdisches Volk auch durch die gemeinsame Hoffnung auf den Sieg der Herrschaft Gottes zusammen. Das Alte Testament ist deshalb verstärkt als Zeugnis zu lesen und zu hören, das die christliche Gemeinde mit dem Volk Israel teilt. Sie lernt in ihm den Gott der Väter als den Vater Jesu Christi sowie Israel als Volk Gottes kennen.
  3. Unser Verhältnis zum jüdischen Volk ist geprägt durch das Auseinandergehen der Wege von Christen und Juden bereits in früher Zeit. Die gegenseitige Entfremdung hat vielfach den Blick für die lebendige Eigengestalt des anderen verstellt. Deshalb sind die Bemühungen zu verstärken, in Gottesdienst, Lehre und Unterricht auf Lehre und Leben des jüdischen Volkes in Geschichte und Gegenwart verstehend zuzugehen und sie von ihren eigenen Voraussetzungen her darzustellen.
  4. Unser Verhältnis zum jüdischen Volk ist gekennzeichnet durch die Gewißheit der christlichen Gemeinde, daß Jesus Christus sie mit dem Zeugnis des Evangeliums für Israel und die Völker auf jeweils besondere Weise beauftragt hat. Israel selbst weiß sich von Gott desgleichen mit dem Zeugnis für ihn an alle Menschen betraut (Jes 43, 10). Das Zeugnis der Kirche für das jüdische Volk ist freilich in der Geschichte dadurch verzerrt worden, daß Christen es dem Evangelium entgegen nicht als Zeugnis der Liebe gelebt haben. Der Bezeugung des Evangeliums vor Israel dient deshalb heute von allem ein christliches Leben, daß das Ja Gottes zur bleibenden Erwählung Israels erkennen läßt; so kann sich die Gemeinde Jesu Christi als die Gemeinschaft erweisen, die mit dem Israel erwählenden Gott versöhnt ist.
  5. Unser Verhältnis zum jüdischen Volk ist oft mitbestimmt durch die Besorgnis, ein verstehender Zugang auf sein Leben, seine Geschichte und seine Überlieferung könnte die christliche Identität gefährden. Solcher Besorgnis steht aber die Erfahrung gegenüber, daß Kennenlernen und Verstehen biblisch-jüdischen Lebens den christlichen Glauben eher bereichert als einengt. Das Hören und Lernen jüdischer Glaubenstraditionen, zu dem Judenchristen wesentlich beizutragen vermögen, stellt deshalb eine Chance dar, den christlichen Glauben selbst tiefer und reicher zu begreifen.
  6. Unser Verhältnis zum jüdischen Volk steht auch im Zeichen der Gründung und Existenz des Staates Israel in unserer Zeit. Unsere Bejahung der Existenz dieses Staates verbindet sich mit der Sorge um eine Friedenslösung im Nahen Osten, die das Recht auch der arabischen Palästinenser und der Christen unter ihnen einschließt. Nur in dem Maße, in dem die besonderen Umstände der Entstehung des Staates Israel, die Differenziertheit der israelischen Gesellschaft und die Schwierigkeiten eines Urteils von außen im Blick bleiben, werden Diskussionen in christlichen Kreisen bei der politischen Urteilsbildung für die betroffenen Menschen in Israel und im Nahen Osten überhaupt eine Hilfe sein.
  7. Unser Verhältnis zum jüdischen Volk ist dadurch gekennzeichnet, daß es in Deutschland nach Judenverfolgung und Judenermordung in der Zeit von 1933-1945 nur noch wenige und kleine jüdische Gemeinden gibt. Um so mehr gehört es deshalb zur Aufgabe der Kirche, den Kontakt zu den jüdischen Gemeinden zu suchen und Begegnungen zwischen Christen und Juden hierzulande und in Israel zu fördern.

 

III.

Aus den genannten Gründen bekräftigt die Synode ihren Willen, die Aktivitäten jener Berliner kirchlichen Institutionen und Gruppen zu unterstützen, die – wie z. B. die Evangelische Akademie, die Arbeitsgemeinschaft Christen und Juden, der Ständige Arbeitskreis von Juden und Christen, das Institut für Katechetischen Dienst und das Institut Kirche und Judentum bei der Kirchlichen Hochschule Berlin – insbesondere an einer Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses arbeiten.

Sie bittet das Berliner Missionswerk, über das Gespräch zu diesen Fragen in und mit den Partnerkirchen im Nahen Osten allen Beteiligten zu berichten.

Sie bittet die Gemeinden, die mit diesen Institutionen bestehenden Möglichkeiten zu nutzen und die Arbeit an einer Erneuerung des Verhältnisses zum jüdischen Volk im Sinne der dargelegten Punkte zu ihrer beständigen Aufgabe zu machen.

Sie bittet die künftige Synode, die Weiterarbeit am Thema „Christen und Juden“ auf synodaler Ebene zu ihrer Sache zu machen, gegebenenfalls eine Arbeitsgruppe dafür einzusetzen und den Gemeinden Arbeitsmaterial zugänglich zu machen. Sie bittet die verschiedenen mit Ausbildungsaufgaben betrauten Institutionen, dem Thema der Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses einen festen Platz in Lehre und Unterricht einzuräumen.

Sie bittet die Pfarrer, verstärkt alttestamentliche Texte in Gottesdienst und Unterweisung heranzuziehen und im Zusammenhang damit der bleibenden Erwählung Israels und der bleibenden Verbundenheit von Christen und Juden Ausdruck zu verschaffen.

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