Studie »Christen und Juden I« (1975)

©  Christen und Juden (zuerst veröffentlicht auf den Seiten der EKD)

 

Aus dem Inhalt der Studie vom Jahr 1975


Einführung

Das Schicksal des jüdischen Volkes steht heute verstärkt im Blickfeld. Der Konflikt im Nahen Osten und die Lage der Juden in der Sowjetunion sind dafür besonders kennzeichnend. Das Schicksal der Juden ist aber in seiner Geschichte vielfältig mit dem der Christen verflochten.
Viele Jahrhunderte lang haben Christen ihre Beziehung zu den Juden fast ausschließlich unter der Frage gesehen: Was trennt uns von ihnen? Dies geschah auf dem Hintergrund eines Verhältnisses zwischen Christen und Juden, das von Fremdheit und gegenseitiger Ablehnung bestimmt war. Dabei haben beide nicht nur einander geschadet, sondern auch selbst Schaden genommen.

Im Gefolge der Katastrophe des europäischen Judentums haben Christen nach dem Zweiten Weltkrieg angefangen, ihre Beziehung zu den Juden neu zu durchdenken. Sie haben dabei entdeckt, wieviel Verbindendes es nach wie vor zwischen beiden gibt, und sind sich des gemeinsamen Erbes wieder bewußt geworden. Von beiden Seiten her hat ein Gespräch begonnen, wie es in den Jahrhunderten zuvor so nicht möglich war.

Die vorliegende Studie steht im Zusammenhang dieses Gespräches und ist zugleich auf die besondere Geschichte des christlich-jüdischen Verhältnisses in Deutschland bezogen. Sie will in erster Linie den Christen in der Evangelischen Kirche in Deutschland eine Orientierungshilfe für die Besinnung über ihr Verhältnis zu den Juden geben. Sie geht dabei von der Überzeugung aus, daß die Beziehung zwischen Christen und Juden auch dort zu den fundamentalen Themen der christlichen Existenz gehört, wo eine unmittelbare Nachbarschaft des Zusammenlebens von Christen und Juden nicht oder nicht mehr gegeben ist. Denn auch der eigene, auf das Neue Testament gegründete Glaube wurzelt in der alttestamentlich-jüdischen Überlieferung.

Zwischen Christen und Juden bestehen tiefgreifende Unterschiede und Gegensätze. Dazu gehören neben vielen ungelösten Problemen menschlichen Zusammenlebens das Verständnis der Person und der messianischen Sendung Jesu, die Auslegung der Heiligen Schrift, die Vorstellung vom Volk Gottes, die Auffassung von Gesetz, Rechtfertigung und Glaube. Diese Gegensätze dürfen nicht verschwiegen werden. Es darf aber ebenso wenig verschwiegen werden, was Juden und Christen verbindet.

Die Studie ist so aufgebaut, daß in Teil I an einigen wichtigen Punkten die gemeinsamen Wurzeln aufgezeigt werden, die Juden und Christen in ihrem Glauben und Leben in der biblischen Überlieferung des Volkes Israel haben. Teil II führt dann aus, wie die Wege von Christen und Juden aufgrund der Entscheidung, die sich an der Person Jesu Christi vollzog, immer weiter auseinander geführt haben; dies wird in Entsprechung zu den in Teil I behandelten Themen dargelegt. Teil III beschreibt schließlich die heutige Lage der Juden und zeigt auf, welche Möglichkeiten der Begegnung und gemeinsamen Verantwortung zwischen Juden und Christen sich bieten. Im Anhang werden einige Begriffe (im Text durch hochgestellte Zahlen gekennzeichnet) erklärt.

Es kann nicht erwartet werden, daß die Studie »Christen und Juden« alle in ihr behandelten Fragen umfassend und abschließend beantwortet; dazu ist das Thema zu vielschichtig und von einer langen Tradition her zu sehr belastet. Sie soll aber dazu beitragen, über die Folgen früherer Fremdheit und Ablehnung hinauszuführen, verfestigte Auffassungen aufzulockern, um ein weiterführendes Gespräch und vertiefendes Nachdenken zu ermöglichen. Die Studie fordert dazu auf, sich mit den vorgetragenen Überlegungen zu beschäftigen und auseinanderzusetzen. Sie will sowohl Gespräche in den Gemeinden als auch die wissenschaftliche Arbeit der Theologen anregen. Die vorliegende Studie wurde von der Studienkommission »Kirche und Judentum« erarbeitet. Diese wurde 1967 vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland berufen, um unterschiedliche Auffassungen unter evangelischen Christen über ihre Haltung gegenüber dem Judentum zu klären. Aufgrund der in der Arbeit dieser Kommission erzielten Annäherung der Standpunkte erteilte ihr der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland im Dezember 1973 den Auftrag, eine Studie über das Verhältnis der Christen zu den Juden auszuarbeiten. Er hat über das Ergebnis dieser Arbeit in seinen Sitzungen vom 1. März und 24. Mai 1975 beraten und übergibt diese Studie den Gemeinden sowie allen, die an den angesprochenen Fragen interessiert sind. Er hofft, mit dieser Veröffentlichung die Begegnung zwischen Christen und Juden zu fördern.

 

Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland
D. Claß
Vorsitzender

 

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