Studie »Christen und Juden II: Zur theologischen Neuorientierung im Verhältnis zum Judentum« (1991)

©  Christen und Juden II: Zur theologischen Neuorientierung im Verhältnis zum Judentum (zuerst veröffentlicht auf den Seiten der EKD)

 

Aus dem Inhalt der Studie vom Jahr 1991


Vorwort

Nach mehrjähriger Arbeit hat die Studienkommission »Kirche und Judentum« dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland eine neue Studie vorgelegt, die sich als Beitrag zur theologischen Neuorientierung im Verhältnis zum Judentum versteht. Die Studie »Christen und Juden II« knüpft an die Studie »Christen und Juden« von 1975 an und führt sie fort. Die Arbeit ist wiederum von den jüdischen Mitgliedern der Arbeitsgruppe »Christen und Juden« begleitet worden: Dafür sei herzlich Dank gesagt.

Der erste Teil dieser Studie zeichnet die Entwicklung der Beziehungen zwischen der evangelischen Kirche und den Juden seit 1945 nach. Dabei wird deutlich, daß die 1975 erschienene erste Studie zum Thema Christen und Juden das Gespräch in den Gemeinden und Synoden, aber auch unter den Theologen und Religionspädagogen, nachhaltig gefördert hat, nicht zuletzt dadurch, daß sie eine Reihe von Gliedkirchen zu eigenen Erklärungen angeregt hat.

In Ihrem zweiten Teil zieht die neue Studie die Bilanz aus diesem Diskussionsprozeß, der in zahlreichen Veröffentlichungen und kirchlichen Stellungnahmen seinen Niederschlag gefunden hat. Sie stellt fest, daß der Bereich gemeinsamer Überzeugungen in der evangelischen Kirche spürbar gewachsen ist. So betonen alle Synodalerklärungen der letzten Jahre z.B. das Judesein Jesu und das Fortbestehen der Erwählung des jüdischen Volkes.

Auf der anderen Seite bleiben aber auch offene Fragen, zu deren Klärung es weiter intensiver Bemühungen bedarf. Der Formulierung allgemeiner Leitsätze muß die theologische Feinarbeit folgen. An ausgewählten Themen zeigt die neue Studie in ihrem dritten Teil, welchen Kriterien und Aufgaben sich eine Theologie im Kontext des jüdisch-christlichen Gesprächs heute stellen muß: Angesichts der jahrhundertelangen Geschichte der Entfremdung und Feindschaft gegenüber den Juden sind christliche Schriftauslegung, kirchliche Lehrtradition und Geschichtsschreibung daraufhin zu prüfen, ob sie antijüdischen Einstellungen Vorschub leisten oder sich gar als Waffe gegen das Judentum mißbrauchen lassen. Wo dies der Fall ist, muß nach neuen Formulierungen gesucht werden. In ihnen sollte die unlösbare Verbindung zwischen Christen und Juden deutlich hervortreten.

Das Bekenntnis zu Jesus, dem Christus, das Juden und Christen voneinander unterscheidet, hat seine Wurzeln in der Messiaserwartung des frühen Judentums. Letztere hat sich allerdings ebenso wie das christologische Bekenntnis der Kirche weiterentwickelt und entfaltet. Schon das Neue Testament läßt erkennen, wie das Christusbekenntnis sowohl der Abgrenzung von den Juden dienen als auch die Zusammengehörigkeit von Christen und Juden zum Ausdruck bringen kann. Das paulinische Christuszeugnis erweist sich dabei als für die heutige Diskussion wegweisend.

Wie die Juden verstehen sich auch die Christen als Gottes Volk. Dies hat in der Vergangenheit oft dazu geführt, daß die Kirche den Anspruch der Juden, Gottes Volk zu sein, bestritt und sich selbst an die Stelle Israels setzte. Eine Überprüfung der Verwendung des Begriffes »Volk Gottes« im Neuen Testament liefert wichtige Anstöße für eine Lehre von der Kirche, die der Einsicht in die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes Rechnung trägt.

Zweifellos ist das theologische Gespräch mit dem Judentum in den letzten Jahren einen wichtigen Schritt vorangekommen. Jetzt kommt es darauf an, auch in der Breite der kirchlichen Arbeit daraus die Konsequenzen zu ziehen. Am Ende der Studie wird skizziert, wie die im Gespräch mit dem Judentum gewonnenen neuen Einsichten in der Praxis Gestalt annehmen.

Die vorliegende Studie kann nicht in Anspruch nehmen, alle wesentlichen Fragen behandelt oder gar gelöst zu haben. Sie ist ein weiterer Schritt auf dem Wege. Christliche Theologie kann, gerade wenn sie ihrer christlichen Sache gewiß ist, umso freier und dankbarer mit ihrem jüdischen Erbe umgehen; sie freut sich dessen und hat antijüdische Töne nicht nötig.

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland übergibt die neue Studie den Gemeinden und allen interessierten Leserinnen und Lesern in der Hoffnung, daß das begonnene Gepräch zwischen Christen und Juden dadurch neue Impulse erfährt und an theologischer Tiefe gewinnt.

Hannover, 30. Oktober 1991

Bischof Dr. Martin Kruse
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

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