Synodalerklärung »Christen und Juden« (2001)

© Synode der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, Erklärung »Christen und Juden«, 22.09.2001 (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten von christen-juden.de)

 

Synodalerklärung »Christen und Juden« vom 22.09.2001


 

Mit dieser Erklärung zur Erneuerung des Verhältnisses des Christentums zum Judentum stellen wir uns in den wachsenden Konsens evangelischer Christinnen und Christen in Deutschland und in vielen anderen Ländern hinein. Dieser Konsens wurde bereits in zahlreichen Beschlüssen von Synoden und in drei Studien der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dokumentiert.

Der Prozeß der Klärung historischer, theologischer und geistlicher Fragen muß gleichwohl fortgeführt werden.

Heute erklären wir, die Synode der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, welche Einsichten uns bewegen und leiten:

 

1. Wir erkennen, wir haben geirrt.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde unter uns Christen und in unseren Kirchen vielfältig Falsches und Entwertendes über Juden und jüdischen Glauben geredet und wird es noch immer.

Es wurde und wird geleugnet, daß Jesus ein gläubiger Jude war. Die Juden wurden und werden des Gottesmords bezichtigt. Es wurde und wird fälschlich gelehrt, Gott habe Israel als sein Volk verworfen.

Als evangelische Christinnen und Christen erkennen wir: Der Antijudaismus ist weder bei uns noch weltweit gebannt, und wir haben daran ursächlich teil.

Einsichtiger geworden, sagen wir: die Zeit ist reif, unser Verhältnis zum Judentum zu erneuern. Wir wollen unser Denken und Handeln daran orientieren, daß wir von den Anfängen der christlichen Verkündigung her mit ihm verbunden sind. Wir wollen über unseren Glauben sprechen, ohne Juden zu schmähen.

 

2. Wir bekennen: Durch antijüdische Auslegungen der Bibel und durch eine entsprechende Verkündigung und Lehre ist die Kirche mitverantwortlich und mitschuldig an der Jahrhunderte langen Geschichte der Feindseligkeit gegen Juden im Abendland, ihrer Entrechtung und Verfolgung, die in der fast vollständigen Vernichtung des europäischen Judentums, der Schoa, gipfelte.

Wir, Christinnen und Christen im 21. Jahrhundert, tragen Verantwortung für die zukunftsoffene Aufarbeitung dieser Schuld. Deshalb müssen wir Buße tun. Wir wollen umkehren und einen neuen Weg suchen. Wir wollen überkommene Denkmuster, welche das Judentum verzerrten, überwinden und falsche Auslegungen biblischer Texte revidieren. Christliche Verkündigung und Lehre dürfen nicht dem Antisemitismus Vorschub leisten. Wir wollen alles tun, um in unseren Gemeinden eine Haltung der Solidarität mit Jüdinnen und Juden zu stärken.

 

3. Wir danken den jüdischen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern, die trotz der Schoa zur Begegnung mit uns bereit waren und sind. Wir anerkennen die Geduld, mit der sie unsere Vorurteile korrigieren, und schätzen die Bereicherung unseres Glaubens durch das gemeinsame Lernen aus der Schrift und das Erleben lebendiger jüdischer Tradition.

 

4. Wir bekräftigen unsere Einsichten, die wir in der Begegnung mit Jüdinnen und Juden und beim Überprüfen unserer theologischen Rede gewonnen haben:

  1. Wir bezeugen den Einen Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, den Gott Israels, den wir Christen als den Vater Jesu Christi bekennen.
  2. Dieser Gott, glauben wir, bleibt dem Bund mit seinem Volk für alle Zeiten treu.
  3. Das Alte Testament ist durch das Neue nicht abgetan. Es ist als Teil des biblischen Kanons Grund und Quelle unseres Glaubens.
  4. Gebete, Gottesdienst und Feste der Christenheit wurzeln mehr, als allgemein bekannt ist, in jüdischer Tradition und haben umgekehrt auf sie eingewirkt.
  5. Jesus von Nazareth war Jude und hat bei aller Auseinandersetzung um die Wahrheit als frommer Jude gelebt. Er hat auf dem Boden jüdischer Tradition gewirkt und ihr in Teilen gleichzeitig heftig widersprochen. Ohne diesen Hintergrund von Anknüpfung und Widerspruch sind die Botschaft Jesu und der christliche Glaube nicht zu verstehen.
  6. Christen leben wie Juden aus der Gnade des Einen Gottes.
  7. Christen und Juden haben die Aufgabe, mit Gerechtigkeit und Liebe unter allen Völkern in der ganzen Schöpfung zu leben und zu wirken.
  8. Beide, Christen und Juden, gehen auf das Ziel der Geschichte zu, wenn Gott alles in allem sein wird. Dann erhoffen wir letzte Einsicht in den Weg Gottes mit Seinem erwählten Volk Israel und mit uns Christen.

 

5. Wir widersprechen allen Versuchen, die darauf zielen, Juden von ihrer Religion abzubringen.

Wir unterstützen die Begegnung von Christen und Juden im Hören auf ihr jeweiliges Glaubenszeugnis im Respekt vor dem Anderssein des anderen.

 

6. Wir lernen, die Verschiedenheit der beiden religiösen Traditionen ebenso zu achten wie wir uns über die wieder entdeckte Nähe freuen. Wir verstehen, daß zentrale Begriffe wie „Erwählung“, „Gesetz/Thora“, „Rechtfertigung“ oder „Messias“ in beiden Traditionen unterschiedliche Bedeutung haben.

Für eine gerechte Beziehung zwischen Christen und Juden ist es in gleicher Weise notwendig, Fremdes auszuhalten wie Gemeinsames zu entdecken. .

 

7. Wir folgern: Die in der Begegnung mit dem Judentum gewonnene Erneuerung unseres Glaubens und unserer Theologie bleibt eine zentrale Aufgabe für die Kirche. Diese Einsicht ist im kirchlichen Leben umzusetzen.

  1. Die Synode der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen-Kirche beabsichtigt eine Ergänzung in der Präambel ihrer Verfassung vorzunehmen:
  2. „Die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche bezeugt die Treue Gottes, der an dem Bund mit seinem Volk Israel festhält. Sie ist im Hören auf Gottes Weisung und in der Hoffnung auf die Vollendung der Gottesherrschaft mit dem Volk Israel verbunden.“
  3. Wir bitten unsere Gemeinden, Dienste und Werke die Beziehung zu der jüdischen Gemeinde in Hamburg und Schleswig-Holstein sorgsam zu pflegen und in nachbarlichem Einvernehmen mit der jüdischen Gemeinschaft zu entwickeln.
  4. Wir bitten alle in Gemeinde, Unterricht und Verkündigung Tätigen dafür sorgen, dass kirchliche Texte nicht dem Antijudaismus das Wort reden oder ihn begünstigen.
  5. Wir bitten die Theologischen Fakultäten und die kirchlichen Ausbildungsstätten sowie die Kirchenleitung der NEK, dafür Sorge zu tragen, dass Judentumskunde und Fragen des christlich-jüdischen Dialogs in hinreichendem Maße in der theologischen Ausbildung und Prüfung Berücksichtigung finden. Ebenso fordern wir, weiterhin ausreichend Mittel für entsprechende Stipendien und Praktika auch in Israel bereit zu stellen.
  6. Wir bitten die EKD und die VELKD, die fruchtbare theologische Studienarbeit der vergangenen Jahrzehnte fortzusetzen.
  7. Wir regen an, in allen Gemeinden und Gruppen sowie in den Institutionen der NEK, die der Bildung und Fortbildung dienen, Themen der Judentumskunde und des christlich-jüdischen Dialogs intensiv zu studieren und dies als eine ständige Aufgabe zu betrachten.
  8. Um dies zu fördern, bedarf es einer/s hauptamtlich Beauftragten für den christlich-jüdischen Dialog.

 

Dankbar für die Vertiefung unseres Glaubens preisen wir Gott mit Worten des 36. Psalms:

Herr, Deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und Deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen.

Diese Erklärung ist ein Ergebnis des intensiven jüdisch-christlichen Dialogs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und Teil des neueren Reflexionsprozesses auch innerhalb der weltweiten christlichen Ökumene. Die Synode der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche ist sich bewusst, dass diese Erklärung in einer Situation verabschiedet wird, in der Gewalt im Mittleren Osten eskaliert und der Terrorismus erschütternde Ausmaße angenommen hat. Die Synode ruft zum Gebet auf für alle von Krieg und Terrorismus unmittelbar Betroffenen ebenso wie für eine gerechte Lösung im israelisch-palästinensischen Konflikt.

Die Erklärung bezieht sich insbesondere auf das biblisch begründete Verhältnis zwischen Christen und Juden. Sie ist mit der Hoffnung verbunden, dass sie die Achtung vor dem Glauben und der Würde aller Menschen fördert und zu einem friedlichen Miteinander aller Völker beiträgt.

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