Synodalerklärung »›Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen‹ oder ›… der Treue hält ewiglich« (Römer 11,29 / Psalm 146,6b) (2000)

© Synode der Württembergischen Evangelischen Landessynode, Synodalerklärung »›Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen‹ oder ›… der Treue hält ewiglich«, 06.04.2000 (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten der ELK-WUE))

 

Synodalerklärung »›Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen‹ oder ›… der Treue hält ewiglich« vom 06.04.2000


 

Die Württembergische Evangelische Landessynode hat auf einer Klausurtagung in Bad Boll vom 5. bis 6. April 2000 über das Verhältnis von Christen und Juden beraten. Sie hat dabei auf jüdische Gesprächspartner gehört. Als Mitglieder der Landessynode sind wir dankbar für Erkenntnisse und Einsichten, die durch die Begegnung mit und die Beteiligung von jüdischen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern möglich wurden. Ihre freundliche Mitwirkung und Offenheit für das Gespräch ermutigen zu weiteren Begegnungen. Wir haben viel vom Reichtum des jüdischen Glaubens, vom Hören auf die Tora, von messianischer Hoffnung, von jüdischer Gelehrsamkeit und von der Freude am Studium der Heiligen Schrift wahrgenommen.

Mit dieser Erklärung nimmt die 12. Landessynode auf, was der württembergische Evangelische Oberkirchenrat und die 10. Württembergische Evangelische Landessynode in der Erklärung vom 15. September 1988 zum 50. Jahrestag des Judenpogroms „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 „Verbundenheit mit dem jüdischen Volk“ und die 11. Landessynode am 26. November 1992 zum „Verhältnis zu unseren jüdischen Mitmenschen“ gesagt haben. Die Synode verpflichtet sich, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen; sie will über ihre Klausurtagung hinaus das Gespräch in den Kirchengemeinden fördern. Sie bittet dabei besonders, folgende Punkte aufzunehmen.

 

1. „… der Treue hält ewiglich“

Gottes Berufungswort an Abraham begründet die bleibende Verbundenheit der Kirche mit dem jüdischen Volk: „Ich will segnen, die dich segnen …; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (1. Mose 12,3). Gott hat sein Volk aus allen anderen Völkern in Liebe erwählt (5. Mose 7,7ff.) und mit ihm einen Bund geschlossen, den er nicht aufgehoben hat (Römer 11,29). Gott hat sein Volk Israel nicht verstoßen (Römer 11,2). Auch die Kirche lebt von der Treue Gottes.
Indem wir uns als Kirche durch Jesus Christus in die Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung und mit seinem Volk Israel hineingenommen wissen, halten wir gleichzeitig daran fest, dass der Bund Gottes mit seinem Volk Israel weiterbesteht. Christen bekennen den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs als den Vater Jesu Christi. Durch das Bekenntnis zum Einen Gott der Bibel, dem Schöpfer und Erlöser, „der Treue hält ewiglich“, stehen sie in einem besonderen Verhältnis zum jüdischen Volk.

 

2. Israelvergessenheit als Schuld der Kirche

Die evangelische Kirche hat über Jahrhunderte weithin vergessen und verdrängt, dass das Christentum seine Wurzel in Israel hat. Wir blicken zurück auf die lange Geschichte der Judenverfolgung und auf die Schoa, die alle bisherigen Verfolgungen in ihrer programmatischen Brutalität und Perfektion überstieg. Unsere Kirche hat in dieser Situation versagt. Sie versagte aus Lieblosigkeit, Furcht und Schwäche. Falsche Auslegung biblischer Texte führte zur Ablehnung und Abwertung des Judentums. So wurde ausdrückliche Judenfeindschaft ein Teil des christlichen Selbstverständnisses. Dieser unentschuldbare theologische Irrtum hatte entsetzliche Folgen. Die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat in doppelter Hinsicht Anteil an dieser Schuld: Als lutherische Kirche steht sie in der Tradition Martin Luthers. Deswegen distanzieren wir uns ausdrücklich von seinen judenfeindlichen Äußerungen. Als Landeskirche in Deutschland steht sie in der besonderen Geschichte unseres Volkes.

Wir erkennen diese Schuld und bekennen sie. Wir wollen daraus Konsequenzen ziehen:

  • Wir wollen als Kirche lernen, um unserer Identität willen auf das Judentum zu hören. Bei allen Aussagen zu unserem Selbstverständnis und zum Verhältnis von Christen und Juden wollen wir den jüdischen Weg und das jüdische Schicksal mit bedenken. Wir leben davon, dass Israel unser Gegenüber ist, und nehmen Juden als Juden wahr.
  • Wir stellen uns allen Formen des Antisemitismus entgegen.

Dabei sind uns die Frauen und Männer eine Ermutigung, die der jahrhundertelangen Israelvergessenheit widersprochen haben und für Juden eingetreten sind. Was sie getan haben, ist ein Zeichen der Hoffnung.
Wir sind dankbar, dass trotz allem, was war, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger wieder unter uns in Deutschland leben und wieder jüdische Gemeinden entstanden sind.

 

3. Israel als Zeuge Gottes und seiner Treue

Israels Zeugnis von dem Einen Gott und dessen Treue wurzelt in einer eigenen biblisch begründeten Glaubens- und Wahrheitsgewissheit. Dieses Zeugnis unterscheidet sich von dem Zeugnis der Gnade Gottes in Jesus Christus. Christen sind verpflichtet, ihr Zeugnis und ihren Dienst in Achtung vor der Überzeugung und dem Glauben Israels wahrzunehmen und dabei zu entdecken, was Christen mit Juden verbindet:

a) Durch die Schrift verbunden

Die Heilige Schrift der Juden ist gleichzeitig Teil der Heiligen Schrift der Christen. Die ersten Christen kannten, ebenso wie Jesus selbst, keine andere „Schrift“ als die jüdische Bibel, die von den Christen heute „Altes Testament“ genannt wird. „Alt“ heißt dabei nicht veraltet, sondern bedeutet anfänglich und grundlegend. Der erste Teil der Bibel ist durch den zweiten Teil nicht ersetzt oder abgelöst.
Die Bibel Israels bezeugt die Geschichte Gottes, der sein Volk erwählt hat. Das Neue Testament bezeugt, dass eben derselbe Gott sich in Jesus Christus offenbart und durch ihn gehandelt hat. Christen lesen das Alte Testament von der Auferstehung Jesu Christi her. Es ist der Eine Gott, der im Alten Testament und im Neuen Testament handelt. Christen lernen von Israel, wie dieses seine Heilige Schrift, die Jüdische Bibel versteht.

b) Gemeinsam erwählt

Nach neutestamentlichem Zeugnis versteht sich die Kirche als Gemeinschaft derer, die durch Jesus Christus zum Volk Gottes aus Juden und Heiden berufen wurden. Die mehrheitlich heidenchristliche Kirche hat sich dankbar als „Volk des Eigentums Gottes“ (1. Petrus 2,9) verstanden, das in den Bund Gottes mit Abraham hineingenommen ist.

Die bleibende Erwählung Israels und die Erwählung der Kirche ist ein von Gott herkommendes Geschehen. Die Kirche ist nicht an die Stelle Israels getreten. Gott ist der souverän Handelnde für beide (Römer 11,21–24).

Deswegen darf das Selbstverständnis der Christen das des jüdischen Volkes nicht herabsetzen.

c) Von Hoffnung getragen

Christen lernen von Israel, dass Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird (Jesaja 65,17). Das ist keine leere Hoffnung. Sie eröffnet konkrete Perspektiven. Die Erfüllung dieser Hoffnung liegt im erlösenden Tun Gottes. Bis dahin „sehen wir durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin“ (1. Korinther 13,12).
Das Neue Testament bezeugt die Hoffnung aus Jesaja 65 in Offenbarung 21 und in 2. Petrus 3,13: „Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung, in welchen Gerechtigkeit wohnt.“ Auch wenn sich die Hoffnung der Christen auf Christus, den Präexistenten und den geschichtlich Offenbarten, bezieht, verbindet die gemeinsame Hoffnung auf Gottes Zukunft Juden und Christen.

d) Gemeinsam Verantwortung wahrnehmen

Christen und Juden werden durch die gemeinsame biblische Grundlage ermutigt, miteinander Verantwortung in der Welt wahrzunehmen. Dies setzt voraus, dass nach der langen Geschichte der christlichen Schuld Vertrauen zwischen beiden Partnern wachsen kann.

Wir sehen beispielsweise folgende Bereiche der gemeinsamen Verantwortung:

  • Die Bedeutung des Feiertags (Sabbat und Sonntag)
  • Das Verhältnis von Arbeit und Ruhe

Die Sieben-Tage-Woche mit dem Ruhetag als ihrem Höhepunkt ist in der Schöpfungsgeschichte und in den Geboten verankert. Sie prägt Judentum und Christentum bis heute. Arbeit und Alltag werden durch heilige Zeiten unterbrochen, in denen wir auf das schauen, was Gott tut und überprüfen, ob unser Wirken noch dem entspricht, was die Schöpfungsgeschichte von Gottes Tun berichtet, nämlich „und siehe, es war sehr gut“ (1. Mose 1,31). Sabbat und Sonntag eröffnen Freiräume zum Hören auf Gottes Wort und zum Lob Gottes. Darin gewinnt die Gottesbeziehung Gestalt. So kommt der Mensch zu sich selbst und zu seiner Bestimmung. Deshalb darf nach biblischer Überlieferung der Rhythmus von Arbeit und Ruhe für den Menschen und seine Mitwelt nicht aufgegeben werden. Die Bibel stellt das Sabbatgebot in größere Zusammenhänge. Sabbat- und Erlassjahr machen dies deutlich und lenken den Blick auch auf die Bewahrung der Schöpfung und den Aspekt der Gerechtigkeit.

  • Bewahrung der Schöpfung
    Weil die Welt Gottes gute Schöpfung ist, bleibt die menschliche Verfügungsgewalt über die Mitwelt begrenzt. Gottes Gebot schützt die Schöpfung vor menschlicher Willkür (5. Mose 22,6f; 5. Mose 25,4; 3. Mose 25,3f). Dazu erinnert die Bibel an die Verantwortung für die kommenden Generationen (2. Mose 20,5; Jeremia 31,29; Ezechiel 18,2). Diese Grundlagen verpflichten dazu, der Mitwelt eigene Rechte zuzuerkennen. An ihnen sollen wir uns orientieren, wenn wir nach Regeln und Grenzen für Eingriffe in das Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen fragen. Sie veranlassen uns, beim Umgang mit Ressourcen auf Nachhaltigkeit zu achten.
  • Gerechtigkeit und Menschenrechte
    „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde … und schuf sie als Mann und Frau“ (1. Mose 1,27). Damit hat Gott jedem Menschen eine unantastbare Würde verliehen. Das ist nach jüdischem und christlichem Verständnis der Grund der Menschenwürde, aus der sich der Anspruch auf Gerechtigkeit und die Verpflichtung, die Menschenrechte zu achten, ableiten. Wo Christen und Juden für Solidarität in der einen Welt eintreten, konkretisieren sie Gerechtigkeit und Menschenrechte. Diese bewähren sich, wo Christen und Juden die Rechte der Menschen vertreten, die als Fremde und Ausländer, Flüchtlinge, Vertriebene und Asylsuchende in der Gefahr stehen, entrechtet zu werden. Der Schutz der Fremden ist biblische Verpflichtung (2. Mose 22,20; 3. Mose 24,22; 4. Mose 15,16f). Jeglicher Antisemitismus widerspricht den Menschenrechten und dem biblischem Verständnis von Gerechtigkeit.

 

4. Juden, die sich zu Jesus als dem Messias bekennen

Es waren jüdische Frauen und Männer, die sich als erste zu Jesus als dem „Messias“ (= Christus) bekannten. Paulus litt darunter, dass dieses Bekenntnis von den meisten seiner Brüder und Schwestern nicht geteilt werden konnte (Römer 9,3). Umso wichtiger war ihm die Erkenntnis, dass Gott seinen Bund mit Israel aufrecht erhält (Römer 9,4). Schon bald bildeten Menschen aus den Völkern die Mehrzahl der Christen. Es gehört zu den Verhängnissen der Kirchengeschichte, dass die Judenchristen früh aus dem Blick geraten sind. In unserer Zeit begegnen uns erneut jüdische Menschen, die Jesus Christus als Messias erkennen. Sie verbinden ihre jüdische Lebensweise mit dem Glauben an Jesus. Damit treten sie in die Gemeinschaft der an Jesus Christus Glaubenden ein. Aus diesem Grund sind wir mit ihnen verbunden.

Wir nehmen zur Kenntnis, dass nach rabbinischem Verständnis ein Jude, der sich zu Jesus als seinem Messias bekennt und sich auf den Namen des Dreieinigen Gottes taufen lässt, nicht mehr zur jüdischen Gemeinschaft gehört. Wir nehmen gleichzeitig wahr, dass „Messianische Juden“ darin keineswegs ihr Jude-Sein verleugnet, sondern im Gegenteil erfüllt sehen.

Nach christlichem Verständnis gehören Menschen, die sich zu Jesus als Messias bekennen und auf den Namen des Dreieinigen Gottes getauft sind, zur Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi. Wir bedauern, wenn es über den Status dieser Menschen zwischen Juden und Christen zu Irritationen kommt. Wir wollen sowohl mit jüdischen Gemeinden wie mit „Messianischen Juden“ und ihren Gemeinden in Kontakt und Austausch bleiben und für beide eintreten.

 

5. Das christliche Zeugnis und die Begegnung von Christen und Juden

Weil Christen und Juden in der gemeinsamen Tradition des Glaubens untrennbar verbunden sind und das Christentum in Israel verwurzelt ist, stehen sie in einer besonderen Beziehung zueinander. Diese Beziehung ist anders qualifiziert als das Verhältnis zu allen anderen Völkern und Religionen. Israel muss der Weg zu Gott nicht erst gewiesen werden. Vielmehr sind Christen und Juden Partner mit je eigener Identität in der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Die Kirche glaubt und bezeugt im Christusgeschehen das endgültige, nicht überbietbare Gotteshandeln für das Volk Israel und für die Völkerwelt. Dabei gehören die Bindung an Christus und die Verwurzelung in Israel für Christen untrennbar zusammen. Diesen Glauben bezeugen Christen aller Welt.

Angesichts der gemeinsamen Geschichte des Glaubens und der je eigenen Erfahrungen mit dem Einen Gott und angesichts der besonders belasteten Geschichte von Christen und Juden in Deutschland ist der Begriff der Judenmission unangemessen. Deshalb sollten wir das Wort „Judenmission“ endgültig aus unserem Wortschatz streichen. Was wir mit Zeugnis in Wort und Tat meinen, wird durch diesen Begriff nur belastet. Vielmehr geben sich Christen und Juden wechselseitig Anteil an ihren Erfahrungen mit Gott und an dem, wovon sie gemeinsam und je eigen leben.

Die angemessene Gestaltung des Verhältnisses von Christen und Juden geschieht in der Form des Gesprächs über den Glauben und im je eigenen Zeugnis in diesem Dialog in Achtung vor der Identität des Gegenübers.

Soweit entschied die Synode einmütig. Die Mehrheit der Synode sagt weiter: Wir suchen die Begegnung zwischen Christen und Juden und wollen den Dialog fördern. Wir erklären: Mission unter Juden lehnen wir ab.

 

(39 Ja-Stimmen, 32 Nein-Stimmen und 5 Enthaltungen)

Der andere Teil der Synode kann der grundsätzlichen Ablehnung einer Mission unter Juden nicht zustimmen. Er stellt sich hinter das Votum der Evangelisch- Theologischen Fakultät Tübingen zum Verhältnis von Juden und Christen vom 23. Februar 2000 und betont insbesondere Folgendes:

„Die den Christen im Ostergeschehen erschlossene Wahrheit über den Heilswillen Gottes ist das Evangelium für alle Menschen, für die Juden zuerst und auch für die Heiden (Römer 1,16). Das Evangelium Juden und Heiden zu bezeugen, gehört von Anfang an zur Apostolizität der Kirche (Galater 2,7–9). Dieses Zeugnis ist unablösbar vom Christsein selbst.“

AG

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