Synodalerklärung »Wort der Synode an die Gemeinden über das Verhältnis von Christen und Juden« (1993)

© Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg, Synodalerklärung Synodalerklärung »Wort der Synode an die Gemeinden über das Verhältnis von Christen und Juden« 26.05.1993 (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten von imDialog.org)

 

Wortlaut der Synodalerklärung »Wort der Synode an die Gemeinden über das Verhältnis von Christen und Juden« vom 26.05.1993


 

1. Die Synode der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg hat sich mit dem Verhältnis von Christen und Juden befaßt. Im Mittelpunkt der Beratungen standen einerseits die gemeinsamen und verschiedenen Inhalte der zwei Glaubensweisen, andererseits die besondere Verantwortung, die für die Kirche aus der Geschichte der beiden Glaubensgemeinschaften resultiert.

 

2. Anläßlich der Gründung der Jüdischen Gemeinde in Oldenburg hat Bischof Dr. Sievers im Namen des Oberkirchenrates an die Vorsitzende des Vorstandes am 20.08.1992 folgenden Brief geschrieben:

„Mit großer Freude haben wir zur Kenntnis genommen, daß die seit längerem andauernden Bemühungen um die Gründung einer eigenen jüdischen Gemeinde und die Einrichtung einer Synagoge in Oldenburg mit der Bildung Ihres Vorstandes konkrete Formen annehmen. Wir möchten Ihnen wünschen. daß die Bemühungen nun auch zu einem guten Abschluß führen.
Wir sprechen Ihnen unsere guten Wünsche aus im Wissen uni die gemeinsamen Wurzeln des jüdischen und des christlichen Glaubens, wie sie im Wort Maleachis zum Ausdruck kommen, das auf dem Gedenkstein am Platz der alten Synagoge steht: Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen? Warum verachten wir dann einer den andern? Und wir tun es im Erinnern an die unheilvolle Geschichte, die mit dem Holocaust ihre erschreckende Zuspitzung erfahren hat. Aber wir tun es auch in der Dankbarkeit für die vielfältigen Verbindungen, die sich zwischen uns vor allem auch durch das Wirken des von uns allen sehr verehrten letzten Oldenburger Rabbiners Prof. Dr. Leo Trepp ergeben haben. und wünschen uns nichts mehr, als daß wir auch in diesem Geiste beieinander bleiben.
Der Herr segne Ihre Gemeinde.“

Die Synode macht sich diesen Brief zu eigen.

 

3. Die Synode ist sich dessen bewußt, daß die Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg in der Zeit des Nationalsozialismus mit dem Rassismus sympathisiert, der verbrecherischen Rassenpolitik nicht widersprochen und gegen die Vernichtung der Juden (Holocaust) nicht protestiert hat. Nur wenige Glieder der oldenburgischen Kirche haben sich anders verhalten. Unsere Scham über das Geschehen. in welchem dem christlichen Glauben zuwider gehandelt wurde, bleibt bestehen. Die Synode steht zu ihrer Verantwortung, gegenwärtigen und zukünftigen Äußerungen der Menschenverachtung schon in den Anfängen zu wehren. Judenfeindliche Äußerungen sind unmenschlich und unchristlich. Für den christlichen Glauben ist jeder Mensch Gottes geliebtes Geschöpf, das trotz aller Differenzen, die es zwischen Menschen geben kann, zu respektieren und dem, wie das Gebot der Nächstenliebe es vorschreibt, zu begegnen ist.

 

4. In den letzten Jahrzehnten fand zwischen Vertretern des Judentums und der Kirchen ein intensives und fruchtbares Gespräch statt. Dessen Zwischenbilanz ist in der Studie der EKD „Christen und Juden II – Zur theologischen Neuorientierung im Verhältnis zum Judentum“ (1991) niedergelegt. Die Studie versteht sich als ein Schritt auf dem Wege, den das christlich-jüdische Gespräch zurückgelegt hat. Zwar ist die theologische Bestimmung des Verhältnisses von Christentum und Judentum keineswegs abgeschlossen, trotzdem können aus der Zwischenbilanz Folgerungen für das Leben von christlicher Gemeinde und jüdischer Gemeinde in unserer Gesellschaft gezogen werden. Im Blick auf diese Aufgabe nimmt die Synode die Studie dankbar auf und empfiehlt sie den Gemeinden als Grundlage zur Weiterarbeit.

 

5. Vor allem anderen regt die Synode die Gemeinden an, die besonderen Beziehungen von Kirche und Judentum aufgrund der gemeinsamen Wurzel, der weithin leidvollen gemeinsamen Geschichte und der in beiden lebendigen Hoffnung bewußt zu machen. Dabei muß deutlich bleiben, daß das Judentum wie auch das Christentum jeweils eine Glaubensweise mit eigener, unverwechselbarer Gestalt und Aussage ist. Beide müssen in ihrer Besonderheit gesehen werden; nur so wird das Bemühen um die Wahrheit ernst genommen.

 

6. Christentum und Judentum sind einander sehr nahe. weil das Christentum aus dem Judentum (in seiner damaligen Gestalt) herausgewachsen ist. Jesus kommt aus dem jüdischen Volk und hat sich von ihm nicht losgesagt. Die heilige Schrift des Judentums, in der der Bund Gottes mit Israel bezeugt ist, wird die heilige Schrift der ersten Christengemeinden und geht in die christliche Bibel ein. Die Verehrung des einen Gottes, der die Welt erschaffen hat, der seinem erwählten Volk die Treue hält und auf den sich die Hoffnung auf die Vollendung der Welt richtet, sowie die Zusammenfassung der Ethik im Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe gehören zu den gemeinsamen Grundlagen der beiden Glaubensweisen.

 

7. Die Nähe zwischen Christentum und Judentum macht zugleich ihre Distanz besonders fühlbar. Die Botschaft Jesu, den wir als den Gesalbten (Christus), den Gekreuzigten und Auferstandenen bekennen, der von Gott als Richter über die Lebenden und Toten eingesetzt ist und alle, die an ihn glauben, erlöst, ist für den christlichen Glauben wesentlich. In dieser Bindung an Jesus Christus ist sie aber dem Judentum fremd und bezeichnet dadurch einen wesentlichen Unterschied der beiden Glaubensweisen.

 

8. Jeder lebendige Glaube ist mit der Überzeugung von seiner Wahrheit verbunden. Juden und Christen haben jeweils ein Bewußtsein von Erwählung, das in der Offenbarung begründet ist. Sie betrachten sich jeweils selbst als das von Gott berufene Bundesvolk. Nach außen hat sich diese Erwählungserfahrung immer wieder in einer Ablehnung anderer Wahrheitsansprüche ausgewirkt, gemeinsame Wurzeln und innere Bezogenheit wie zwischen Judentum und Christentum können das Ringen um die Wahrheit unheilvoll zu Intoleranz und Verfolgung verschärfen. Die Synode sieht dies in den Formen des Antijudaismus im Laufe der Geschichte der Kirche immer wieder als Gefahr und fordert zum Dialog auf, bei dem einer verletzenden und ausgrenzenden Polemik, z.B. durch die kurzschlüssige Rede von einer Kündigung des Sinaibundes oder einer Verwerfung Israels, eine Absage erteilt wird. Der Dialog schafft die Möglichkeit, daß jeder Gesprächspartner aus seiner Überzeugung heraus Zeugnis von seinem Glauben gibt und sich so gut wie möglich in die Glaubenstradition des anderen hineinversetzt.

 

9. Die Synode empfiehlt, aus diesen Überlegungen eine besondere Sensibilität für den christlichen Sprachgebrauch in Gottesdienst, Unterricht und Seelsorge zu entwickeln und den christlich-jüdischen Dialog zu verstärken:

(1) Verhalten der Kirchengemeinden zur jüdischen Gemeinde:
Pflege guter Nachbarschaft mit der jüdischen Gemeinde und ihren Mitgliedern; Abwehr und Bekämpfung judenfeindlicher Äußerungen;
Bereitschaft zur Durchführung gemeinsamer Gottesdienste bei besonderen Gelegenheiten; Bereitschaft zur Unterstützung bei der Erhaltung jüdischer Friedhöfe.

(2) Studium des Judentums:

Schriftauslegung;
Talmud;
Liturgie;
Geschichte des Judentums;
Judentum heute;
Erforschung der Geschichte des Judenhasses und seiner unmenschlichen und unchristlichen Motive;
Sprache;
Förderung der Einrichtungen für jüdische Studien.

(3) Christlich-jüdischer Dialog:
Kennenlernen der beiden Glaubensweisen;
Zeugnis vom jeweils eigenen Glauben ohne Zudringlichkeit und Rechthaberei;
Aushalten der Verschiedenheit in gegenseitiger Achtung;
Dialog in Form des gemeinsamen BibeIstudiums;
Unterstützung der Einrichtungen, die dem Dialog gewidmet sind;
Studium der Denkschriften.

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