Text 168 »Luthers Schriften über die Juden« (2013)

©  Luthers Schriften über die Juden: Theologische und politische Herausforderungen (Texte aus der VELKD Nr. 168), hg. v. Volker Weymann / VELKD (Hrsg.), Hannover 2013 (zuerst veröffentlicht auf den Seiten der VELKD)

 

Aus dem Inhalt des Dokumentes vom 19.12.2013


Volker Weymann: Luthers Schriften über die Juden Theologische und politische Herausforderungen

A. Erste Anstöße

B. Konfliktreiche Auseinandersetzung

  1. Zur Schrift „Daß Jesus Christus ein geborner Jude sei“ (1523)
  2. Zu Luthers Antwort auf das Begehren des Josel von Rosheim (1537)
  3. 3. Zu der berüchtigten Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543)
  4. Zur Schmähschrift „Vom Schem Hamphoras“ (1543)
  5. Zu Luthers letzten öffentlichen Worten wider die Juden Seite

C. Und doch Perspektiven?

  1. Identität über Abgrenzungen oder aus gemeinsamer Quelle?
  2. Entkräftung des Vorwurfs, Juden seien Christus-Mörder!
  3. Toleranz aus Glauben?

 

Was lange Zeit eher die innertheologische Lutherrezeption beschäftigte, fordert – im Horizont von „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation“ – auch zum gesellschaftlichen und medialen Diskurs heraus: Das Verhältnis des Reformators Martin Luther zum Judentum und zu seinen jüdischen Zeitgenossen, wie dies insbesondere in seinen Schriften über die Juden ersichtlich wird. Die Auseinandersetzung damit ist gerade in Deutschland unumgänglich und findet zugleich weit darüber hinaus Interesse. Nimmt man Luthers Texte zum Judentum und deren Wirkung ernst, ergibt sich die Notwendigkeit einer Klärung komplexer Fragen.

Offensichtlich hat sich Luthers Haltung gegenüber den Juden während seines Lebens von beachtlicher Offenheit zu verheerender Abwehr gewandelt. Welche Gründe lassen sich für diese Kurskorrektur finden? Und wie ist dieser Bruch historisch und theologisch zu beurteilen? Wieweit könnten zudem in der notwendig sachkritischen Auseinandersetzung mit Luthers Äußerungen zu den Juden Perspektiven entstehen, die gleichsam mit Luther gegen Luther weiter weisen?
Der VELKD liegt an einer differenzierten Klärung dieser Fragen. Dazu leistet der hier publizierte Text von Prof. Dr. Volker Weymann (Freiburg), der von 1994 bis 2006 Rektor des Theologischen Studienseminars der VELKD in Pullach war, einen Beitrag. Darin werden Luthers Schriften zum Judentum auf ihre theologischen und politischen Aspekte hin untersucht – samt der Kehrtwende, die bei ihm trotz der Kontinuität in der Interpretation des Alten Testaments auf Christus hin wirksam wurde. Warb Luther doch 1523 zunächst – im Widerspruch zu dem, was zu seiner Zeit üblich war – um ein freundliches Zusammenleben mit den Juden, um ihnen auf diese Weise den Zugang zum Zeugnis von Christus offen zu halten. Später plädierte er jedoch statt für die Duldung von Juden in protestantischen Territorien für deren Vertreibung – verbunden mit maßloser, ja unsäglicher Polemik in seinen Schriften von 1543.

1523 ließ sich Luther entschieden davon leiten, dass der Zugang zum Glauben allein durch das Wort Gottes, keinesfalls aber mit Gewalt erfolgen könne und dürfe. So unterschied er deutlich zwischen der Wahrheitsfrage und der Machtfrage. Doch wurde diese Unterscheidung von ihm nicht durchgehalten. Luthers Kampf um die Wahrheit verband sich bei ihm mit Aufrufen zur Anwendung von Macht, ja Gewalt. Wie konnte es dazu kommen?

Zu beachten ist allerdings, dass Luther, bei aller wilden Polemik gegen die Juden und trotz seiner unsäglichen „judenpolitischen“ Ratschläge, dem Vorwurf, die Juden hätten Christus getötet, durchweg widersprochen hat. Damit widersetzte er sich dem religiösen Ursprung und der kirchlichen Begründung eines christlichen Antijudaismus. Beachtlich bleibt zudem, dass Luther das Wort „Toleranz“ in die deutsche Sprache eingeführt und die Wendung „Toleranz Gottes“ geprägt hat. Könnte darin nicht die Quelle der Toleranz aus dem Glauben zu finden sein? Und welcher Grund wäre damit für verlässliche Offenheit im interreligiösen Gespräch gegeben – wie zumal im christlich-jüdischen Dialog?

Der im Folgenden abgedruckte Beitrag entstand als Grundlage für einen Vortrag zum Thema „Luther und die Juden – mit Herausforderungen bis heute“, den der Autor im Rahmen der Reihe „Umstrittene Toleranz. Impulse und Schattenseiten der Reformation“ am 9. Oktober 2013 im Haus der Kirche, Dreikönigskirche Dresden, gehalten hat.

 

Dr. Eberhard Blanke
(Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der VELKD)

 

 

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