Trauerfeier für Martin Stöhr: Predigt zu Offenbarung 21,1-5a

Bad Vilbel, 16. Dezember 2019

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der vorige Himmel und die vorige Erde waren vergangen, und auch das Meer war nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabkommen. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei. Noch Schmerz wird mehr sein. Denn das erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

Offenbarung 21, 1-5a

„In Gottes Armen wunderbar geborgen“ – so hast du, liebe Marie-Luise, eure Hoffnung angesichts des Todes von Martin zum Ausdruck gebracht. Ihr musstet ihn loslassen, ihr konntet ihn nicht mehr selbst im Leben halten – auch wenn ihr ihn noch so gerne bei euch hättet: den vertrauten Mann, den Vater und Großvater. Im Krankenhaus war es nicht ganz einfach aber ihr konntet noch gemeinsam in Ruhe von ihm Abschied nehmen. Das ist das Tröstliche.

Nun hat ihn – so glauben wir es – der biblische Gott zu sich gerufen. So wie er von diesem Gott vor 87 Jahren ins Leben gerufen worden ist, so ist er jetzt in das Leben der neuen Schöpfung gerufen worden, Wir haben die Bilder dieser neuen Schöpfung in den Worten aus der Offenbarung des Johannes vorhin gehört.

Martin Stöhr kann nun sehen, was er selbst erhofft hat und was ihm ein Leben lang Kraft gab. Himmel und Erde, so bedroht und begrenzt sie uns auch scheinen mögen, sie können nicht ausgelöscht werden. Gottes Ruf heilt und verwandelt alles, was ist. „Siehe, ich mache alles neu!“

Wie sehr hat Martin Stöhr sich darum bemüht, das zu erneuern, was so grundlegend beschädigt worden ist durch die Shoah und den Hass, der Völker gegeneinander aufhetzt. Er hat sich rufen lassen in die Begegnung von Juden und Christen, in das Gespräch mit anderen Weltanschauungen und in die politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit. So hat er sein Leben lang Neues hören und denken können – fast so, als hätte das Versprechen schon immer sein Ohr und sein Herz erreicht? Siehe, ich mache alles neu!“

Uns fehlt die Vorstellungskraft für jene neuschöpferische Kraft der Stimme, die da von Gott her zu hören ist. Wir sind auf die Bilder unseres irdischen Lebens angewiesen um uns das Unvorstellbare auszumalen. Im himmlischen Jerusalem, gibt es weder Leid noch Geschrei, weder Schmerz noch Tod. Das darf Martin nun sehen, so glauben wir ganz fest. In Gottes Armen wunderbar geborgen, werden ihm auch die Tränen getrocknet, die zu jedem Leben gehören.
Martin Stöhr, der kleine Junge aus Singhofen, ihr Bruder, der im Krieg aufgewachsen ist, und als Jugendlicher vom Vater, dem späteren Leiter der Heime Scheuern, das Grauen der NS-Zeit entschlüsselt bekam – er wurde zu einem Kämpfer gegen das menschenverursachte Leid. Seine theologischen Lehrer Helmut Gollwitzer und Hans-Joachim Iwand, haben das Ihre dazu getan.
Dass Martin in Dir liebe Marie-Luise, eine Mitkämpferin fand, war wohl das große Glück seines Lebens. Das war eine„Streiterehe“ wie das im frommen Schwaben so schön heißt. „Eine wunderbare und folgenreiche Begegnung“ hat Martin über Euer Kennenlernen 1957 geschrieben.

Ihr beide zusammen, liebe Marie-Luise, habt euer Familienheim – ob in Darmstadt, Arnoldshain, Siegen oder auf dem Heilsberg – in einen Ort verwandelt, an dem sich etwas spüren ließ von der großen Verheißung des himmlischen Jerusalem. Es war ein Ort der Begegnung von Menschen und Völkern. Viele von uns haben diese wundervolle Gastfreudschaft bei Euch erlebt

Eure Kinder, Ute, Roswitha, Christiane und Dietrich, ihr habt das – jedenfalls in der Erinnerung – auch genossen, auch wenn ihr den Vater mit vielen anderen teilen musstet. Einfach war es sicher nicht immer. Aber heute könnt ihr Euren Vater voller Respekt einen Brückenbauer nennen. Und ihr seht, welche Brücken ins Leben euch auch durch den weiten intellektuellen Horizont des Elternhauses gebaut wurden. Und wie stolz euer Vater auf euch war, dass Ihr alle euren je eigenen Weg gefunden habt. Auch die Enkel, Benjamin, Robin und Oliver, sind noch angesteckt worden von dieser Lust die Welt zu ergründen und dabei die Menschen nicht zu vergessen. Wie gern war euer Großvater mit Euch zusammen.

Solche Brücken ins Leben und den offenen Horizont hat Martin Stöhr, noch vielen anderen Menschen ermöglicht. Das seht ihr als Familie erst jetzt so richtig angesichts der vielen Trauerbekundungen, die euch schon erreicht haben. Viele hier, sind wie ich, durch das „Studium in Israel“ tief geprägt worden. Andere haben in der Begegnung mit Martin Stöhr ihre Identität als Juden oder Christen klären können. Und Studierende konnten bei ihm lernen, dass Ökumene nicht ein abseitiges Hobby ist, sondern das Wohl der gesamten bewohnten Welt erstrebt.

Uns sind diese Erinnerungen überaus wertvoll. Noch im Erinnern entfaltet sich Segen. So ist wohl der jüdische Wunsch zichrono livracha: „sein Andenken werde zum Segen“ gemeint. Das mag uns heute trösten. Allerdings wissen wir auch, dass unser Erinnern verblassen wird. Einzig das Ein-Gedenken Gottes nimmt uns mit hinein in das himmlische Jerusalem und ruft uns in das neue Leben. „Siehe ich mache alles neu!“ Johannes, der Seher von Patmos, hat uns dieses Leben bei Gott in ganz schlichten Bildern ausgemalt. Und auch wenn wir wissen, dass es unsere Bilder für das Unabbildbare sind, so sagen sie doch das Wesentliche. Denn sie drehen die Perspektive um: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“

Gott selbst zieht ein bei den Menschen – so lautet die adventliche Erwartung. Martin Stöhr lebt nun, von Gott gerufen, in dieser ganz und gar unvorstellbaren Nachbarschaft der Hütte Gottes bei den Menschen. Die „Sonne der Gerechtigkeit“ (die wir besungen haben) leuchtet dort so kräftig, dass der jüngste Tag angebrochen ist, der keine Nacht und keinen Tag mehr kennt. Auch das Meer ist nicht mehr, jener Ort aus dem sich die Chaosmächte Leviathan und Behemoth erhoben haben. Das himmlische Jerusalem kennt auch keine Kirchen mehr, keine Synagogen, keine Moscheen oder Tempel. Alle Demarkationslinien sind verschwunden, alle Mauern, die die Völker trennen. Alle Völker erfahren die machtvolle Lebenskraft Gottes, des Gottes Israels, auf dessen Treue Juden und Christen ihre Hoffnung gründen. In dieser neuen Welt Gottes ist Martin nun wunderbar geborgen. Wir müssen uns nicht mehr um ihn sorgen. Nun darf Martin die Gastfreundschaft Gottes genießen.

So sei es!

Gabriele Scherle

Pröpstin i.R., Frankfurt am Main

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