Aus dem Kreis der Synodalbeauftragten für das christlich-jüdische Gespräch der rheinischen Landeskirche kommt der Vorschlag, mithilfe eines kurzen Infoblatts Kirchengemeinden, -kreise, kirchliche Einrichtungen und Gruppen zu einer Beschäftigung mit dem biblischen Mottovers zum Kirchentag 2027 anzuregen. Das Infoblatt wurde vom landeskirchlichen Beauftragten für den christlich-jüdischen Dialog verfasst, der Rückfragen und ergänzende Hinweise gerne entgegennimmt1: Kirchenrat Pfarrer Wolfgang Hüllstrung, Evangelische Kirche im Rheinland, Dezernat 1.2 Ökumene, Tel. 0211-4562394, [email protected].
Die Losung für den Kirchentag 2027 in Düsseldorf „Du bist kostbar“ ist Jesaja 43,4 entnommen. Dieser Vers lautet: „Weil du kostbar bist in meinen Augen, wertgeschätzt und ich, ich dich liebe, gebe ich Menschen an deiner Statt und Nationen anstelle von dir.“ Der Vers ist eingebettet in den Textabschnitt 43,1-7. Aus Vers 1 geht hervor, dass es sich bei dem angeredeten „Du“ um Jakob-Israel handelt und bei dem redenden „Ich“ um Gott als „Schöpfer Jakobs“ bzw. „Bildner Israels“. Jakob kennen wir als den jüngeren Sohn Isaaks, von dem in 1. Mose 32,29 erzählt wird, dass Gott zu ihm sagt: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.“ So wird Jakob zum Stammvater Israels, und seine zwölf Söhne bilden die zwölf Stämme Israels ab, die aus der Sklaverei in Ägypten befreit und aus Ägypten herausgeführt und später in das verheißene Land Israel hineingeführt werden.
Auf diesem Hintergrund wird verständlich, dass aus jüdischer Sicht der Vers, aus dem das Kirchentag-Motto stammt, eine biblische Aussage enthält, die für das Selbstverständnis des Judentums bis heute von zentraler Bedeutung ist. Seinen Bedeutungsreichtum entfaltet das Motto erst dann, wenn man es in seinem Kontext versteht und auslegt und dabei auch die jüdische Auslegungstradition mitberücksichtigt. Es erschöpft sich nicht in einer allgemein-individualistischen Zusage der Zuwendung Gottes.
Aus der Perspektive des christlich-jüdischen Dialogs, dem sich die Evangelische Kirche in Deutschland und deren Gliedkirchen verpflichtet fühlen, erscheint es mir notwendig, dass die israeltheologische Bedeutungsdimension des Kirchentag-Mottos bei der Vorbereitung auf den Kirchentag 2027 angemessen berücksichtigt wird. Das Bekenntnis zur bleibenden Erwählung Israels bildet die theologische Grundlage für die Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses nach 1945.
Viele Gemeinden werden sich im Vorfeld des Kirchentags mit dem Motto beschäftigen. Es wird am 14.02.2027 in zahlreichen Kirchen ein Kirchentag-Sonntag gefeiert. Es werden Vorbereitungstage mit Jugend-, Musik- und anderen Teilnehmergruppen stattfinden. Gemeindebrief-Artikel werden dazu geschrieben. Als Anregung für eine Beschäftigung mit Jesaja 43,4 im Zusammenhang von Jesaja 43,1-7 möchte ich auf einige Punkte hinweisen, die für das Verständnis des Textes wichtig sind:
(Wolfgang Hüllstrung, 29.06.2026)
1 Ich danke Prof. Dr. Jutta Hausmann und Dr. Axel Töllner für kritisches Gegenlesen und weiterführende Hinweise!