Klaus Wengst
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Enkelkinder!
Der schüchterne Dorfjunge, als der ich die ersten fünfzehn Jahre meines Lebens aufwuchs, und der ich immer noch etwas bin, könnte verlegen darauf reagieren, was heute so viel Lobendes über ihn gesagt worden ist. Aber ich nun ziemlich alt gewordener Mann gestehe offen: Es hat mir gut getan. Und darauf könnte ich mit nur einem einzigen Wort und drei Ausrufungszeichen antworten: Danke!!! Aber Sie erwarten zu Recht, dass ich dieses „Danke“ etwas ausführe.
Ich danke Ihnen, Frau Rudnick, Frau Jalowaja und Frau Haufler-Musiol vom Verein „Begegnung Christen und Juden Niedersachsen“, dass mir der diesjährige Blickwechsel-Preis verliehen wurde. Die Bezeichnung dieses Preises gefällt mir. Das Wort „Blickwechsel“ hat einmal jemand anders im Blick. Ein Gegenüber, das man ansieht und von dem man sich ansehen lässt – und sich so gegenseitig „Ansehen“ gibt. Aber es hat noch eine weitere wichtige Dimension, dass man nämlich den Blickwinkel, die Perspektive wechselt und damit mehr und anderes als bisher wahrnimmt. Einen solchen Blick-Winkel-Wechsel habe ich in der Tat nicht nur einmal erfahren. Dabei hatte ich nie ein plötzliches „Bekehrungserlebnis“. Ich bin ein langsamer Mensch. Das hat Vorteile. So habe ich vorangegangene Perspektiven nie völlig verworfen, sondern in die neue mitgenommen, was mir an der alten gut erschien.
Ihnen, Frau Rudnick und Ihrem Büro, danke ich noch einmal besonders für all die Arbeit, die Sie für die Organisation dieser Veranstaltung unternommen haben. Ich danke Ihnen, Frau Jalowaja, für Ihr Grußwort. Und noch einmal besonders dafür, dass Sie die Idee hatten und die Initiative dazu ergriffen, diese Preisverleihung in der Braunschweiger Synagoge durchzuführen. Und ich danke Ihnen, Herr Voigt, als dem Vorsitzenden dieser Gemeinde, dass dem zugestimmt wurde. Diesen Preis in einer Synagoge verliehen bekommen zu haben, berührt mich besonders tief. Ihnen und Frau Haufler Musiol auch herzlichen Dank für die Begrüßung.
Ich danke Ihnen, Frau Antonelli-Ngami. Als einer Bürgermeisterin dieser Stadt sage ich Ihnen, dass ich mich bei den vielen Umzügen in meinem Leben an keinem Ort so schnell heimisch gefühlt habe wie in Braunschweig.
Ich danke Ihnen, Frau Bammel, für ihr Grußwort. Nachdem wir vor knapp drei Wochen ein gut zweistündiges Kennenlern-Gespräch hatten, freue ich mich sehr darüber, dass Sie jetzt Braunschweiger Bischöfin sind. Diese Freude ist heute Morgen bei der Lektüre des Zeitungsberichts über Ihre Einführung verstärkt worden und jetzt noch einmal durch Ihr Grußwort.
Ich danke Dir, lieber Traugott, für Dein Grußwort. Als ich Deinen Namen, auf einem ersten Programmentwurf las, war ich freudig überrascht. Uns verbindet eine lange gemeinsame Zeit, in der Du von einem auch bei mir lernenden Studenten schließlich zum Kollegen geworden bist, der als Dekan mich in den Ruhestand verabschiedet hat.
Ich danke Dir, liebe Matrgot, für die Laudatio. Ich denke gerne zurück an Deine Jahre als Generalsekretärin beim DEKT – und da besonders an die Exegesegruppe, in der die Bibeltexte eines anstehenden Kirchentages übersetzt und gemeinsam erarbeitet wurden. Ich nenne als Mitarbeitende dabei jetzt nur Frank Crüsemann, Jürgen Ebach und Luise Schottroff. Du, liebe Margot, hast diese Gruppentreffen nicht nur moderiert, sondern selbst intensiv mitgearbeitet. Das hat mir sehr imponiert.
Ich danke Ihnen, Frau Heidemann, und Ihren Schülerinnen und Schülern für die Vorbereitung von Fragen.
Und ich danke Ihnen, Herr Busch, für das mit mir geführte Gespräch. Und noch einmal als meinem Gemeindepfarrer. Sie gehören zu den Pfarrpersonen, die nach dem 2. Examen nicht aufgehört haben, theologisch weiter zu lernen. Mir tut es einfach gut, Glied der Gemeinde St. Katharinen zu sein. Und daran haben Sie einen ganz großen Anteil.
Und Dank auch Ihnen, Frau Kondraschowa, für die Musik. Ich bin zwar unmusikalisch und kann eine Melodie nur richtig mitsingen, wenn ich sie mit anderen schon xmal mitgesungen habe. Aber ich höre außerordentlich gern Musik. Und habe dieses Hören auch heute schon dreimal genossen und freue mich auf das noch ausstehende vierte Mal.
Und schließlich: Dank auch Ihnen, die Sie als Publikum gekommen sind, teils von weit her. Was wäre diese Veranstaltung ohne Sie!
Ich möchte meinen Dank heute aber auch im Blick auf diejenigen aussprechen, die mir auf meinem Lernweg sozusagen auf die Sprünge geholfen haben. Was mein Lebensthema geworden ist – nämlich die Jüdischkeit der meisten neutestamentlichen Schriften aufzuweisen und damit zu einem anderen als in der Geschichte praktizierten Verhältnis von Christentum und Kirche zu Israel/Judentum beizutragen –, dieses Lebensthema, war mir keineswegs von vornherein vorgegeben. Ganz im Gegenteil. Um auf den Weg dahin zu kommen, bedurfte es der Begegnung mit Christenmenschen, die schon auf diesem Weg waren. Und vor allem bedurfte es der Begegnung mit Jüdinnen und Juden.
Als ich im Sommersemester 1981 meine Professur in Bochum antrat, hatte ich schon erste Impulse bekommen. Aber mein exegetisches Arbeiten verlief noch sehr in alten Bahnen. Im Bochumer Kollegium war es vor allem der Alttestamentler Jürgen Ebach, der mir zum Freund und Anstoßgeber wurde.
Aber auch: Wenn ich in der Vorlesung – wie ich das heute nennen muss – „dummes Zeug“ über Jüdisches von mir gegeben hatte, stellten mich hinterher Studierende zur Rede. Sie hatten bei dem Alttestamentler Dieter Vetter nicht nur biblisches Hebräisch gelernt, sondern auch Verstehen und Lieben des Alten Testaments als jüdischer Bibel und Wertschätzung des Judentums. Ich habe mich von ihnen hinterfragen lassen und bedacht, was sie eingewandt hatten.
Als sie merkten, dass ich lernfähig war, haben mich etliche Zeit später zwei von ihnen gebeten, eine Gemeindeveranstaltung gemeinsam mit Edna Brocke zu bestreiten, einer als sogenanntes El-Alamein-Kind in Jerusalem geborenen Israelin, verheiratet mit einem deutschen Katholiken, Lieblingsnichte von Hannah Arendt und lange in Deutschland lebend, seit wenigen Jahren wieder in Isael. Und darüber ist sie glücklich. Sie nahm ab und an Lehraufträge an unserer Fakultät wahr. Einige Zeit nach dieser Veranstaltung fragte sic mich, ob ich mit ihr zusammen eine Lehrveranstaltung machen würde. Das habe ich getan. Bis zu meiner Pensionierung ergaben sich dann 16 – oder waren es 17? – gemeinsame Seminare. Immer ging es darum, wie sich neutestamentliche Texte zu Jüdischem verhielten. Dabei wurde mir langsam klar, dass diese Texte selbst – sozusagen von Haus aus – jüdisch waren. Zugleich wurde mir zunehmend deutlicher bewusst, dass es für das Verstehen neutestamentlicher Texte wichtig wäre, die jüdisch-rabbinischen Texte wahrzunehmen, und zwar im Urtext. Aber dazu war ich mit dem am Anfang des Studiums in nur einem Semester gelernten biblischen Hebräisch nicht wirklich befähigt.
Im Spätsommer 1988 begegnete mir bei einer bestimmten Gelegenheit Katja Kriener, die ich aus meiner Bonner Zeit kannte. Sie war gerade von einem Jahr als Vikarin in Jerusalem zurückgekommen und hatte zuvor schon am „Studienjahr in Israel“ teilgenommen. Davon erzählte sie mir und ich sagte: Hätte ich doch davon früher gewusst! Sie meinte, ich könnte doch zumindest am zwei Monate dauernden Ulpan an der Hebräischen Universität in Jerusalem teilnehmen. Das habe ich dann, nach entsprechender Vorbereitung, im Sommer 1991 getan. Bereits in der ersten Woche wurde die Klasse für drei Seminarsitzungen wöchentlich nach unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen neu aufgeteilt. Ich wählte natürlich jahadut, Judentumskunde. Das war für mich der Schub in meinem Lernprozess: In der im heutigen Israel gesprochenen Sprache von einem einfühlsamen Lehrer in Mischna, Talmudim und Midraschim eingeführt zu werden, hat mein anschließendes Lernen und Lehren nachhaltig bestimmt.
Durch Kaja Kriener, die um die Mitte des Ulpan nach Jerusalem kam, wurde ich mit Professor David Flusser und seiner Frau Hannah bekannt. Im Sommer 1992 machten meine Frau und ich Urlaub in Israel, zunächst eine Woche im Kibbuz Nachscholim am Mittelmeer – und trafen dort das Ehepaar Flusser an. Wir verbrachten sehr viel Zeit zu viert. Die beiden Frauen unterhielten sich. Ich kann nicht sagen, dass auch David Flusser und ich uns unterhielten. Im Wesentlichen habe ich vielmehr diesem außerordentlich hoch und weit gebildeten und mitteilsamen Gelehrten zugehört und ab und zu weiterführende Fragen gestellt.
Durch Edna Brocke war ich Anfang 1990 erstmals Teilnehmer auf der Jahrestagung der AG Juden und Christen beim DEKT. Im WS 1990/1991 hatte ich ein gemeinsames Seminar mit ihr. Es war die Zeit des Irakkrieges. Ihn begleiteten in Deutschland heftige Friedens-demonstrationen. Ich bekam Woche für Woche mit, wie sehr Edna unter diesen die Bedrohung Israels schlicht ignorierenden Demonstrationen litt. Das änderte meine Perspektive im Blick auf die Wahrnahme des Staates Israel. An Edna Brocke konnte ich besonders auch die Israelin wahrnehmen. Sie hat meinen Blickwinkel in Hinsicht auf Land und Staat Israel geöffnet. Was Bundeskanzlerin Merkel später als deutsche Staatsräson bezeichnet hat, das Existenzrecht des Staates Israel: das zu erkennen und anzuerkennen ist uns Christenmenschen auch biblisch-theologisch geboten.
Der Irakkrieg und seine unterschiedlichen Wahrnahmen führten zum Auseinanderbrechen des Vorstands der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen auf der Jahrestagung im Februar 1991. Der Vorstand trat geschlossen zurück und schlug eine Fünfergruppe vor. Sie sollte bis zur nächsten Tagung 1992 vorklären, ob es die AG weiter geben solle und – wenn ja – wie. Ich fand mich zu meiner Überraschung in dieser Gruppe vor – und wurde ein Jahr später christlicher Vorsitzender der AG, zusammen mit Micha Brumlik als jüdischem Vorsitzenden. Auch ihm verdanke ich viel. Er brachte mit Vehemenz die Perspektive heutiger jüdischer Gemeinden ein. Besonders stark kam das zur Wirkung auf der Jahrestagung im Februar 1998. Wir hatten für den Kirchentag 1999 in Stuttgart im Vorstand ein fast fertiges Programm für Lehrhaus und Halle vorbereitet. Das sollte abschließend beraten und beschlossen werden. Dazu gehörten auch gemeinsame Veranstaltungen mit der jüdischen Gemeinde Stuttgart. Aber die waren inzwischen hinfällig geworden – und damit auch alles andere fraglich. Der Kirchentag hatte einer judenmissionarisch orientierten evangelikalen Gruppe einen Stand auf dem Markt der Möglichkeiten eingeräumt. Das hatte Rabbiner Berger erfahren – und damit war für ihn jede Zusammenarbeit mit uns erledigt. Die Absage hat er aber nicht auf einfache Art gemacht. Er hat sie inszeniert, und zwar so, dass ich eine schmerzhafte, aber sehr lehrreiche Erfahrung gemacht habe. Auf der Jahrestagung hat Micha Brumlik die Sache so auf den Punkt gebracht: „Wenn es einen Konflikt zwischen dem Kirchentag und Rabbiner Berger gibt, stehe ich eindeutig auf Seiten von Rabbiner Berger.“ Wir haben das Problem so gelöst, dass wir das Lehrhausprogramm durchgeführt, aber das Hallenprogramm komplett gestrichen heben. Stattdessen gab es in der uns zugewiesenen Halle am ersten Tag ganztägig nur ein Thema: „Gegen Judenmission – für Partnerschaft“. Durch Micha Brumlik habe ich gelernt: Unser Handeln als Christenmenschen muss mitbedenken, wie es sich auf die unter uns lebende jüdische Gemeinschaft auswirkt.
Auf einer Tagung in Bad Boll lernte ich Ende 1992 Chana Safrai kennen und schätzen. Sie hatte damals eine zeitlich begrenzte Professur für Judaistik in Utrecht inne. Sie war orthodox – und vehemente Feministin. Ich konnte sie für unsere Arbeitsgemeinschaft gewinnen, in der sie dann kräftig mitgearbeitet hat. Das war eine neue Lernerfahrung für uns Christenmenschen in der AG Juden und Christen. Die übrigen jüdischen Mitglieder gehörten dem liberalen Judentum an. Und nun war eine orthodoxe Jüdin da. Worauf alles geachtet werden musste! Das ließ sich organisieren. In den Jahren, in denen Chana noch in Utrecht lehrte, haben wir uns dreimal jährlich mit unseren Assistenten und Doktoranden ganztägig abwechselnd in Bochum und Utrecht getroffen und gemeinsam – auf ein jeweiliges Projekt bezogen – an rabbinischen und neutestamentlichen Texten gearbeitet. Das war für alle Beteiligten ausgesprochen fruchtbar.
Einen Menschen, der sich heute am meisten mit mir gefreut hätte, muss ich noch erwähnen: meine vor drei Jahren verstorbene Frau Helga. Sie hat meinen Weg von der Dissertation an, die ich noch als Student geschrieben habe, intensivst begleitet und alles mit mir geteilt. Seit ihrem Tod ist Wehmut mein Grundgefühl. Das ist ein eigenartig zusammengesetztes Wort: „Weh“ und „Mut“. Aber gerade so ein sehr treffendes. Die Erinnerung an sie, an die wunderbaren 59 gemeinsamen Jahre, tut weh, weil ihr lebendig-leibhaftiges Gegenüber fehlt, und macht doch gleichzeitig auch froh und gibt Mut zum Weiterleben. In diesem Zusammenhang gilt mein Dank meinem Sohn Johannes, seiner Frau Annette und ihren Kindern Carolina, Frederik und Dominik. Meine Frau hat vor ihrem Tod mehrmals gesagt: „Gut, dass wir nach Braunschweig gezogen sind.“ Sie hat sich von der jungen Familie mitgetragen gefühlt – und ich mich seit ihrem Tod auch. Und mitgetragen hat und tut es weiterhin auch Tochter Urte, die weiter weg wohnt. Als es bei meiner Frau zum Sterben ging, ist sie oft hergekommen. Und auch gleich danach wieder. Über regelmäßige Telefongespräche, die sie vor allem mit ihrer Mutter geführt hat, freut sich jetzt ihr Vater. Von der Familie in der nächsten und übernächsten Generation mitgetragen zu sein, ist die schönste Erfahrung meines Alters. In diesem Zusammenhang ich noch eine gute Zugabe bekommen: Seit über anderthalb Jahren wohnen auch Bruder Udo und Schwägerin Ilona in Braunschweig – samt ihrem Sohn Jan, der in einem Haus der Lebenshilfe untergebracht ist. Ein großes „Danke!“ an Euch.
Nun noch ein letzter Punkt zur Sache. Von dem her, dass ich die entscheidenden Impulse für meine Arbeit als Neutestamentler, für mein Verstehen neutestamentlicher Texte und damit auch für mein Verstehen des Christlichen und meines Christseins der Begegnung mit Jüdinnen und Juden verdanke, wünschte ich: Es müsste an jeder theologischen Fakultät eine jüdische Lehrperson geben. Zumindest müssten zeitlich begrenzte Formen gemeinsamen Lehrens und Lernens mit jüdischer Beteiligung ermöglicht werden.
Manchmal kommt mich ein Gefühl der Vergeblichkeit meiner und paralleler Bemühungen anderer an. Die evangelischen Landeskirchen haben von den Achtziger bis in die Nuller Jahre so gut wie durchgängig Beschlüsse über ein neues und besseres Verhältnis zu Israel/Judentum gefasst als das in der Kirchengeschichte praktizierte. Und in dieser Hinsicht wurde bei vielen auch die Grundordnung an zentraler Stelle ergänzt. Ich habe manchmal den Eindruck, dass man meint, nun sei es aber auch genug. Aber man ist doch mit diesen Beschlüssen und der Ergänzung der Grundordnung eine bleibende Verpflichtung eingegangen, die praktisch ausbuchstabiert werden muss. Das geschieht meiner Wahrnehmung nach viel zu wenig. Wenn mir solche Gedanken der Vergeblichkeit kommen, tröste ich mich mit dem Satz, den Paulus am Endes des langen Kapitels über die Auferstehung der Toten in 1. Korinther 15 formuliert hat: „Werdet standfest! Lasst euch nicht umwerfen! Tut euch jederzeit hervor im Werk des Herrn! Ihr wisst doch, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist im Herrn!“ Und ich lasse mir auch gesagt sein, was als Ausspruch Rabbi Tarfons in Mischna Avot 2,16 steht: lo alecha hamelachah ligmor, velo attah ven chorin libbatel mimennah. „Es obliegt dir nicht, die Arbeit zu vollenden. Aber du bist auch nicht frei, von ihr abzulassen.“ Und so mache ich weiter, solange mir die Kraft dazu geschenkt wird. Ich tue das nicht mit zusammengebissenen Zähnen, sondern bei aller untergründigen Wehmut dennoch fröhlich.