Martin Luther – Judenfreund oder Antisemit?

1. Von der Freiheit eines Christenmenschen

Martin Luther hat sich den evangelischen Christen als ein Vorkämpfer der Freiheit eingeprägt. Die Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« (veröffentlicht Ende Oktober / Anfang November 1520) beginnt mit einer konfliktträchtigen Doppelthese: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Ding und niemandem untertan.« Und: »Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Ding und jedermann untertan.«1 Wie passt beides zusammen?

Luther legt ein Menschenbild zugrunde, wonach ein Christenmensch »von zweierlei Natur« sei, einerseits »geistlich«, andererseits »leiblich«. Die evangelische Freiheit ist primär eine geistliche Freiheit; sie meint nicht den leiblichen Menschen als gesellschaftliches Wesen, sondern zunächst nur den geistlichen Menschen, den Luther auch »neu« und »innerlich« nennen kann, während der leibliche oder »alte und äußerliche« Mensch davon zunächst unbetroffen ist.2 Frei wird die Seele allein durch »das heilige Evangelium, das Wort Gottes, von Christus gepredigt«.3

Inhalt dieses Evangeliums ist die Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben ohne Werke des Gesetzes oder mit Luthers Worten: »daß du hörest deinen Gott zu dir reden, wie all dein Leben und Werke nichts seien vor Gott. […] So du solches recht glaubst […], so musst du an dir selbst verzweifeln […].« Aus dieser Verzweiflung befreit Gott den Einzelnen, indem er ihm »seinen lieben Sohn Jesus Christus« vorsetzt und ihm durch ihn sagen lässt: »Du sollst dich mit festem Glauben ergeben und frisch auf ihn vertrauen.« Und um dieses Glaubens willen sollen ihm alle seine Sünden vergeben sein.4 »Also sehen wir, dass an dem Glauben ein Christenmensch genug hat; er bedarf keines Werkes, dass er fromm sei. Bedarf er […] keines Werkes mehr, so ist er gewißlich entbunden von allen Geboten und Gesetzen; ist er entbunden, so ist er gewißlich frei.«5

Erst in einem zweiten Schritt widmet sich Luther dem leiblichen Menschen, von dem gilt, dass er »ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan« ist. »Da heben sich nun die Werke an«, die darin bestehen, dass der äußere Mensch dem inneren »gleichförmig« werden soll, wie der »innerliche Mensch […] mit Gott eines« geworden ist.6 Entscheidend ist hier, dass die Werke nicht dazu getan werden, um »fromm und gerecht vor Gott« zu werden, sondern, wie Luther formuliert, »aus freier Liebe umsonst Gott zu Gefallen«7 und »dem Nächsten zugute«.8 So »fließet aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott, und aus der Liebe ein freiwillig, fröhlich Leben, dem Nächsten zu dienen umsonst. […] Wie uns Gott hat durch Christus umsonst geholfen, also sollen wir durch den Leib und seine Werke nichts anderes [tun] als dem Nächsten helfen.«9

So weit dürfte dies zumindest evangelischen Christen vertraut sein, handelt es sich doch um eine klassische Formulierung dessen, was man die Rechtfertigungslehre als Zentraldogma reformatorischer Theologie genannt hat. Doch was bedeutet dies, wenn der Nächste kein Christ, sondern ein Jude ist?

 

2. »Von den Juden und ihren Lügen«

Luthers aggressiv judenfeindliche Spätschriften sind berüchtigt. In »Von den Juden und ihren Lügen« (1543) wirft er den Juden in einer äußerst unflätigen Sprache vor, die Bibel falsch, nämlich »gesetzlich«, zu verstehen: »Pfu euch hie, pfu euch dort, und wo ihr seid, ihr verdammten Juden, daß ihr die ernste, herrliche, tröstliche Wort Gottes so schändlich auf euern sterblichen, madigen Geizwanst [zu] ziehen düret [= wagt] und schämet euch nicht, euern Geiz so gröblich an den Tag zu geben! Seid ihr doch nicht wert, daß ihr die Biblia von außen sollet ansehen, [ge]schweige daß ihr drinnen lesen sollet! Ihr solltet allein die Biblia lesen, die der Sau unter dem Schwanz stehet, und die Buchstaben, die daselbs heraus fallen, fressen und saufen …«10 Die Stelle ist interessant, nicht zuletzt wegen der von Luther aufgerufenen Assoziation zwischen Juden und Schweinen. Tatsächlich war und ist die Stadtkirche zu Wittenberg mit einer sog. »Judensau« dekoriert, einem antisemitischen Symbol, das im mittelalterlichen Deutschland verbreitet war.11 Luther deutet es auf den jüdischen Umgang mit dem Talmud.12

Theologisch wirft der Wittenberger Reformator den Juden u. a. ihren angeblichen Hochmut bzw. ihre Selbstgerechtigkeit vor, die sie glauben mache, dass gute Werke vor Gott helfen könnten. Darin eingeschlossen ist der Vorwurf, die jüdische Messiaserwartung laufe aufgrund ihrer politischen Aspekte auf einen Glauben auf Selbsterlösung bzw. Selbstbefreiung hinaus. Dabei führt Luther neben biblischen Bezügen auch geschichtstheologische Argumente an: Er konfrontiert Jesus Christus, den »wahren« Messias, der angeblich von den Juden gekreuzigt worden ist, mit dem »falschen« Messias Bar Kochba, dem Aufständischen; der »schlachtete sehr viele Christen, die unsern Messias Jesus Christus nicht verleugnen wollten«, bis er und sein Prophet Rabbi Akiba von den Römern getötet wurden.13 Diese Katastrophe hätte die Juden eigentlich demütigen müssen, wären sie nicht blind in ihrer Verstockung. Sie hätten anerkennen müssen, dass ihr politischer Messianismus gescheitert war und dass Jesus der wahre, geistliche Messias ist.14

Die Tatsache, dass die Juden Jesus nicht als eingeborenen Sohn Gottes anerkennen wollen, wird von Luther als Blasphemie wahrgenommen: »Weil sie aber uns verfluchen, so verfluchen sie unsern HErrn auch; verfluchen sie unsern HErrn, so verfluchen sie auch Gott den Vater, Schöpfer Himmels und der Erden.« So stellt er fest: »Wer uns in diesem Artikel abgöttisch verleumdet und lästert, der verleumdet und lästert Christus, das ist: Gott selbst, als einen Abgott.«15 Das ist der Grund, warum Christen sich nicht länger duldsam gegenüber den Juden verhalten dürfen, wollen sie nicht »fremder Sünde teilhaftig« werden.16 Toleranz gegenüber den Juden würde eine Lästerung Gottes bedeuten, während die Verehrung des Sohnes Verfolgung seiner Feinde, der Juden, einschließen muss.

In dieser Theologie sind die schrecklichen praktischen Ratschläge Luthers begründet, die er als »scharfe Barmherzigkeit« ausgibt,17 in seiner Theologie begründet: »dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke«, »dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre«, »dass man ihnen nehme alle Gebetbücher und Talmudisten«, »dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren«,18»dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe«, »dass man ihnen den Wucher verbiete und nehme ihnen alle Barschaft und Kleinode an Silber und Gold«, »dass man den jungen und starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen«.19 Mehr noch: »dass man ihnen verbiete, bei uns … öffentlich Gott zu loben, zu danken, zu beten, zu lehren«, »dass ihnen verboten werde, den Namen Gottes vor unsern Ohren zu nennen«.20 Kurz: »Sollen wir der Juden Lästerung rein bleiben und nicht teilhaftig werden, so müssen wir geschieden sein und sie aus unserm Lande vertrieben werden.«21 Ja, wir müssen sie »wie die tollen Hunde ausjagen«.22

Am 14. Februar 1546, wenige Tage vor seinem Tod, brach Luther seine letzte Predigt in Eisleben vorzeitig ab, um nur noch eine »Vermahnung wider die Juden« zu verlesen. Diese Kanzelabkündigung, die durch die Umstände ihrer Verlesung testamentarischen Charakter erhielt, endet mit den Worten: »Wollen sich die Juden zu uns bekehren und von ihrer Lästerung und, was sie sonst getan haben, ablassen, so wollen wir es ihnen gerne vergeben: wo aber nicht, so wollen wir sie auch bei uns nicht dulden noch leiden.«23

Wie konnte es zu dieser Katastrophe der Theologie Luthers kommen? Kann es angesichts solcher Äußerungen überraschen, wenn der Philosoph Karl Jaspers knapp formuliert: »Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern«?24

 

3. Antisemitismus bei Luther?

Man muss sich klarmachen, dass Luthers Ratschläge an die Obrigkeit im 20. Jahrhundert von den Nazis problemlos als Begründung für ihren »Erlösungsantisemitismus« – Erlösung durch Vernichtung der Juden – in Anspruch genommen werden konnten. So schrieb der deutschchristliche Landesbischof von Thüringen, Martin Sasse, in der Einleitung zu seiner Edition von Luthers »Judenschriften«, die 1938 unter dem programmatischen Titel Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen! erschien: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen.« Dies war nicht etwa selbstkritisch, sondern als stolzer Ausdruck des Triumphes des Luthertums im Nazistaat gemeint: »In dieser Stunde«, so betont Sasse, »muß die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert aus Unkenntnis einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.«25

Berüchtigt ist auch die Äußerung von Julius Streicher, Herausgeber des nationalsozialistischen Hetzblattes Der Stürmer, im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg am 29. 4. 1946: »Antisemitische Presseerzeugnisse gab es in Deutschland durch Jahrhunderte. So wurde bei mir zum Beispiel ein Buch beschlagnahmt von Dr. Martin Luther.« Streicher meint hier Luthers Schrift »Von den Juden und ihren Lügen«; und er fährt fort: »Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank, wenn dieses Buch von der Anklagevertretung in Betracht gezogen würde.«26

Im Allgemeinen werden solche Äußerungen heute als Missbrauch Luthers abgetan. Léon Poliakov jedoch, der jüdische Pionier der Antisemitismusforschung, hat sich durch solche Erklärungen nicht beruhigen lassen. So schreibt er in seinerGeschichte des Antisemitismus: »Im Antisemitismus« habe »das religiöse Motiv, die Rechtfertigung durch den Glauben, eine Ablehnung der Werke nach sich [gezogen], jener Werke, die unzweifelhaft jüdischer Prägung sind«. Und daran schließt er die beunruhigende Frage: »Muß vielleicht ein wirklicher Christ, der seinen Gott in der Weise eines Martin Luther anbetet, nicht schließlich unvermeidlich die Juden aus ganzer Seele verabscheuen und sie mit allen Kräften bekämpfen?«27

Hat Poliakov hier Luther missverstanden? Oder deutet seine Frage auf ein Problem evangelischer Theologie hin?

 

4. Apologetische Strategien

Bis heute wird auf jede erdenkliche Weise versucht, Luther von dem Verdacht freizusprechen, er habe dem modernen Antisemitismus vorgearbeitet. Verbreitet ist der Versuch, seine Haltung historisch zu relativieren, indem man sie in den Kontext der unter seinen Zeitgenossen weit verbreiteten Judenfeindschaft einordnet. Aber werden Luthers schlimme Äußerungen denn weniger schlimm, wenn man erfährt, dass etwa auch sein altgläubiger Gegner Johannes Eck ein erbitterter Judenfeind war?28 Übersehen wird dabei, dass es auch im 16. Jahrhundert schon Beobachter gab, die sich mit Luthers Haltung kritisch auseinandersetzten. Es gab zeitgenössische Kritiker wie etwa den Züricher Reformator Heinrich Bullinger, der sich von Luthers antijüdischen Pamphleten angewidert zeigte und sie als »schweinisch, kotig« bezeichnete.29, Aalen 1973, 98f.]

Beliebt ist auch der Hinweis darauf, dass die Polemik zwischen Juden und Christen gegenseitig gewesen sei. Verwiesen werden könnte in diesem Zusammenhang an die Behauptung der »Toledot Jeschu«, wonach Jesus ein Hurenkind sei – eine Behauptung über die Luther sich in der Schrift »Vom Schem Hamphorasch« (1543) empört.30 Dabei bleibt die ungleiche Machtverteilung unberücksichtigt, die es nur den Christen erlaubte, ihre Feindseligkeit gegenüber den Juden auch zu exekutieren.

Gerne wird auch versucht, das Problem des Antisemitismus ökonomisch zu »erklären«: Der Judenhass habe mit der Beteiligung von Juden am Zinsgeschäft zu tun. Ungelöst bleibt hier das Rätsel, »warum die Fugger zwar verflucht, die Juden aber verjagt wurden«.31 All diese apologetischen Strategien laufen auf eine Verharmlosung des von Poliakov benannten Problems hinaus.

Mit zwei dieser Strategien will ich mich ausdrücklich auseinandersetzen: zunächst mit der biographischen Unterscheidung zwischen dem angeblich judenfreundlichen jungen Luther und dem verbitterten, alten Luther; dann mit der theologischen Unterscheidung zwischen einem eigentlichen, reformatorischen Luther und einem uneigentlichen, politischen Luther.

 

5. Judenfreundlichkeit beim frühen Luther?

Gern wird psychologisierend darauf hingewiesen, dass die schlimmsten Ausfälle Luthers gegen die Juden aus seinen letzten Lebensjahren stammen, so dass man zwischen einem judenfreundlichen frühen Luther und dem alten, verbitterten Judenfeind unterscheiden müsse. Man verweist dann gerne auf die Schrift »Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei« aus dem Jahr 1523, die als »judenfreundlich« bezeichnet wird. Dazu ist zunächst zu bemerken, dass Luther zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Schrift nicht mehr gerade jung war. Es handelt sich um keine Frühschrift; sie ist offenbar eine Folge des reformatorischen Aufbruchs.

Will man die Haltung des jungen Luther gegenüber den Juden analysieren, dann muss man auf seine frühen Vorlesungen über die Psalmen und über den Römerbrief zurückgreifen und andere Dokumente seiner vorreformatorischen Phase berücksichtigen. Ich will hier nur ein bezeichnendes Beispiel nennen: So ergreift er im Februar 1514 im Streit zwischen dem Humanisten Johannes Reuchlin mit Pfefferkorn und den Kölner Dominikanern um die Forderung der Konfiszierung des Talmud und der rabbinischen Schriften die Partei Reuchlins und spricht sich für Toleranz aus. Seine Begründung klingt jedoch zumindest zweideutig: Eine Besserung der Juden sei ohnehin aussichtslos; nur Gott selbst könne ihre innere Bekehrung bewirken und ihren Lästerungen ein Ende bereiten. Bis dahin werde durch die jüdischen Schmähungen Christi nur die prophetische Weissagung über dieses Volk erfüllt. Menschen sollen aber dem Handeln Gottes nicht vorgreifen. Paradoxerweise erscheint hier die antijudaistische Theologie als Voraussetzung für die Tolerierung des rabbinischen Schrifttums.32 Es darf also nicht überraschen, dass Luthers frühe Vorlesungen über die Psalmen und über den Römerbrief voll von theologischer Polemik gegen die Juden sind, die den überlieferten Antijudaismus der mittelalterlichen Theologie reproduziert und hier und da zuspitzt.

Die Veröffentlichung der Schrift »Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei« im Jahr 1523 hat dann tatsächlich gewisse Hoffnungen unter Juden ausgelöst: Luthers Zusammenstoß mit dem römischen Katholizismus wurde als Bruch innerhalb der monolithischen Macht der Kirche begrüßt.33 Und tatsächlich unterscheidet sich diese Schrift von Luthers sonstigen Judenschriften durch ihren freundlich einladenden Ton.

In der Einleitung legt Luther dar, dass es der primäre Zweck der Abhandlung sei, seinen Kritikern seine Rechtgläubigkeit zu beweisen, indem er »aus der Schrift« die Gründe »erzählen« will, die ihn »bewegen zu glauben, daß Christus ein Jude sei, von einer Jungfrau geboren«.34 Daneben erhofft er sich eine positive Nebenwirkung auch bei den Juden, nämlich, »ob ich vielleicht auch der Juden etliche möchte zum Christenglauben reizen«.35 Der Hauptteil besteht jedoch aus zwei ausführlichen antijüdischen Polemiken, in denen Luther zunächst Schriftbeweise für die christliche Lehre von der Jungfrauengeburt Jesu Christi ausbreitet, um danach die jüdische Messiaserwartung aus der Schrift zu widerlegen. Zuletzt kommt Luther auf seine Hoffnung für die Juden zurück: »Darum wäre meine Bitte und Rat, daß man säuberlich mit ihnen umginge und aus der Schrift sie unterrichtete, so möchten ihrer etliche herbei kommen. Aber nun wir sie nur mit Gewalt treiben […], daß man sie gleich für Hunde hält, was sollten wir Gutes an ihnen schaffen? […] Will man ihnen helfen, so muß man nicht des Papstes, sondern christlicher Liebe Gesetz an ihnen üben und sie freundlich annehmen.« In Kenntnis von Luthers weiterer theologischer Entwicklung klingen die abschließenden Worte jedoch fast wie eine Drohung: »Hier will ich‘s diesmal lassen bleiben, bis ich sehe, was ich gewirkt habe.«36

Der jüdische Lutherforscher Reinhold Lewin, der mit seiner Dissertation Luthers Stellung zu den Juden im Jahr 1911 die kritische Erforschung unseres Themas eröffnet hat, kommt im Blick auf diese Schrift Luthers zu dem ernüchternden Gesamturteil: »Ihn interessieren die Juden bloß als Bekehrungsobjekt.«37, Aalen 1973, 30.] Angesichts dieser Beobachtung muss die Schrift wohl eher als die keineswegs judenfreundliche, wohl aber judenmissionarische Ausnahme in Luthers theologischer Entwicklung gelten. Tatsächlich verhärtete sich Luthers Haltung gegenüber den Juden schon bald. Letztlich hat sich die antijudaistische Theologie seiner Frühzeit durchgesetzt, wobei das Paradox der daraus folgenden praktischen Toleranz auf Dauer nicht durchzuhalten war. Vielmehr zog der theologische Antijudaismus je länger je mehr die Forderung nach Verfolgung der Juden nach sich.

Es scheint, dass insbesondere die Erfahrung des Bauernkriegs von 1525 und die Belagerung Wiens durch die Türken von 1529 geradezu apokalyptische Ängste bei dem Wittenberger Reformator ausgelöst haben. Hinzu mag die unglückliche Begegnung mit drei jüdischen Besuchern gekommen sein, die nach kontroverser Diskussion über die Jungfrauengeburt ein Empfehlungsschreiben verschmäht hatten, in dem der Name Christi genannt war. Schon in den »Vier tröstlichen Psalmen« an die Königin von Ungarn aus dem Jahr 1526 findet sich scharfe antijüdische Polemik.38 Und im Jahr 1537 wies Luther Josel von Rosheim im Elsass, den Sprecher der deutschen Judenheit vor Kaiser und Reich, zurück. Dieser hatte sich, ermutigt durch den Straßburger Reformator Capito, mit der Bitte an Luther gewandt, sich beim sächsischen Kurfürsten, der ein Ausweisungsedikt gegen die Juden erlassen hatte, für eine Durchreiseerlaubnis zu verwenden. Luther antwortete, sein Herz sei nach wie vor für freundliche Behandlung der Juden, aber nur, um sie zu ihrem Messias zu bringen, nicht um sie in ihrem Irrtum zu bestärken. Josel möge sich mit seinem Anliegen an andere wenden.39 Von da an wollte Josel von Luther nur noch als »Lo-Tahor« (= der Unreine) reden. Und im Jahr 1543 gelang es ihm, beim Rat der Stadt Straßburg ein Verbot durchzusetzen, Luthers Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« nachzudrucken.

Wie kam es von der reformatorischen Theologie zur Judenfeindschaft?

 

6. »Tiefste theologische Einsichten« des alten Luther?

Das beunruhigendste Problem wird mit der Frage aufgeworfen, inwiefern Luthers Judenfeindschaft in seinen theologischen Grundüberzeugungen verankert ist. Man hat versucht, den Reformator Luther und den judenfeindlichen Politiker Luther scharf voneinander zu unterscheiden. So betont etwa der evangelische Theologe Walther Bienert: »Der Reformator Luther war ein anderer als der Kirchenpolitiker Luther. Es ist wissenschaftlich nicht vertretbar, eine Harmonie zwischen dem Reformator und dem kirchenpolitischen Judenfeind zu konstruieren.«40 Damit soll die reformatorische Theologie offenbar vor dem Verdacht bewahrt werden, sie könne etwas mit Luthers Judenfeindschaft zu tun haben. Kein Schatten darf auf sie fallen. Wir wollen nicht konstuieren, halten es aber in aller Bescheidenheit für wissenschaftlich vertretbar, davon auszugehen, dass Luther und Luther derselbe war.

Weiter führt der renommierte Lutherforscher Wilhelm Maurer, der in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts davon ausgegangen ist, dass sich zwar die »praktisch-rechtlichen Folgerungen«, die Luther aus seiner Theologie gegenüber den Juden gezogen habe, verändert hätten; die theologischen Grundlinien seien jedoch »allezeit gleichgeblieben«.41 So werde auch die »scharfe Barmherzigkeit«, die Luther empfiehlt, verständlich: »Mit allen seinen bitteren Anklagen […], mit allen harten Maßnahmen« habe Luther doch nur »etliche aus der Flammen und Glut erretten« wollen.42 Doch macht es das besser?

Tatsächlich wollte Maurer selbst in der »Alterspolemik Luthers […] tiefste theologische Einsichten ausgesprochen« sehen, »die sich aus dem reformatorischen Schriftverständnis ergeben«. Diese »tiefsten Einsichten« seien hier in voller Länge zitiert, da sie vom Autor offenbar in keiner Weise problematisiert werden: »Alle Völker stehen unter Gottes Gericht und Gnade. Damit wird die Spannung zwischen Gesetz und Evangelium, von der Luthers Schriftverständnis und damit seine ganze Theologie bestimmt ist, auch für das Verhältnis von Kirche und Synagoge zur Grundlage genommen. Gottes Gesetz setzt sich selbst das Ende. Denn es ist allezeit von der Verheißung begleitet und kann nur in der Begrenzung durch sie recht verstanden werden. Ist die Verheißung durch die Ankunft des Messias erfüllt, dann hat auch das Gesetz seine Rolle ausgespielt.« Erst damit sei das »Zeugnis des Paulus gegen die Synagoge zum ersten Male richtig erfaßt«.43

Damit soll offenbar genug gesagt sein. Die lutherisch-paulinische Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, die Lehre vom »Ende des Gesetzes« aufgrund des Sieges des Evangeliums von Christus, dient hier als Vorwand für die Beschönigung jeglicher praktisch-rechtlichen Unbarmherzigkeit als »scharfe Barmherzigkeit«.44, 175, Anm. 55): »Keine noch so beachtliche Virtuosität, mit theologischen Begriffen oder frommen Vokabeln umzugehen, machen aus Luthers ‚scharfer Barmherzigkeit‘, d. h. aus seinen Kristallnachtvorschlägen, ‚Barmherzigkeit‘. Ein so eindeutiger Begriff wie Barmherzigkeit läßt sich schlechterdings nicht mit so eindeutigen Vorschlägen vereinen.«] Zugleich wird deutlich: Die reformatorische Theologie und die Judenfeindschaft hängen bei Luther unauflöslich zusammen.

Wie sollen wir mit dieser Erkenntnis heute umgehen?

 

7. Zur Frage der Rezeption heute

Die von der Evangelischen Kirche in Deutschland propagierte »Luther-Dekade« ist nicht frei von Luther-Apologetik geblieben. So verbreitet die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche in Deutschland einen Text über Luthers Schriften über die Juden, in dem der Wittenberger dafür gerühmt wird, dass bei ihm – »trotz seiner maßlosen, ja unsäglichen Polemik gegen die Juden und das Judentum« – die »verheerende Anklage« des »Christusmordes«, wie sie von der mittelalterlichen Kirche und Luthers altgläubigen Gegnern vertreten worden war, »in keiner Phase seines Wirkens zu finden« sei.45 dem Vorwurf, die Juden hätten Christus getötet, durchweg widersprochen« habe (Eberhard Blanke, Einleitung, a.a.O., 2).]

Das ist leider reines Wunschdenken. Der Autor selbst will seine Behauptung u. a. mit einem Zitat aus Luthers früher Psalmenvorlesung belegen, wo es heißt: »Wie die Juden Christus nicht handgreiflich, sondern ihrer willentlichen Forderung nach töteten.«46 Das beweist doch wohl eher das Gegenteil von dem, was der Autor sagen will. Die zahlreichen Stellen, an denen Luther ausdrücklich den Vorwurf des Christusmordes gegen die Juden erhebt, bleiben ganz unerwähnt. So weiß Luther schon in der angeblich judenfreundlichen Schrift »Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei«,

dass »die ihn kreuzigen und aus dieser Welt treiben, […] nicht mehr ihm angehören und sein Volk sein [werden], sondern [er] wird ein ander Volk annehmen.«47 Und in der Spätschrift »Von den Juden und ihren Lügen« wiederholt er (in Auslegung von Dan 9,24: »Da ging das Feuer an wider ihn«, d. h. gegen den Messias): »Da wurden sie zornig, bitter, giftig und unsinnig auf ihn, und gossen endlich die Glocken, dass sie ihn töten wollten und taten also, kreuzigten ihn aufs allerschmählichste [wie] sie immer konnten und kühleten ihr Mütlein also, dass auch der Heide Pilatus merket und zeuget, dass sie ihn aus Hass und Neid ohne Ursache unschuldig verdammten und töteten.«48

 

8. Zur Differenzierung von Antijudaismus und Antisemitismus

War Luther ein Antisemit? Der Begriff »Antisemitismus« wurde bekanntlich erst im späten 19. Jahrhundert geprägt. Im Allgemeinen wird er auf den deutschen Journalisten Wilhelm Marr zurückgeführt, der damit seit 1879 seine »wissenschaftlich«, d. h. rassisch begründete Judenfeindschaft von der älteren, religiös begründeten Judenfeindschaft abgrenzen wollte,49 die man dann z. B. Antijudaismus nennt.

Der französisch-jüdische Historiker Jules Isaac hat jedoch die primäre Verantwortung des Christentums für die Herausbildung des Antisemitismus betont: »Keine Waffe erwies sich als bedrohlicher für das Judentum und seine Anhänger als die ‚Lehre der Verachtung‘ […]; innerhalb dieser Lehre war nichts verderblicher als die Theorie vom ‚Gottesmördervolk‘. […] Die Lehre der Verachtung ist ein Werk der Theologie.«50 In ähnlicher Weise verwendet der israelische Historiker Yehuda Bauer den Begriff »Antisemitismus« für Judenhass in jeder Form und mit jeder Begründung.51 So habe sich der Antisemitismus auch durch die Säkularisierung hindurch als »einer der wenigen Überreste christlicher Ideologie […] weiter vererbt«.52 Antisemitismus wäre demnach nicht so sehr als eine neue Ideologie des späten 19. Jahrhunderts zu betrachten, sondern eher als ein Relikt christlicher Theologie innerhalb der säkularisierten Gesellschaft.

Im Übrigen ist auch Luthers primär religiös begründete Judenfeindschaft nicht frei von Momenten, die nicht so sehr auf die jüdische Religion als vielmehr auf ein unveränderliches »Wesen« des Juden zielen: Aufgrund ihrer »Verstockung«, die ihnen »zur Natur worden« ist, seien die Juden schlechterdings »nicht […] zu bekehren«, sondern sie müssten »in der Hölle zerschmolzen […] werden«.53 Daneben finden sich ökonomische Motive, wo es um den »Wucher« geht.54 Und es gibt bereits proto-nationalistische Motive, wenn Luther meint, »uns Deutsche« vor den Juden warnen zu müssen,55 und proto-rassistische Motive, wo er auf das jüdische »Blut« als ihre »Natur« anspielt: »Sie haben solch giftigen Hass wider den Gojim von Jugend auf eingesoffen von ihren Eltern und Rabbinen und saufen noch in sich ohn Unterlass, dass es ihnen, wie der 109. Psalm sagt, durch Blut und Fleisch, durch Mark und Bein gangen, ganz und gar Natur und Leben worden ist.«56

Schließlich muss die Behauptung, der religiös begründete Antijudaismus habe »als theologisches Konzept« – anders als der Antisemitismus – »nicht auf Vernichtung der Juden«, sondern nur auf ihre Bekehrung gesonnen57, zumindest im Blick auf den Vernichtungswillen, wie er in Luthers »Tischreden« dokumentiert ist, als Verharmlosung gelten. Hier ließ Luther sich zu Äußerungen hinreißen, die seine Mordlust gegenüber Juden zeigen, – so, wenn er einen taufwilligen Juden »auf die Elbbrücke führen, ihm dort einen Stein um den Hals hängen und ihn mit den Worten herunterstoßen« will: »Ich taufe dich im Namen Abrahams.«58 Dies kann nicht als einmalige Entgleisung abgetan werden, wie weitere mörderische Tischreden belegen.59

 

9. Fazit

Nach alledem muss wohl gesagt werden, dass die Vermeidung des Begriffs »Antisemitismus« in bezug auf Luther ihrerseits Ausdruck einer apologetischen Strategie sein dürfte. Die Verwendung des Begriffs wäre in diesem Kontext nur zu vermeiden, wenn der Terminus überhaupt aus dem Verkehr gezogen werden könnte. Da dies nicht realistisch erscheint, dürfte letztlich kein Weg daran vorbeiführen, von Luther als einem »Kronzeugen des Antisemitismus« zu reden.60 Die Tatsache, dass seine Judenfeindschaft primär religiös begründet ist, macht das Problem nicht geringer. Im Gegenteil: Wegen der tiefen Verankerung von Luthers Antisemitismus in seiner Theologie, muss die Judenfeindschaft als ein »Geburtsfehler« der lutherischen Theologie gelten. Damit wird auch die Rechtfertigungslehre in der Form, wie Luther sie vertreten hat, zutiefst fragwürdig. Sie müsste selbst umgebaut werden, um sie für das christlich-jüdische Verhältnis zu retten. Dies aber würde auf eine radikale Kritik der evangelischen Gesetzeskritik hinauslaufen,61 die nicht weniger radikal sein dürfte als Luthers Verständnis christlicher Freiheit. Sie müsste es wagen, von einer »evangelischen Freude« am Gesetz zu reden.62 Aber dies wäre ein anderer Vortrag.

Der Beitrag erschien zuerst in der epd-Dokumentation 39 (2015): Reformator, Ketzer, Judenfeind. Jüdische Perspektiven auf Martin Luther. Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin und des Zentralrats der Juden in Deutschland, Berlin 10.-12.6.2015 ( online)

Andreas Pangritz:
Theologie und Antisemitismus. Das Beispiel Martin Luthers.

Frankfurt am Main: Peter Lang, 2017.
570 Seiten, 64,95 Euro.
ISBN 978-3-631-73362-2

Nähere Informationen unter: https://www.buchhandel.de/buch/Theologie-und-Antisemitismus-9783631733622

  1. Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, in: ders., Werke. Kritische Gesamtausgabe (WA), Bd. 7, 21.
  2. Martin Luther, ebd.
  3. Luther, a.a.O., 22.
  4. Luther, a.a.O., 22f.
  5. Luther, a.a.O., 24f.
  6. Luther, a.a.O., 30.
  7. Luther, a.a.O., 31.
  8. Luther, a.a.O., 35.
  9. Luther, a.a.O., 36.
  10. M. Luther, Von den Juden und ihren Lügen, in: ders., Werke (WA), Bd. 53, 478.
  11. Vgl. Isaiah Shachar, The Judensau. A Medieval Anti-Jewish Motif and its History (Warburg Institute Surveys, ed. by E. H. Gombrich and J. B. Trapp, V), London 1974.
  12. Vgl. M. Luther, Vom Schem Hamphoras, in: ders., Werke (WA), Bd. 53, 600: »Woher haben die Juden diese hohe Weisheit, daß man Moses Text, die heiligen unschuldigen Buchstaben, so sollt teilen in drei Verse und arithmetische oder Zahlbuchstaben draus machen, auch 72 Engel nennen und Summa, das ganze Schem Hamphoras dergestalt stellen? Da laß mich mit zufrieden, frage die Rabbinen drum, die werden dir‘s wohl sagen … Es ist hier zu Wittenberg an unserer Pfarrkirchen eine Sau in Stein gehauen, da liegen junge Ferkel und Juden drunter, die saugen. Hinter der Sau stehet ein Rabbiner, der hebt der Sau das rechte Bein empor, und mit seiner linken Hand zeucht er den Bürzel über sich, bückt und guckt mit großem Fleiß der Sau unter dem Bürzel in den Talmud hinein, als wollt er etwas Scharfes und Sonderliches lesen und ersehen. Daselbsther haben sie gewißlich ihr Schem Hamphoras. Denn es sind vorzeiten sehr viele Juden in diesen Landen gewesen … Daß etwa ein gelehrter, ehrlicher Mann solch Bild hat angeben und abreißen lassen, der den unflätigen Lügen der Juden feind gewesen ist …«
  13. Martin Luther, Von den Juden und ihren Lügen, in: ders., Werke (WA), Bd. 53, 496.
  14. Luther, a.a.O., 498.
  15. Luther, a.a.O., 539f.
  16. Luther, a.a.O., 522.
  17. Luther, a.a.O., 522; vgl. a.a.O., 541.
  18. Luther, a.a.O., 523.
  19. Luther, a.a.O., 524-526.
  20. Luther, a.a.O., 536.
  21. Luther, a.a.O., 538.
  22. Luther, a.a.O., 541f.
  23. Martin Luther, Vermahnung wider die Juden, in: ders., Werke (WA), Bd. 51, 196.
  24. Karl Jaspers, Die nichtchristlichen Religionen und das Abend- land (1954), in: ders., Philosophie und Welt. Reden und Aufsätze, München (2. Aufl.) 1963, 156-166; hier 162.
  25. Martin Sasse, Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen!, Eisenach/Freiburg i. Br. 1938, 2.
  26. Vgl. Martin Stöhr, Martin Luther und die Juden, in: Heinz Kremers (Hg.), Die Juden und Martin Luther – Martin Luther und die Juden. Geschichte – Wirkungsgeschichte – Herausforderung, Neukirchen-Vluyn 1985, 89.
  27. Léon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus, Bd. 2, Worms 1978, 126f.
  28. Vgl. Heiko A. Oberman, Wurzeln des Antisemitismus. Christenangst und Judenplage im Zeitalter von Humanismus und Reformation, Berlin 1981, 95.
  29. Vgl. das »Wahrhafte Bekenntniss der Diener der Kirchen zu Zürich« von 1545, das Luthers Schrift »Vom Schem Hamphorasch« (1543) als »schweinisch, kotig« kritisiert; zit. bei Reinhold Lewin, Luthers Stellung zu den Juden. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Deutschland während des Reformationszeitalters [1911
  30. Vgl. M. Luther, Vom Schem Hamphorasch, in: ders., Werke (WA), Bd. 53, 580-586.
  31. Oberman, Wurzeln des Antisemitismus, 16.
  32. Vgl. M. Luther, Brief an Georg Spalatin vom Februar 1514, in: WA Br 1, 23; dazu H. A. Oberman, Wurzeln des Antisemitismus, 58: »Obwohl er also in der Ablehnung des äußeren Zwangs mit Reuchlin auf einer Linie liegt, besteht der wesentliche Unterschied, daß Reuchlin den Talmud gegen den Blasphemievorwurf … in Schutz nimmt, während Luther diese ‚Blasphemie‘ als von Gott gefügte Tatsache ansieht, an der von Menschen nichts zu bessern ist.«
  33. Vgl. Andreas Pangritz, Jüdische Reaktionen auf Luther und die Wittenberger Reformation, in: Begegnungen. Zeitschrift für Kirche und Judentum 94, 1/2011, 8.
  34. M. Luther, Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei, in: WA 11, 314.
  35. Vgl. auch Luthers Erklärung am Übergang vom ersten zum zweiten Hauptteil, dass er »auch gerne den Juden dienen« wolle, »ob wir ihrer etliche möchten zu ihrem eigenen rechten Glauben bringen, den ihre Väter gehabt haben« (WA 11, 325).
  36. M. Luther, Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei, in: WA 11, 336.
  37. Reinhold Lewin, Luthers Stellung zu den Juden. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Deutschland während des Reformations- zeitalters [1911
  38. Vgl. Andreas Pangritz, Martin Luthers Stellung zu Judentum und Islam, in: Harry Noormann (Hg.), Arbeitsbuch Religion und Ge- schichte. Das Christentum im interkulturellen Gedächtnis, Bd. 2, Stuttgart 2013, 26-28.
  39. Vgl. Martin Luther, Brief an Josel von Rosheim vom 11. Juni 1537, in: ders., Werke (WA), Briefe, Bd. 8, 91.
  40. Walther Bienert, Martin Luther und die Juden. Ein Quellenbuch mit zeitgenössischen Illustrationen, mit Einführungen und Erläuterungen, Frankfurt am Main 1982, 190.
  41. Wilhelm Maurer, Kirche und Synagoge. Motive und Formen der Auseinandersetzung der Kirche mit dem Judentum im Laufe der Geschichte, Stuttgart 1953, 46.
  42. Maurer, a.a.O., 45.
  43. Maurer, a.a.O., 47.
  44. Mit Recht bemerkt dazu Martin Stöhr (Luther und die Juden, in: Evangelische Theologie 20 [1960
  45. Volker Weymann, Luthers Schriften über die Juden. Theologische und politische Herausforderungen, Hannover 2013 (Texte aus der VELKD, Nr. 168), 28. – Vgl. auch die Empfehlung der Ausarbeitung durch den Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der VELKD mit dem Hinweis darauf, »dass Luther […
  46. Luthers erste Psalmenvorlesungen, in: ders., Werke (WA), Bd. 55/II, 112; zitiert bei Weymann, Luthers Schriften über die Juden, 28, Anm. 120.
  47. Luther, Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei, in: WA 11, 335.
  48. Luther, Von den Juden und ihren Lügen, in: WA 53, 494.
  49. Reinhard Rürup (gemeinsam mit Thomas Nipperdey), Antisemitismus – Entstehung, Funktion und Geschichte eines Begriffs, in: ders., Emanzipation und Antisemitismus, Göttingen 1975, 95: »Seit der Antike und zumal seit der frühchristlichen Zeit hat es in Europa eine Judenfeindschaft gegeben, die wesentlich vom Religionsgegensatz bestimmt war. (…) Das Wort ‚Antisemitismus‘ meint demgegenüber eine grundsätzlich neue judenfeindliche Bewegung (…).«
  50. Jules Isaac, Genesis des Antisemitismus. Vor und nach Christus (orig. Genèse de l’antisémitisme, Paris 1956), Wien 1969, 241. »Eng verbunden mit dieser militanten Theologie« sei »ein System von Einschränkungen, Ausschließungen und Demütigungen, das es verdient, ‚System der Erniedrigung’ genannt zu werden.«
  51. Vgl. Yehuda Bauer, Vom christlichen Judenhaß zum modernen Antisemitismus – Ein Erklärungsversuch, in: Zeitschrift für Antisemitismusforschung 1 (1992), 79.
  52. Bauer, a.a.O., 85.
  53. Martin Luther, Vier tröstliche Psalmen (1526), in: ders., Werke (WA), Bd. 19, 606f.
  54. Vgl. Luther, Von den Juden und ihren Lügen, in: WA 53, 482f.: Die Fürsten »lassen sich selbst und ihre Untertanen durch der Juden Wucher schinden und aussaugen und mit ihrem eigen Gelde sich zu Bettler machen.« – Vgl. auch a.a.O., 483; a.a.O., 521 (»(…) haben uns gefangen durch ihren verfluchten Wucher (…)«).
  55. Vgl. Luther, a.a.O., 419: »das unsere Deutschen wissen mögen«; vgl. auch a.a.O., 579.
  56. Luther, a.a.O., 481.
  57. Johannes Heil, »Antijudaismus« und »Antisemitismus«. Begriffe als Bedeutungsträger, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 6 (1997), 106.
  58. Peter von der Osten-Sacken, Martin Luther und die Juden. Neu untersucht anhand von Anton Margarithas ‚Der gantz Jüdisch glaub‘ (1530/31), Stuttgart 2002, 116; vgl. Martin Luther, Werke (WA), Tischreden, Bd. 2, 217.
  59. Vgl. Martin Luther, WA, Tischreden, Bd. 5, 257: »Ein anderer erzählte viel von den Gotteslästerungen der Juden und fragte, ob es einem Privatmann erlaubt sei, einem gotteslästerlichen Juden einen Faustschlag zu versetzen. Er antwortete: Ganz gewiss! Ich wollte einem solchen eine Maulschelle geben. Wenn ich könnte, würde ich ihn zu Boden werfen und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren. Da es nämlich nach menschlichem und göttlichem Recht erlaubt ist, einen Straßenräuber zu töten, viel mehr einen Gotteslästerer.«
  60. Günther Bernd Ginzel, Martin Luther – »Kronzeuge des Antisemitismus«, in: Heinz Kremers (Hg.), Die Juden und Martin Luther – Martin Luther und die Juden, 189-210. Ginzel verweist (a.a.O., 190) auf Eduard Lamparter, Evangelische Kirche und Judentum. Ein Beitrag zum christlichen Verständnis von Judentum und Antisemitismus, 1928, 17: »Der Luther, welcher die zwei Schriften ‚Von den Juden und ihren Lügen‘ und ‚Vom Schem Hamphoras und dem Geschlecht Christi‘ niedergeschrieben hat, ist zum Kronzeugen des modernen Antisemitismus geworden.«
  61. Vgl. z. B.: Friedrich-Wilhelm Marquardt, Zur Reintegration der Tora in eine Evangelische Theologie (1987), in: ders., Auf einem Schul-Weg. Kleinere christlich-jüdische Lerneinheiten, 2. Aufl., hg. v. A. Pangritz, Aachen 2004, 229-255.
  62. Vgl. Friedrich-Wilhelm Marquardt, Evangelische Freude an der Tora, Tübingen 1997.
Download PDF
Andreas Pangritz

Unser Gastautor Prof. Dr. phil. Andreas Pangritz hat den Lehrstuhl für Systematische Theologie am Evangelisch-Theologischen Seminar der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn inne und ist dort Direktor des Ökumenischen Instituts. Er ist Mitglied u.a. im Ausschuss "Christen und Juden" der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Theologie Dietrich Bonhoeffers, das christlich-jüdische Verhältnis, die Theologie Friedrich-Wilhelm Marquardts sowie Dialektische Theologie und Kritische Theorie.

AG

c/o Ev. Akademie zu Berlin
Charlottenstraße 53/54
10117 Berlin (Mitte)
[email protected]