Impulse für den Gottesdienst – Predigt

Traditionell eignet sich das Judentum in der Predigt leider hervorragend als dunkle Folie, auf der das Christliche umso heller und vermeintlich schöner erstrahlt. Gerade in Zeiten verunsicherter gesellschaftlicher und religiöser Identitäten, steigert sich diese Gefahr. Man profiliert sich auf Kosten der anderen und grenzt sich plakativ von einem verzerrt beschriebenem Gegenüber ab. Drei problematische Strategien seien genannt.

 

(1) Gesetz und Evangelium

Evangelische Kirche lebt von der Lehre der Rechtfertigung des Sünders – allein aus Gnade um Christi willen durch den Glauben. Für Martin Luther und die anderen Reformatoren war das die Gegenbotschaft zu dem, was sie in der römischen Kirche erlebten: eine dauernde Ungewissheit des Menschen angesichts der Frage, ob das eigene Leben dem Urteil Gottes genügt und wie verdienstvoll die eigenen Werke denn nun sind. Diese kirchlichen Missstände nahm man auch auf einem biblischen Hintergrund wahr. Stand nicht schon dort zu lesen, dass sich Gesetz und Evangelium widersprechen? Dass das Evangelium das Gesetz aufhebt? Und ist damit nicht klar, dass Jüdinnen und Juden so etwas wie die Archetypen der Probleme sind, die jetzt in der Kirche begegnen? Die spezifisch evangelische Pointe der Judenfeindschaft war aus der Rechtfertigungslehre geboren. Auf einmal gab es die Vorstellung von einem gescheiterten „jüdischen Heilsweg“ und einem „Ende des Gesetzes“, wofür man auf Römer 10,4 verwies und diesen Vers so deutete, wie er von Paulus ganz sicher nicht gemeint war.

 

(2) Partikularismus – Universalismus

Nicht erst seit der Reformationszeit begegnet das Denkmodell, wonach das Jüdische für einen verengten, lediglich auf das Volk Israel bezogenen Horizont stehe, der durch Jesus überwunden sei. So konnte Luther die „Zehn Gebote“ als der Juden „Sachsenspiegel“ bezeichnen, die im universaleren und wahreren Licht der Christusbotschaft überprüft werden müssten. Dabei vergaß man die differenzierte Zusammengehörigkeit von der Erwählung des Einzelnen/des Volkes und der Beziehung Gottes zu aller Welt, die sich bereits bei Abram zeigt (Genesis 12,3) und die sich im Neuen Testament vielfach findet (vgl. nur Lukas 2,29–32; Römer 15,8–12).

 

(3) Falsche Hoffnung – Erfüllung in Christus

Nicht nur das Scheitern des Gesetzes warf man Jüdinnen und Juden vor, sondern auch deren falsche Hoffnung. Sie richtete sich vermeintlich auf Innerweltliches. Juden würden einen königlichen Messias erwarten, der die Welt politisch wieder in Ordnung bringt. Mit Jesus aber sei etwas Neues und Anderes, Tieferes und Bedeutsameres auf die Welt gekommen – ein König nicht von dieser Welt, der gerade so die jüdische Erwartung mehr als erfüllt. „Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit“ (EG 12,2). Damit aber konnte die alte, jüdische Erwartung als vorläufig und erledigt bezeichnet werden und sich christlicher Triumphalismus breitmachen.

Auf diese Weisen ließ sich über Jahrhunderte plakativ predigen, so dass die entsprechenden Haltungen nicht leicht zu verlernen sind. Selbst Predigende, die ganz bestimmt nicht antijüdisch sein wollen, sprechen plötzlich doch wieder davon, wie aus einem wütend schnaubenden jüdischen Saulus der christliche Paulus wurde (obwohl der Jude Paulus aus Tarsus von Anfang an einen jüdischen und einen römischen Namen trug), wie an Pfingsten plötzlich und erstmals die ganze Welt im Blick des Handelns Gottes gewesen sei, wie mit Jesus die Hoffnung auf die Auferstehung in die Welt gekommen wäre (als ob es vor Jesus keine Hoffnung gegeben hätte). Es gilt, die antijudaistischen Stereotype zu durchbrechen. Das ist keineswegs nur ein Diätprogramm, bei dem nun dies oder jenes nicht mehr auf dem Speiseplan der christlichen Predigtrede stehen dürfte, sondern es ist vielmehr eine wohlschmeckende Erweiterung des Speisenangebots am Tisch des Wortes Gottes.

 

In drei Aspekten deute ich an, was sich neu wahrnehmen lässt.

 

(1) Das Gesetz entdecken

Zu viele Christinnen und Christen haben über Jahrhunderte die Augen davor verschlossen, dass Gesetze Gottes gute Weisung für seine Menschen ist. Das Gesetz stellt den Willen Gottes für diese Welt vor Augen. Das ist die Pointe der jüdischen Halacha, der Auslegung des Gesetzes: Es geht um das Leben in seiner Alltäglichkeit im Licht des Wortes Gottes! Wer nach relevanter Predigt sucht, kann vom Gesetz nur lernen.

 

(2) Phantasievoll und akribisch die Bibel lesen

Wer anfängt, mit Jüdinnen und Juden die Bibel zu lesen (und nicht die Bibel gegen sie auszulegen!) kann sie neu entdecken. Traditionelle jüdische Auslegung nimmt die Bibel unbedingt ernst und liest akribisch Satz für Satz, Wort für Wort; sie nimmt sich genau deshalb aber zugleich die Freiheit, die Bibel phantasievoll zu lesen, die eigenen (Lebens-)Erfahrungen in die Lektüre der Bibel mithineinzunehmen. Beides funktioniert nur miteinander – und beides stellt ein heilsames Gegengift gegen die großen Probleme des Umgangs mit der Bibel in der Neuzeit dar: den Liberalismus, der die Bibel in einen alten Text verwandelt, aus dem man das eine oder andere vielleicht noch brauchen kann. Und den Fundamentalismus, der die Bibel zwar Wort für Wort ernst nehmen möchte, aber die Freiheit verliert, die zum Umgang mit diesem Wort gehört. Gleichzeitig ist solches Lesen der Bibel das wirksamste Gegengift gegen langweilige Predigten, die die immer gleichen konventionellen Aussagen wiederholen.

 

 

(3) Den Eindeutigkeiten entkommen – und so dem Glauben von Menschen näher sein

Glaubenserfahrung ist nie eindeutig. Und auch Christinnen und Christen sind nicht einfach fertig. Es ist unbarmherzig, in der Welt, in der wir leben, die Erfüllung behaupten zu müssen. Befreiend ist es, das Leben getragen von Gottes Verheißungen zu sehen – und (mit Paulus!) Jesus als den zu sehen, der die Verheißungen bestätigt (2. Korinther 1,20). Predigten können so barmherzig, realistisch und hoffnungsvoll werden.

 

Gott streicht immer wieder durch, was wir von ihm zu wissen meinen.

Gott handelt neu und überraschend. Auch und sogar in, mit und durch unsere Predigten. Wir haben ihn nicht, er geht nicht auf in unseren dogmatischen Denksystemen und sprachlichen Konstruktionen. Gott streicht immer wieder durch, was wir von ihm zu wissen meinen. Unsere Sprachbilder von Gott bringt er zum Einsturz. Das bietet die Chance für Predigten, die Gott nicht haben und an die Gemeinde austeilen, sondern die ihn erhoffen und sich klagend und suchend nach ihm ausstrecken. Solche
Predigten stehen an der Seite unserer jüdischen Geschwister im Glauben – unterwegs mit unserem Gott dem Tag entgegen, an dem die Fragen ein Ende haben und ER alles in allem ist (1. Korinther 15,28). Obwohl: Wäre das wirklich ein wünschenswertes Bild des neuen Himmels und der neuen Erde – ein Ort, an dem wir nichts mehr fragen? Der Himmel, den ich mir erträume, ist wohl doch eher ein großes Lehrhaus, in dem Gott mit uns die Schrift studiert.

 

Der Himmel, den ich mir erträume, ist wohl doch eher ein großes Lehrhaus, in dem Gott mit uns die Schrift studiert.

 

 

Impuls für die Praxis

Wir empfehlen die „Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext“. Hier werden von Kirchenjahr zu Kirchenjahr für jede Perikopenreihe Predigthinweise, Meditationen und Impulse erarbeitet. Ziel der Predigtmeditationen ist es, die Predigttexte des christlichen Gottesdienstes mit der jüdischen Tradition und Gegenwart ins Gespräch zu bringen und diese für den Gottesdienst insgesamt fruchtbar zu machen.

Alexander Deeg

Prof. Dr. Alexander Deeg ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig und Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der VELKD. Geb. 1972 in Rehau (Oberfranken). Studium der evangelischen Theologie und Judaistik in Erlangen und Jerusalem. Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern. 2000 bis 2009 Assistent am Lehrstuhl für Praktische Theologie (Prof. Dr. Martin Nicol) in Erlangen. 2005 Promotion mit einer Arbeit zur Predigt im jüdisch-christlichen Kontext (Predigt und Derascha. Homiletische Textlektüre im Dialog mit dem Judentum). 2011 Habilitation mit Überlegungen zur evangelischen Fundamentalliturgik. 2009 bis 2011 Leiter des Zentrums für evangelische Predigtkultur der EKD in Wittenberg. Seit 2011 Professor für Praktische Theologie in Leipzig.

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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

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