Zwischenruf »Juden und Judentum im neuen Katechismus der Katholischen Kirche« (1996)

© Gesprächskreis »Juden und Christen« beim ZdK, 27.11.1996 (zuletzt veröffentlicht auf den Seiten des ZdK)

 

Zwischenruf »Juden und Judentum im neuen Katechismus der Katholischen Kirche« (27.11.1996)


 

I. Vorwort

„Wenn der Katechismus der Katholischen Kirche direkt auf das Judentum zu sprechen kommt, ist anzuerkennen, daß er nicht hinter die Aussagen des Konzils über die Juden und über das Verhältnis der Kirche zum Judentum zurückfällt … In anderen wichtigen Punkten bleibt er hinter den Erwartungen zurück, die man heute an ihn stellen muß.“ Dieses Zeugnis stellt der Gesprächskreis „Juden und Christen“ dem Weltkatechismus von 1992 für seine Darstellung der Juden und des Judentums aus. Der am 29. Januar 1996 veröffentlichte „Zwischenruf“ zum Katechismus hat bei zwei jüdischen und zwei katholischen Wissenschaftlern aus den Vereinigten Staaten, die auf unsere Einladung hin Stellung genommen haben, ein starkes Echo gefunden. Trotz grundsätzlicher Übereinstimmung mit ihren Dialogpartnern in Deutschland setzen die amerikanischen Autoren unter- schiedliche Akzente, sie bereichern und korrigieren unseren „Zwischenruf“. Vor allem sind wir ihnen dankbar, daß sie die Bewertung des römischen Dokumentes in den größeren Zusammenhang rücken: Wie steht es in Rom, in den Vereinigten Staaten und in Deutschland mit der Weiterentwicklung der christlich-jüdischen Beziehungen und ihrer theologischen Vertiefung dreißig Jahre nach der bahnbrechenden Konzilserklärung „Nostra aetate“?

Wir danken unseren amerikanischen Dialogpartnern und der Übersetzerin Johanna Schmid aus Augsburg.

Prof. Dr. Hanspeter Heinz, Augsburg
Vorsitzender des Gesprächskreises

 

II. Dokumentation Juden und Judentum im neuen Katechismus der Katholischen Kirche

– Ein Zwischenruf –

Im Jahr 1992 ist der „Katechismus der Katholischen Kirche“ (KKK) erschienen. Der Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat den Katechismus unter dem Gesichtspunkt durchgesehen, wieweit hier die Bemühungen um eine neue Sicht des Judentums ihren Niederschlag gefunden haben.

Der KKK steht in einer jahrhundertelangen Katechismus-Tradition der Kirche. In den Katechismen fanden Christen von jeher eine kurze Zusammenfassung der christlichen Lehre für ihre Zeit. An Katechismen haben Priester und Laien ihr Grundverständnis des christlichen Lebens gebildet. Im Gemeinde, Schule und Familie waren Katechismen von großer pastoraler Bedeutung.

Wir sehen heute, daß die Behandlung Israels und des Judentums in vielen Katechismen, die vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil erschienen sind, unzureichend war. Die Katechismen hatten judenfeindliche Tendenzen, machten Juden unberechtigte Vorwürfe, stellten die jüdische Lehrtradition und das jüdische Leben in der Bibel verzerrt dar und nahmen das nachbiblische Judentum in seiner Eigenständigkeit nicht wahr. Sie bildeten eine wichtige Stütze für die christliche Verachtung des Judentums, die sich so verhängnisvoll ausgewirkt hat.

In der Erklärung „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils vom 28.10.1965 hat die Kirche ihr Verhältnis zum Judentum neu bestimmt. Sie erinnerte sich, daß sie mit dem Judentum geistlich verbunden ist. Seitdem ist die Kirche auf dem Weg, das Judentum besser zu verstehen und ihr eigenes Verhältnis zum Judentum neu zu definieren. Wichtige Schritte auf diesem Weg waren seitdem die „Richtlinien und Hinweise für die Durchführung der Konzilserklärung ‚Nostra aetate‘, Artikel 4“, die von der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum am 1. Dezember 1974 herausgegeben wurden. In dieselbe Richtung gehen die „Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der katholischen Kirche“, die von derselben vatikanischen Kommission am 26.04.1985 publiziert wurden. Papst Johannes Paul II. hat das Judentum in vielen Ansprachen und anläßlich des Besuchs jüdischer Gemeinden auf seinen Pastoralreisen neu gewürdigt.

Der neue „Katechismus der Katholischen Kirche“ mag sich in Inhalt und Form, in Intention und Adressatenkreis von seinen Vorgängern unterscheiden. Aber auch er will „sichere Norm für die Lehre des Glaubens“ und darüber hinaus „sicherer authentischer Bezugstext für die Darlegung der katholischen Lehre und in besonderer Weise für die Ausbildung der örtlichen Katechismen“ (Johannes Paul II. in der einführenden Apostolischen Konstitution) sein. Darum ist seine Bedeutung für die Kirche der Gegenwart nicht zu unterschätzen. In der zur Zeit geführten Diskussion um den KKK würde auf positive Momente, aber auch auf Schwächen hingewiesen. Auch wir haben zu unserem Thema eine differenzierte Stellungnahme vorzutragen.

Wenn der KKK direkt auf das Judentum zu sprechen kommt, ist anzuerkennen, daß der KKK nicht hinter die Aussagen des Konzils über die Juden und über das Verhältnis der Kirche zum Judentum zurückfällt. Daß Jesus Jude war und die Thora positiv gewürdigt hat (423, 577), wird klar gesagt. Die Pharisäer und das Verhältnis zu ihnen werden differenziert dargestellt (579, 595). In dem Abschnitt „Das Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk“ (839) zitiert der KKK ausdrücklich das Konzil und erwähnt die Unwiderrufbarkeit der Erwählung Israels (121, 839). Vor allem wird eindeutig gesagt: Die Juden sind für den Tod Jesu nicht kollektiv verantwortlich (597). Gelegentlich wird sogar auf die Bedeutsamkeit heutigen jüdischen Lebens für ein besseres Verständnis der christlichen Liturgie hingewiesen (1096). – Diese und andere Aussagen sind ein hoffnungsvolles Zeichen für die Ernsthaftigkeit, mit der die Kirche ihr Verhältnis zum Judentum erneuern will.

In anderen wichtigen Punkten bleibt der KKK aber hinter den Erwartungen zurück, die man heute an ihn stellen muß. Es fehlt eine angemessene positive Darstellung des Judentums als der älteren Schwester des Christentums. Von der Gottes- und Nächstenliebe als Zentrum jüdischer Existenz, von der Wertschätzung der Thora, von der Heiligung des göttlichen Namens und von der Heiligung des Alltags auch im nachbiblischen Judentum ist nicht die Rede. Darüber hinaus fehlt im KKK das Bemühen, das Jüdische im Christentum aufzuzeigen; wenn aber auf das Jüdische im Christentum hingewie- sen wird, geschieht das so, daß das Jüdische dabei seinen Eigenwert verliert oder zur Vorstufe des Christentums wird. Das Wort von Papst Johannes Paul II. beim Besuch der großen Synagoge Roms am 13.04.1986 scheint hier vergessen zu sein: „Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas Äußerliches, sondern gehört in gewisser Weise zum Inneren unserer Religion. Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie zu keiner anderen Religion.“

Der lebendige Zusammenhang zwischen Kirche und Judentum hätte sich in allen vier Teilen des KKK (Glaubensbekenntnis, Mysterien, Ethik, Gebet) aufzeigen lassen. Zwar werden zentrale Aussagen aller vier Teile, im einzelnen allerdings sehr unterschiedlich, aus dem „Alten Testament“, der jüdischen Bibel, als unverzichtbarer Grundlage christlichen Glaubens und Lebens heraus entfaltet. Aber diese Aussagen werden nicht, sofern und wo sie es sind, als gemeinsame Glaubensaussagen von Juden und Christen vorgestellt. So fehlt – um nur einige Beispiele zu nennen – in den Abschnitten über die Gotteslehre ein Hinweis darauf, daß der Glaube an den einen Gott (200), der gnädig und barmherzig ist (210, 211), auch der Glaube des heutigen Judentums ist, wie es in dem von der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebenen Katholischen Erwachsenenkatechismus von 1985 vorbildlich geschieht (63, 75). Einen entsprechend klaren Hinweis sucht man auch bei den Aussagen über den Dekalog und das Liebesgebot vergebens (2055). Die Verwandtschaft zwischen dem Vater unser (2765) und der Euchari- stie einerseits und heutigen jüdischen Gebeten und Feiern ande- rerseits ist kaum angedeutet.

Der KKK tut sich offensichtlich schwer, das nachbiblische Judentum als eigenständige heilsgeschichtliche Größe neben der Kirche und insbesondere als das Volk des von Gott nie gekündigten Bundes anzuerkennen. Das zeigt sich weniger dort, wo er ausdrücklich vom Judentum redet, als an den Stellen, wo er von der Kirche so spricht, als gäbe es das Judentum nicht, obwohl es von der Sache her geboten wäre.

Wenn der KKK auf das Verhältnis von Israel/Judentum einerseits und Kirche andererseits zu sprechen kommt, wird seine Sprache oft oszillierend und seine Theologie widersprüchlich. Es gibt Passagen, die der vom Konzil zurückgewiesenen Auffassung, wonach die Kirche, das „neue“, eigentliche Gottesvolk, an die Stelle des „alten“ Gottesvolkes getreten sei, nahekommen (674, 761-763). Zwar wird mit dem Neuen Testament herausgestellt, daß Israels Berufung unwiderruflich ist (839), aber an anderen Stellen entsteht der Ein- druck, daß der Bund mit Israel doch gebrochen und durch den neuen, ewigen Bund Gottes in der Kirche ersetzt sei (762). Auch wie das Kommen des verherrlichten Messias davon abhängig gemacht wird, daß Jesus von ganz Israel anerkannt wird, über dem „Verstockung“ liegt (Röm 11,25), ist für jüdisches Selbstverständnis schwer erträglich, weil es den Juden die Verantwortung für den Anbruch bzw. das Ausbleiben der Endzeit auferlegt (674).

Vor allem auf drei Feldern gelingt es dem KKK nicht, den Erneuerungswillen der Kirche umfassend zu realisieren. Hier bleiben Defi- zite, die es auch schon in früheren Katechismen gab:

  1. Das Verhältnis der beiden Testamente der einen christlichen Bibel erscheint in einem undeutlichen Zwielicht. Einerseits wird der eigene Offenbarungswert des „Alten Testamentes“ mehrfach bekräftigt (121-123, 129). Andererseits wird er durchgängig relativiert. Dies liegt vor allem daran, daß das Alte Testament mit Hilfe der „typologischen“ Auslegungsmethode entgegen der Bejahung seines Eigenwertes (121) vorherrschend als unvollkommene Vorform („Typos“) erscheint, die erst im Neuen Testament ihre Vollkommenheit findet. Nach dieser „Typologie“ ist das, was Gott im Alten Testament sagt, ganz auf das Neue Testament ausgerichtet und erhält erst hier seine Endgültigkeit (140). Das zeigt sich z.B. an der Art der Darstellung einiger wichtiger Themen, die hier kurz aufgelistet werden: Die prophetischen Verheißungen der Liebe sind im neuen und ewigen Bund in Erfüllung gegangen (2787); die Hinrichtung Jesu kündigt die Zerstörung des Tempels von Jerusalem an (586); der Wortlaut des alten jüdischen Gesetzes ist „Zuchtmeister“ (Gal 3,24), um Israel Christus entgegenzufüh- ren (708); das Gesetz ist die Vorbereitung auf das Evangelium; es liefert dem Neuen Testament „Typen“, um das neue Leben nach dem Geist zu veranschaulichen (1964); das jüdische Exil steht im Schatten des Kreuzes, und der „heilige Rest“, der aus dem Exil zurückkehrt, ist ein Bild der Kirche (710). Beim Augustinuswort ‚Das Neue Testament ist im Alten verhüllt, das Alte im Neuen enthüllt‘ fehlt eine theologische Reflexion (129, 2763). – Diese Art der Typologie muß notwendigerweise dazu führen, daß die Hebräische Bibel als unvollkommene Vorform zum Neuen Testament erscheint. Die Typologie hält die bei- den Testamente im KKK zusammen. Damit ist die Gefahr gegeben, daß die Geschichte des biblischen Israel und die im Judentum konstitutive Erinnerung an diese Geschichte aufgelöst wird. Darum kann die Typologie, wie sie hier angewandt wird, eine mildere Form der Enterbung Israels sein, von der die Kirche in anderen Verlautbarungen längst Abschied genommen hat.
  2. Der kirchliche Antijudaismus, der seine Wurzeln in der Ablö- sung der frühen Kirche vom Judentum und der dadurch hervorgerufenen antijüdischen Polemik schon im Neuen Testament hat und der durch einige Vorgänger des KKK in der Kir- che große Verbreitung fand, ist nicht angesprochen. Ein solches Versäumnis ist heute schwer verständlich. Ein Katechismus nach der Schoa hätte auf die Schuldgeschichte der früheren Katechismen hinweisen, ihre Auswirkungen benennen und die notwendigen Konsequenzen daraus ziehen müssen.
  3. Der KKK versäumt die Chance, das erneuerte Verhältnis von Juden und Christen als Zeichen der Hoffnung inmitten einer unerlöst scheinenden Welt und als Herausforderung zu getrennt-gemeinsamer Arbeit für das Kommen des Gottesrei- ches zu präsentieren.

Zusammenfassend darf an die Erklärung unseres Gesprächskreises von 1988 „Nach 50 Jahren – wie reden von Schuld, Leid und Versöhnung?“ erinnert werden: „Heilung unserer Wunden kann es nur geben, wenn den ersten Schritten aufeinander zu viele Schritte miteinander folgen können, miteinander im Prozeß der Trauerarbeit und der Versöhnung und damit dann auch ausgesöhnt in die Zukunft. Heilung kann es erst geben, wenn wir gemeinsam auf das Reich Gottes warten, dafür arbeiten und so ‚dem Herrn Schulter an Schulter dienen‘ (Zef 3,9).“

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