»Die Reformation und die Juden: Eine Orientierung« (2014)

© Die Reformation und die Juden: Eine Orientierung. Erstellt im Auftrag des wissenschaftlichen Beirates für das Reformationsjubiläum 2017 (zuerst veröffentlicht auf den Seiten der Reformationsdekade)

 

Aus dem Inhalt der Orientierungshilfe vom Jahr 2014


[Vorwort]

Das Jubiläum von 2017 gilt nicht Martin Luther, sondern der Reformation. Gegenüber der Verengung auf die deutsche Geschichte, wie sie bei Lutherjubiläen früherer Zeiten betrieben wurde und schon dort unangemessen war, bringt diese Perspektive die europäische, ja weltweite Bedeutung der Reformation, auch und gerade in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen, in den Blick (s. die Perspektiven des Beirats von 2010). Der Gegensatz zwischen dem deutschen und dem englisch-amerikanischen Protestantismus, wie er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs herausgestrichen wurde und getrennte Welten eines durch Luther und eines durch Calvin geprägten Protestantismus markieren sollte, wobei man das lutherische Nordeuropa gern vergaß, gehört heute einer kaum noch bewußten Vergangenheit an. Der freikirchliche Protestantismus, der sich zum Teil aus den Strömungen am „linken Flügel“ der Reformation entwickelt hat, wird zunehmend als Element des gesamtreformatorischen Panoramas wahrgenommen. Auf der anderen Seite stehen auch Protestantismus und Katholizismus sich in den meisten Regionen der Erde nicht mehr als getrennte Welten gegenüber, wie es jahrhundertelang der Fall war. Der Grund für die an vielen Punkten zutage tretende Nähe ist nicht allein die ökumenische Bewegung und die gemeinsame Herausforderung durch eine weitgehend säkularisierte Kultur. Von entscheidender Bedeutung ist vielmehr, daß durch die Reformation, die vor 500 Jahren angestoßen wurde, alle Seiten, die verschiedenen Zweige des sich ausbreitenden Protestantismus, aber auch der Katholizismus, fundamental betroffen und geprägt wurden.

Dieser Vorgang war in der Tat fundamental. Denn er betraf nicht weniger als das Fundament der abendländischen Gesellschaft: Idee und Realität der einen von Papst und weltlicher Obrigkeit, an der ideellen Spitze dem Kaiser, geleiteten christlichen Welt, des corpus christianum, das das kirchliche, gesellschaftliche, kulturelle, politische Leben aller umfing. In der Überwindung der paganen Religionen im Ausgang der Antike geboren und seither nach innen gegen das die Rechtgläubigkeit verletzende Ketzertum verteidigt, war dieses kirchlich-weltliche corpus christianum, ungeachtet mancher Spannungen und Verschiebungen, für mehr als tausend Jahre Leitbild und Lebenswirklichkeit. Bereits im Spätmittelalter durch eine Fülle politischer, ökonomischer und sozialer Faktoren erschüttert, wurde es im Zuge der Reformation definitiv zerbrochen. An seine Stelle trat, in einem damals angestoßenen, aber sich über einen langen Zeitraum spannungsreich vollziehenden Prozeß das geduldete Nebeneinander der christlichen Konfessionen und schließlich, seit der Aufklärung, der Weg zur prinzipiellen Toleranz gegenüber religiösen und anderen weltanschaulichen Gegensätzen in einem nicht mehr christlichen, sondern weltanschaulich neutralen Staat.

Martin Luther hat mit dem unter die Gründe seiner Exkommunikation aufgenommen Satz, Ketzer dürften nicht vernichtet werden (“Ketzer verbrennen ist wider den Heiligen Geist“), das überlieferte Leitbild des kirchlich-weltlichen corpus christianum im Prinzip infrage gestellt. Mit seiner Aufforderung, man solle die Geister unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen „aufeinander platzen“ und die Wahrheit in freier Debatte siegen lassen, hat er einen alternativen, auf weltliche Einflußnahme verzichtenden Weg für den Umgang mit unterschiedlichen Überzeugungen verfochten. Mit dem immer wiederholten Leitsatz, der Glaube sei eine von Gott selbst im Inneren des Menschen hervorgebrachte, in keiner Weise politisch erzwingbare persönliche Überzeugung, hat er die theologische Begründung für jene Maximen geboten. In der Rede von den „zwei Regimenten“ Gottes – des allein mit dem Wort des Evangeliums geführten geistlichen Regiments, durch das Gott Menschen zu gläubigen Christen macht und als solche erhält, und des davon strikt zu unterscheidenden mit staatlicher Zwangsgewalt ausgestatteten weltlichen Regiments, durch das er für allgemeine gesellschaftliche Ordnung, Frieden und äußere Gerechtigkeit sorgt – hat er jenen Leitsatz zu einer theologisch-politischen Konzeption entwickelt. Mit seinem Auftritt vor dem höchsten weltlichen Repräsentanten der Christenheit, dem Kaiser, in Worms wurde er selbst zu deren Symbol. Diese Anstöße Luthers, allesamt in den frühen Jahren der Reformation ausgegangen, wurden von sämtlichen reformatorischen Strömungen bejaht und in z.T. unterschiedlicher Weise weiterentwickelt. Die damit gegebene Infragestellung des überlieferten Leitbildes des abendländischen corpus christianum haben sie alle geteilt.

Freilich ist das nur die eine Seite der Geschichte. In dem Maße, in dem die Reformation sich ausbreitete und institutionalisierte, folgten die Reformatoren und die evangelisch werdenden Gebiete Deutschlands und Europas auch ihrerseits dem Leitbild der von Kirche und Obrigkeit bei rechter Lehre und Glaubenspraxis gehaltenen christlichen Gesellschaft, nur jetzt im engeren Rahmen einzelner Territorien und auf der Grundlage evangelischer Lehre. Die reformatorischen Maximen, die die Freiheit des Glaubens gegenüber politischer Einflußnahme verfochten, wurden nur in engen Grenzen umgesetzt. Ungehindert kamen sie am ehesten in manchen Gruppen des „linken Flügels“ zur Geltung, die ihrerseits von den evangelischen Kirchen als politisch gefährlich verfolgt wurden. Anstöße der frühen Reformation wirkten erst nach und nach; daß sie in großem Stil die kirchlichen und politischen Verhältnisse in den evangelischen Gebieten Europas zu bestimmen begannen, dazu bedurfte es noch einer längeren Entwicklung und weiterer Einflüsse.

Der Theologe und Philosoph Ernst Troeltsch hat diese Doppelgesichtigkeit der Reformation einst in dem Satz zusammengefaßt, der Protestantismus sei in seinen Grundzügen und Ausprägungen zunächst weitgehend mittelalterlich geblieben; „das Unmittelalterliche, Moderne, das in ihm unleugbar bedeutsam enthalten ist, kommt als Modernes erst voll in Betracht, nachdem die erste … Form des Protestantismus zerbrochen ist.“ Das gilt insbesondere für Leitbild und Realisierung der christlichen Gesellschaft. Und das wird an keinem Punkt so deutlich wie am Umgang mit den Juden. Denn die Juden waren seit der Ausbildung des kirchlich-weltlichen corpus christianum der Sonderfall, der sich diesem Modell nicht integrieren ließ und nur mit Ausgrenzung zu beantworten war: mit der – graduell unterschiedlichen – Beschränkung auf ein Leben als Bewohner minderen Rechtes am Rande der Gesellschaft oder, so in weiten Teilen Europas seit dem Spätmittelalter, mit der Vertreibung. In der Frühzeit der Reformation, als Luther das corpus christianum-Modell prinzipiell infragestellte, hat er zugleich eine für damalige Zeiten unerhörte Forderung für den Umgang der christlichen Mehrheitsgesellschaft mit den Juden erhoben: Juden sollten das Recht haben, ohne jede Beschränkung mit den Christen zusammenzuleben. Später jedoch, als es um die konkrete Gestaltung evangelischer Kirchen und Gemeinwesen ging, haben Reformatoren, Luther an der Spitze, Forderungen für den Umgang mit den Juden erhoben, die an die restriktivsten und destruktivsten Praktiken des Mittelalters anknüpften. Luther forderte nun, die Juden auch aus den evangelischen Territorien des Reiches flächendeckend zu vertreiben oder zumindest ihre religiöse Infrastruktur zu zerstören und ihnen einen sklavenähnlichen Status zuzuweisen. So blieb es dabei, daß Juden als Fremdkörper galten, die nicht in die christliche Gesellschaft gehörten. Erst mit dem preußisch-norddeutschen Pietismus, der die Identität von Christentum und Gesellschaft erneut und nun mit größerer praktischer Wirksamkeit infragestellte und sich dabei programmatisch dem frühreformatorischen Luther zuwandte, sowie in Teilen der Aufklärung kamen die Impulse zum Tragen,

die Luther einst in die Welt gesetzt hatte. An diesen Impulsen orientierte sich nun für Jahrhunderte der vorherrschende protestantische Diskurs. Doch wurden im 19. Jahrhundert in völkisch-antisemitischen Kreisen die gegen die Juden gerichteten Forderungen des späten Luther wieder in Erinnerung gebracht und mit dem eigenen, nicht mehr religiösen, sondern rassebiologischen Programm verbunden – ein Prozeß, der in der Inanspruchnahme Luthers für den nationalsozialistischen Antisemitismus seinen Höhepunkt erreichte. An dieser Entwicklung waren, je länger, je mehr, auch protestantische Theologen beteiligt. Zugleich beriefen sich evangelische Kritiker der nationalsozialistischen Judenpolitik, vereinzelt in Deutschland (z.B. Dietrich Bonhoeffer), vor allem aber im lutherischen Nordeuropa, auf Martin Luther und hielten damit an der Orientierung am frühreformatorischen Luther fest. Die Verbindung von Rassenantisemitismus und Teilen des Protestantismus erwies sich damit als ein in besonderer Weise deutsches und in eine bestimmte Phase der deutschen Geschichte gehörendes Phänomen. Für die deutschen evangelischen Kirchen aber stellt sie den Tiefpunkt ihrer Geschichte dar. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten ihren Anteil an der deutschen Schuldgeschichte bekannt, zu der auch die Wiederanknüpfung an Luthers späte Judenschriften gehört. Diese gelten ihnen heute – wie früher für lange Zeit – wieder als mit den Grundsätzen seiner eigenen Theologie und dem Neuen Testament schlechterdings unvereinbar. Mit der Bejahung der religiösen Neutralität des Staates und gleicher Rechte für alle Religionsgemeinschaften, allen voran das Judentum, tragen die evangelischen Kirchen dazu bei, den institutionellen Riegel zu festigen, der eine Wiederkehr der Entrechtung und Verfolgung von Juden dauerhaft verhindert.

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