Impulse für den Gottesdienst – Votum

„Die ersten Worte im Gottesdienst sind wichtig. Menschen kommen aus dem Bett, vom Frühstück, von irgendwo, und es soll deutlich werden, was nun ‚angesagt’ ist, wo sie sich befinden und was folgt. Dem dient neben der persönlichen Ansprache auch die Ansage des Namens, in dem wir zusammenkommen. Wir sind nicht allein im eigenen Namen versammelt.“ 1

Die Namen Gottes sind viele und Vater ist nur einer von ihnen. Diese Vielfalt gilt es mithilfe der Hebräischen Bibel wieder ins Gedächtnis zu rufen.

„Insgesamt lässt sich für das Alte Testament festhalten, dass Gott zwar in je konkreten Beziehungen Vater genannt werden kann, dass das jedoch nur recht selten geschieht, und vor allem, dass von einer definitorischen Bezeichnung Gottes als Vater nicht die Rede sein kann. Vielmehr handelt es sich um Bildworte und Wortbilder. Die Bibel spricht von Gott in vielen solcher Bildworte. Sie hält das Bilderverbot in den ‚Zehn Geboten’ ein, indem sie viele Bilder entwirft und keinem eine alleinige Gültigkeit zuerkennt oder gar Definitionsmacht verleiht. Von Gott also ist in der Bibel ebenso als Mutter wie als Vater die Rede, als Weberin wie als Töpfer, als Henne wie als Adler, als Amme wie als König, als Quelle wie als Burg. Gott kann wie ein Vater und eine Mutter handeln. Wo das Bild und die Beziehung verloren gehen und die Anrede zur Satzwahrheit, zur Definition gerinnt, verstößt diese gegen das biblische Bilderverbot, indem sie über Gott verfügt und Gott definiert, d. h. begrenzt.

Die liturgische Wendung ,Im Namen Gottes, des Vaters‘ wird mithin dann falsch, wenn sie den Eindruck erweckt, Gott sei nun einmal ein Vater (und darum keine Mutter). Eine liturgische Variation, deren Beginn etwa lauten kann: ,Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, der für uns Vater und Mutter ist‘ oder ,die für uns Vater und Mutter ist‘ ist mithin keine Preisgabe der biblischen Wahrheit an den Zeitgeist, geschweige denn eine feministische Marotte, sondern das Resultat eines genaueren Hörens auf die biblischen Zeugnisse selbst.“ 2

 

Gott ist keine festgefügte, von uns zu definierende Gestalt!

Im Eingangsvotum kommt also eine Öffnung hin zum Bilderverbot zum Vorschein. Gott ist keine festgefügte, von uns zu definierende Gestalt! Gott ist wie ein Vater, eine Mutter, ein Windhauch … Es entstehen bunte Bezüge, Vergleiche, die uns Gott in unsere bescheidenen und gleichzeitig reichen Sprachmöglichkeiten hineinwebt.

Anders und poetischer gesagt: „Du bist, wie du bist: Schön sind deine Namen. Halleluja. Amen (EG 664,1-3) – so lautet der Kehrvers des von Friedrich Karl Barth getexteten und von Peter Janssens vertonten neueren Kirchenliedes ,Wir strecken uns nach dir aus‘. Und die Namen, die da in ihrer Schönheit besungen werden, heißen ,Lebendigkeit‘ und ,Barmherzigkeit‘, ,Wahrhaftigkeit‘ und ,Gerechtigkeit‘, ,Beständigkeit‘ und ,Vollkommenheit‘ … – allesamt Eigenschaften Gottes, mit denen Gott hier namhaft gemacht und Gottes Lob gesungen wird. Und dann folgt das ,Halleluja‘, ein hebräisches Wort, das in unserer Sprache Heimat gefunden hat.“ 3

An diesen Ort „Heimat“ lassen wir uns mit dem Eingangsvotum einladen. Wir nähern uns fremd und doch vertraut dem Gott, der im Judentum auch ha maqom (der Ort) genannt wird.

Impuls für die Praxis

Die Vielstimmigkeit im Gottesnamen auch im trinitarischen Akkord hörbar zu machen, könnte mit diesem Votum gelingen:

„Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, der uns Vater und Mutter ist, im Namen von Jesus Christus, der uns Bruder und Befreier ist, und im Namen des Heiligen Geistes, der uns tröstet und uns Mut macht.“

Das Votum könnte auch lauten: „Im Namen des einen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ So wäre die christlich und jüdisch geglaubt und erfahrene Einheit und Einzigkeit Gottes hervorgehoben.

Zuhören

Wie wird im Judentum darüber nachgedacht, wie Gott alles, überall und ganz anders sein kann und zugleich greifbar und durch Namen benennbar? Im Judentum ist das Grundwort für Gottes erfahrbare Anwesenheit in unserer Welt das Bei-den-Menschen- Wohnen.

„Vom Verb schachan, wohnen, abgeleitet ist die Bezeichnung für das Gotteshaus der Wüstenzeit, den Mischkan, ,Wohnstätte‘ (Exodus 38, 21 u.o.)“, schreibt Pnina Levinson. „Die Rabbinen schufen ausweitend die Bezeichnung Schechina, ,Einwohnung‘, für die Gegenwart Gottes bei den Menschen. Gott ist überall – er ist ‚der Ort der Welt‘.“

Wie aber kann Gott zugleich der Ort der Welt (ha maqom) sein und zugleich selber im Mischkan weilen? „Dazu brauchte ein palästinensischer Talmudmeister im 3. Jahrhundert das Gleichnis von der Höhle am Meeresstrand. Steigt die Flut, so erfüllt sie die Höhle, ohne daß das Meer dadurch weniger voll ist. So ist die ganze Welt von Gottes Glorie erfüllt, während der Glanz der Schechina im Heiligtum weilte (Midrasch Num Rabba, Perikope Nasse, Abs. 12,4).“ 4

  1. Hirsch-Hüffel, Thomas, http://gottesdienstinstitut-nordkirche.de/begruessung-und-eroeffnung-im-gottesdienst/. Hier auch wunderbare kritische Anmerkungen zu gängigen Begrüßungssätzen.
  2. Ebach, Jürgen: Das Alte Testament als Klangraum des evangelischen Gottesdienstes, Gütersloh 2016, 75f.
  3. Frettlöh Magdalene: Trinitarische Wohngemeinschaft. Ha Maqom, die geräumige Gottheit, in: Gott wo bist Du?, Knesebeck 2009, S. 79.
  4. Zitiert aus: Nave Levinson, Pnina: Einführung in die rabbinische Theologie. 3. erw. Auflage, Darmstadt 1993, S. 41f. / S. 43.
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Christian Staffa

Dr. Christian Staffa ist Studienleiter für Demokratische Kultur und Kirche an der Evangelischen Akademie zu Berlin und Mitglied des Vorstandes der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag; langjähriger Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (ASF); Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung AMCHA, Mitglied des Kuratoriums Instituts Kirche und Judentum, Mitglied im SprecherInnerat der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus und Vorstandsmitglied der Martin-Niemöller-Stiftung.

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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

AG

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