Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus

Enterbungstheologie, auch Substitutionstheologie genannt, beschreibt die lange im Christentum gepflegte Vorstellung, dass der Bund mit dem jüdischen Volk, den Gott mit Abraham schloss, von Gott gekündigt worden sei, weil die Juden die Botschaft Jesu nicht angenommen hätten. Die Erwählung sei seitdem auf die Kirche übergegangen. Diese Vorstellung war für viele Jahrhunderte Kern des christlichen Antijudaismus.
Als Beispiel dafür, wie tief das Problem in der Geschichte der Kirche verankert ist, kann eine Erklärung des Bruderrates der Bekennenden Kirche aus dem Jahr 1948 dienen. Es ist drei Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, im Jahr der Gründung des israelischen Staates. In der Erklärung heißt es:

„Die Erwählung Israels ist durch und seit Christus auf die Kirche aus allen Völkern, Juden und Heiden, übergegangen … Israel unter dem Gericht ist die unaufhörliche Bestätigung der Wahrheit, Wirklichkeit des göttlichen Wortes und die stete Warnung Gottes an seine Gemeinde. Dass Gott nicht mit sich spotten lässt, ist die stumme Warnung den Juden zur Mahnung, ob sie sich nicht bekehren möchten zu dem, bei dem allein auch ihr Heil steht.“1

Noch nach dem Nürnberger Prozess wird offen erklärt: Auschwitz ist die Strafe Gottes für die Juden. Eine solche eindeutig unbußfertige Stellungnahme wirft die Frage nach dem Ursprung solcher Gedanken auf und danach, warum sie so tief verankert sind. Ein Ansatzpunkt des Verstehens ist die Frühgeschichte des Christentums. Die Zurückweisung von Jesu Botschaft durch viele Jüdinnen und Juden warf tiefgreifende Probleme für die frühe Kirche auf. Jesus war ein Jude, alle seine Jünger waren ebenfalls Juden. Die Menschen, zu denen Jesus sprach, waren Juden. Die Schriften der Juden, die dann zur hebräischen Bibel wurden, waren zentrale Basis für alle Verheißungen und daraus abgeleiteten religiösen Ansprüche des Christentums.

 

Die Zurückweisung von Jesu Botschaft durch viele Jüdinnen und Juden warf tiefgreifende Probleme für die frühe Kirche auf.

Und gerade diese jüdische Gemeinschaft bzw. ein Großteil von ihr, aus deren Verheißungen sich der Messiasglaube an Jesus speiste, die die erste Adressatin von Jesu Umkehrruf war, deren Schriften für christliches Verständnis auf den Glauben an Jesus Christus zuliefen, wies das Christentum zurück. Damit gefährdeten Jüdinnen und Juden in der Wahrnehmung der meisten Kirchenväter, allein dadurch, dass sie Juden blieben, also durch ihre schiere Existenz, die Legitimität der Kirche. Wenn das Judentum einen eigenen Weg zum Heil habe, dann könnte der christliche Anspruch zweifelhaft sein, dass nur durch Jesus der Weg zum Heil führe. Und so musste ein Ausweg gefunden werden, nämlich die Lehre, dass die Kirche selbst nun das neue Israel, das auserwählte Volk sei. Begründet wurde dies damit, dass die Juden für Jesu Tod verantwortlich gewesen seien.

Es ist also gerade die Nähe zum Judentum, die für die nicht selten mörderische Ablehnung sorgt. Der Anspruch der Kirche, dass auf sie die Auserwählung Gottes übergegangen sei, stellte unmittelbar die Legitimität und die Existenz des Judentums in Frage. Die Enterbungstheologie wurde im deutschen Protestantismus in theologischen Diskussionen nach der Shoa kritisiert, was schließlich auch zu Änderungen der Grundordnungen führte. Beginnend mit der rheinischen Synode im Jahr 1980 bekannten sich in Deutschland EKD und Landeskirchen zur bleibenden Erwählung des Judentums.

 

Es ist also gerade die Nähe zum Judentum, die für die nicht selten mörderische Ablehnung sorgt.

 

  1. Zitiert nach: Münz, Christoph (o.J.): „Damit Gott sehe, dass wir Christen sind“. Über die Geburt des Antisemitismus aus dem Geist des Christentums.“ Online unter http://www.jcrelations.net/ber_die_Geburt_des_Antisemitismus_aus_dem_Geist_des_Christentums.2280.0.html?L=2&pdf=1
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Inhaltsverzeichnis der Broschüre

Vorwort von Bischof Markus Dröge

Grundlagen

  • Gottesdienst als Begegnungsraum (Aline Seel)
  • Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute (Christian Staffa)
  • Enterbungstheologie als Kern des christlichen Antijudaismus (Henning Flad)
  • Ein nie abgeschlossener Weg. Zur Geschichte und Bedeutung des jüdisch-christlichen Gesprächs (Andreas Goetze)

Impulse für den Gottesdienst

  • Votum (Christian Staffa)
  • Psalmen (Sylvia Bukowski)
  • Nächstenliebe (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Heilige Schrift (Claudia Janssen)
  • Zum Verlernen: Alttestamentarisch? – Alttestamentlich! (Helmut Ruppel)
  • Credo (Christian Staffa/Helmut Ruppel)
  • Predigt (Alexander Deeg)
  • Vergebung (Paul Petzel/Norbert Reck)
  • Abendmahl (Aline Seel)
  • Beten (Christian Stäblein)
  • Vater unser (Katharina von Kellenbach)
  • Aaronitischer Segen (Anne Gidion)
  • Kirchenlieder (Matthias Loerbroks)

Weiterarbeit

  • 10 Thesen zum christlich-jüdischen Gespräch (Peter von der Osten-Sacken)
  • Zum Vernetzen und Weiterlesen

Nachwort von Christoph Markschies

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